Название | Wunder wird es hier keine geben |
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Автор произведения | Goran Fercec |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783701746538 |
4
Der Stadtpark schließt um sechs. Bender steht vor dem versperrten Tor und verzieht das Gesicht. Er möchte die Passanten glauben machen, er sei enttäuscht, weil er zu spät gekommen ist, dabei hatte er gar nicht die Absicht gehabt, den Park von Norden her durch den Haupteingang zu betreten. Hier gelangt man durch ein gusseisernes Tor in der Mauer in den Park, von Süden her durch einen offenen U-Bahn-Tunnel. Der Haupteingang öffnet um elf Uhr und schließt um sechs, den anderen Eingang kennen jedoch nur wenige. Er befindet sich auf der Südseite. Zwei U-Bahngeleise und eine grasbewachsene Lichtung trennen ihn vom nächstgelegenen Wohnhaus. Wenn man aber die genaue Stelle nicht kennt, an der man den Drahtzaun auseinanderbiegen und sich durchschlängeln muss, kann man diesen Eingang nicht finden. Leichter ist es, wenn man in Begleitung kommt. Dann kann man sich gegenseitig helfen. So wurde es Bender erklärt, von den Typen, die den Park regelmäßig nachts frequentieren. Sie kommen und gehen ohne Zeugen und auch ohne jemanden, der ihnen helfen würde. Sie trudeln nach und nach ein, wenn der Nordeingang um sechs Uhr zugesperrt wird. Da auf der Mauer nach außen gebogene Spitzen angebracht sind, hat sich die Stadtverwaltung dagegen entschieden, einen Nachtwächter zu beschäftigen. Für die Männer, die sich nach sechs Uhr hier einfinden, bedeutet das eine Sache weniger, auf die sie in einer Kontrollgesellschaft achten müssen. Für Bender wird es das erste Mal sein. Die Dunkelheit ist auf die Minute pünktlich angebrochen. Der Park liegt im Halbdunkel. Die Vögel sind still. Die Kiefern weichen dem Wind aus. Auf der Straße zum Nordtor bewegt sich Bender so, als würde er ein anderes Ziel anpeilen, irgendwo weit weg vom Park. Dann biegt er ab und setzt seinen Weg auf dem Gehsteig fort, entlang des Geländers, das ihn von der verkehrsreichen Straße trennt, die zum Südeingang führt. Es gibt fast keine anderen Passanten. Der Verkehr ist so dicht, dass keiner der Autofahrer auf ihn achtet. Er nähert sich dem Park von der südlichen Seite. Seine Bewegungen sind sicher, als wäre er schon einmal hier gewesen. Die riskanteste Stelle ist jene, wo es darauf ankommt, zwei U-Bahngeleise zu überqueren. Wer es schafft, dem herandonnernden Zug auszuweichen, dem droht die Hochspannungsleitung. Wer es schafft, alle Hindernisse zu überwinden, den erwartet ein einsamer Spaziergang auf den Pfaden des Parks. Bender beruhigt seinen Atem und horcht. Er überquert die Schienen, anschließend die Betoninsel zwischen den Bahngeleisen, dann horcht er wieder und überquert das zweite Gleis. Er schlängelt sich durch den Bogen des offenen Tunnels und gelangt zu einer Lichtung, die aussieht, als würde sich jemand systematisch um sie kümmern. Unter den Sohlen spürt er Glassplitter, Plastik und Steine. Er geht schnell, in der Überzeugung, dass einem Menschen auf einer Lichtung zwangsläufig Gefahr droht. Mehrmals sieht er sich um. Die Abenddämmerung dauert kürzer als ein Augenaufschlag. Bender verkalkuliert sich und macht einen zu großen Schritt. Er landet ungünstig auf der verletzten Fußsohle. Der Schmerz breitet sich im gesamten Turnschuh aus. Er stützt die Hände auf die Knie und rastet kurz. Bis zum sicheren Park sind es wenige Meter, er muss bloß noch einige Hindernisse überwinden, die sich wie in einem Märchen zusehends häufen. Er hebt den verletzten Fuß und macht einige Sprünge. Dann hält er sich am Drahtzaun fest. Den schmerzenden Fuß lässt er kurz auf der Ferse ruhen und wartet, dass sich die Lage beruhigt. Aus dem Park dringt feuchte Luft, es riecht verrottet. Benders Lunge füllt sich mit dem Geruch der toten Blätter. Er beschließt, auf Zeit zu spielen, und zündet sich eine Zigarette an. Damit geht er in seiner exponierten Situation ein Risiko ein. Er macht einige Züge, verspürt jedoch Übelkeit. Er wirft die Zigarette zu Boden. Auf der Ferse humpelt er weiter, den Drahtzaun entlang, und sucht den Durchgang, von dem man ihm erzählt hat. Beim Gehen versuchen seine Knie, eine eigene Richtung einzuschlagen. Das Gehen auf der Ferse vermag den gesamten Körper gegen dessen Besitzer aufzubringen. Die Knie sind die labilste Schwachstelle. Seine Gelenke, geschwächt vom bürgerlichen Leben, versuchen, ihn aus dem Park zu befreien und zurück zum Stadtzentrum zu lotsen. Bender zwingt seine Knie, seinen Willen zu respektieren. Er ist es, der sie führt, und nicht umgekehrt. Er führt sie zu einem Spaziergang aus, den zu erleben bislang nur wenige Knie die Gelegenheit gehabt haben. Ein guter Bürger verdient es, dass sein Weg durchgehend beleuchtet bleibt, bis zum letzten Schritt, so lange, bis er selbst beschließt, in die Dunkelheit einzutreten. Bender hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Der Inhalt seiner Hosentaschen gräbt sich von selbst in die Handflächen. Der Schlüssel in die linke, Feuerzeug und Zigarettenschachtel in die rechte Hand. Rechts ist der Köder. Links die Ängstlichkeit. Er darf den Schlüssel auf keinen Fall irgendwo in der Dunkelheit verlieren. Er muss auf die Geräusche in seiner Umgebung achten. Jedes Geräusch, das nicht hierhergehört, ist ein Hinweis auf eine mögliche Gefahr. Er muss auf den Inhalt seiner Hosentaschen Acht geben. Das ist alles, was er hat. In der Dunkelheit etwas zu suchen, könnte sich als erniedrigend herausstellen. Bender umfasst die Schlüssel fester mit den Fingern. Der scharfe Rand hinterlässt einen Abdruck in der Handfläche. Er hört ein Trällern. Die Melodie bleibt hinter ihm, wie in Parfüm getunkte Brotkrumen. Köder. Vielleicht könnte er wieder eine Zigarette anzünden. Rauch ausblasen. Das Territorium seiner Nervosität kennzeichnen. Die Nacht ist noch jung. Er könnte eine Runde um den Park drehen, sein Begehren so verstecken, wie die Schlange ihre Beinchen versteckt, und nach Hause gehen. Er zündet sich eine Zigarette an. Dort, wo der Drahtzaun des Parks aufhört und eine dicke historistische Säule morphologisch und formal dieses Ende kennzeichnet, biegt Bender ab und geht weiter, wobei er mit der Hand den Zaun nach einer Schwachstelle abtastet. Seit dem neunzehnten Jahrhundert hat sich der Park nicht weiter ausgebreitet als bis zu diesem Punkt. Es gab keinen Platz mehr. Der Park blieb eingeklemmt zwischen Straßen, Wohnhäusern und U-Bahngeleisen. Er wurde zu einer Metapher für das banale bürgerliche Glück, das man tief einatmen konnte. Versteckt zwischen den Straßen taucht der Park stets unerwartet auf und bereitet dem zufälligen Passanten eine Überraschung. Wie ein grüner Stein, mitten im Asphalt. Bender erkennt am Gestank, dass er sich in der Nähe der Stelle befindet, wo Pflanzen, Wurzeln und Dünger verrotten, um Abfälle in Energie umzuwandeln. Der Gestank führt ihn dorthin, wo er hinkommen möchte. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Er erkennt nur vage seine Finger, denen sich die Glut der Zigarette bedrohlich nähert. Mit der Hand ertastet er die Stelle, an der die Drahtkonstruktion verbogen ist. Das ist die einzige Stelle, an der man illegal in den Park gelangen kann. Er muss unten durchkriechen, dort, wo schon Hunderte vor ihm das Material verbogen und abgenutzt haben. Der Gestank des verrotteten Grases ist dermaßen stark, dass Bender einen Augenblick lang ans Aufgeben denkt. Er zieht ein paar Mal an der Zigarette. Dann beruhigt sich sein Magen. Alle, die hineingegangen sind, haben den gleichen Weg und die gleiche Methode gewählt. Bender lässt die Kippe fallen und schaut sich um. Er hebt den Drahtzaun leicht an. Er wartet, bis die Autos in der Ferne vorbeigefahren sind, dann zieht er das Drahtgeflecht über seinen Kopf wie einen Schleier. Er schlängelt sich darunter durch, setzt seinen Fuß auf dem haarigen Bauch des Bodens ab und versucht, so leise wie möglich zu sein. Die trockenen Tage haben dafür gesorgt, dass die Feuchtigkeit aus dem Haufen Kompost entweichen konnte. Statt auf den Dünger tritt er auf eine Kuppel. Durch den Tunnel dringt das Donnern der U-Bahn. Die Autos klingen wie zischende Schlangen. Der Park ist still. Er weiß, man hat ihn schon bemerkt. Diejenigen, die vor ihm da waren, stehen im Dunkeln und warten darauf, dass er sich irgendwie ausweist. Er muss beweisen, dass er weder ein Polizist oder Inspektor noch ein Dieb oder ein Migrant mit einer diagnostizierten Posttraumatischen Belastungsstörung ist, oder womöglich eine andere Art eigenwilliger Rechtshüter, der willkürlich beschlossen hat, denen, die sich hier aufhalten, einen Verstoß gegen seine Gesetze vorzuwerfen. Bender zündet sich eine Zigarette an. Er spürt, wie die Stelle, auf der er steht, allmählich nachgibt und ihn wie etwas Lebendiges in sich aufnimmt. Wie Treibsand. Die rotierende Männermaschine hält für einen Augenblick inne und kehrt dann zu ihrem ursprünglichen Rhythmus zurück. Bender nimmt den Pfad, der in einem Bogen in Richtung Westen führt. Der Pfad ist zu kurz, da ist nichts los. Der südliche Teil ist vollkommen finster. Bender spaziert umher, als hätte er auf einer Sitzbank etwas vergessen. Unter den Füßen spürt er die Nervosität der zermalmten Kieselsteine. Er orientiert sich an den Geräuschen und Stimmen aus dem Dunkeln. Immer wieder sendet eine Zigarettenglut ein Signallicht aus. Flüstern und unterdrücktes Schreien sind die einzigen