Wunder wird es hier keine geben. Goran Fercec

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Название Wunder wird es hier keine geben
Автор произведения Goran Fercec
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783701746538



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Ansammlung von Spucke im Mund aus. Die Spucke schmiert die Speiseröhre, um das Essen leichter aus dem Magen zurückzutransportieren. Die Säure schießt in seinen Kopf, und Bender rast zur Toilette. Mit geschlossenen Augen speit er das Essen aus und spürt den Geruch der Säure. Er öffnet die Augen. In der Toilette ist es dunkel. Er drückt auf den Schalter. Das monotone Vibrieren des Ventilators setzt sich in Gang, und im Licht von fünfundvierzig Watt erwacht ein Fleck zum Leben, der aussieht wie die Spaghetti auf dem Bild I LOVE YOU WITH MY FORD von James Rosenquist aus dem Jahr neunzehnhunderteinundsechzig. Bender hat vergessen, den Klodeckel hochzuheben. Rosenquists Bild ist horizontal geteilt und zeigt drei ganz unterschiedliche Motive, aber während Bender über dem eigenen Erbrochenen steht, kann er sich nicht erinnern, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Werk zu sehen ist. Das Einzige, woran er sich erinnern kann, sind die leuchtenden Spaghetti in roter Sauce in der unteren Hälfte des Bilds. Spaghetti, die einigermaßen lebendig aussehen, so wie die Spaghetti, die er in diesem Moment sieht. Irgendetwas von alldem muss doch eine Bedeutung haben, entweder Rosenquists Illusion oder diese Realität hier. Der Fußboden im Vorzimmer ist kalt. Auf Zehenspitzen geht er ins Bad. Er hebt den Kopf und schaut in den Spiegel. Die getrocknete Spur des verdauten Essens auf seiner Oberlippe lässt ihn für einen Moment an eine Hasenschnauze denken. Er dreht das Wasser auf und wäscht sich mit den Fingern das Essen aus dem Gesicht. Er schaut noch einmal hin. Unter dem Waschbecken zieht er einen Putzlappen hervor. Dann nimmt er einen gelben Eimer, füllt Wasser ein und geht zurück zur Toilette. An der Tür bleibt er stehen. Sein Mund füllt sich mit Spucke. Der Ekel im Mund ruft die gleiche Reaktion hervor wie Hunger. Wenn er es nicht schafft, an etwas anderes zu denken, wird er sich noch einmal übergeben müssen. Während er mit dem Putzlappen die ausgespienen Essensreste einsammelt, fällt ihm wieder ein, was in der oberen Hälfte von Rosenquists Bild zu sehen ist. Ganz oben die Vorderansicht eines Ford-Modells aus den Sechzigern, darunter die Seitenansicht eines Frauenkopfs im Zustand der melancholischen Geistesabwesenheit. Er übertreibt. Die Sechziger ertragen nur das Konkrete. Nur das Buchstäbliche. Das Frauenprofil auf dem Bild liebt seinen Ford, und das Unbewusste beschwört Spaghetti herauf. Der Putzlappen hat eine hohe Saugkraft. In nur zwei Zügen gelingt es Bender, die gesamte Unordnung, die er angerichtet hat, wieder einzusammeln. Im Wasser aufgelöst, verströmt die Unordnung keinen Geruch mehr. Das Wasser neutralisiert sowohl die Gerüche als auch die Inhalte. Die substanzlose Mischung im Eimer ist bloß Wasser mit den Resten von etwas, das aussieht, als würde es von einem Menschen stammen. Durchsichtig und namenlos. Vielleicht ein wenig salzig. Konkretisieren lässt es sich nur durch eine unendlich lange Beschreibung oder durch dreistündiges Kochen. Wie Knochen. Aber warum sollte man sich abmühen für etwas, das ohnehin in der nächsten Sekunde in der Klomuschel enden wird? Er hebt den Eimer vom Boden, vermischt den Inhalt durch Kreisbewegungen und schüttet alles in die Klomuschel. Er betätigt die Spülung und lässt dreizehn Liter Wasser hinunter, wodurch die restlichen Bilder aus dem Traum ebenfalls hinuntergespült werden. In zehn Sekunden werden die Überreste des Traums schon im Untergrund sein. Er erinnert sich an den Traum. Was sagt ihm der Traum über das Leben? Nichts. Er bringt den Eimer zurück zu seinem Platz unter dem Waschbecken. Er wäscht den Putzlappen in der Badewanne, und während er versucht, ihn zum Trocknen auseinanderzuziehen, läutet das Telefon im Wohnzimmer. Er wirft den Putzlappen achtlos in die Badewanne und trocknet sich die Hände am Hemd ab. Er läuft und tritt mit bloßen Füßen auf den Boden, und kurz bevor er in das Zimmer kommt, in dem das Telefon läutet, spürt er, wie sich etwas Spitzes in den weichen Bogen seiner Fußsohle bohrt. Er konstruiert einen Fluch aus Wut, Schmerz und Überraschung. Er wiederholt ihn und humpelt auf dem linken Fuß zum Telefon. Während er sich über den plärrenden Apparat beugt, spürt er, wie die Neugier ihn verlässt. Es genügt, nur einen Augenblick lang nachzudenken; am anderen Ende der Leitung kann niemand sein, mit dem er gerne sprechen möchte. Das Telefon läutet hartnäckig noch etwa dreißig Sekunden lang, dann verstummt es. Bender bleibt lange genug aufrecht in seiner verletzten Haltung stehen, um die Wut vom anderen Ende der Leitung zu besänftigen. Er wartet, bis das Läuten ganz aus seinem Bewusstsein verschwunden ist, dann zieht er den Stuhl heran und setzt sich hin. Er hebt den Fuß. Der Fuß blutet. Die Wunde auf der Fußsohle sieht aus wie jene, die beim Heiligen Thomas Verdacht erregt hatte. Wenn Bender seine Zehen bewegt, weitet und verengt sich die Wunde. Er berührt sie leicht mit der Spitze seines Zeigefingers. Er spürt überhaupt keinen Schmerz. Das ist ein Memento aus der Ferne, eine Warnung, die ihm diejenigen schicken, die noch immer glauben, ihn zu lieben. Er steht langsam auf. Sich nur auf die Ferse stützend, humpelt er zu dem Gegenstand, der auf seinem Weg gelegen hat, und hinterlässt dabei kleine Stempel aus Blut. Im Vorzimmer ist es halbdunkel wie in einem Übergangsraum. Er kann das Stück Plastik auf dem Boden kaum erkennen. Er schaltet das Licht ein. Auf dem Boden liegt ein kleiner Mann aus Plastik, der trotzig seine Arme ausgebreitet hat. Im ersten Moment erkennt er die Warnung nicht. Ein Stück Unbekanntes. Bender bückt sich. Er versucht, in die Hocke zu gehen, aber der Schmerz in der Fußsohle zwingt ihn dazu, sich auf den rechten Fuß unter seinem Hintern zu setzen. Er nimmt das Stück Plastik in die Hand. Er hält es näher ans Gesicht und schaut genau. Das Männlein ist keine zwanzig Zentimeter groß. Es ist so genau gearbeitet, dass Bender für einen Moment scheint, als würde es aus eigenem Willen seine Glieder bewegen. Die kleine schmutzige Hand ist zu einer masturbationsartigen Faust geballt und hält den Griff des Schwerts fest, das Bender die Haut durchbohrt hat. Mit den Fingern fasst Bender die Plastikhand und versucht, sie am Körper der Figur entlang hinunterzudrücken. Doch wie er es auch anstellt, die Hand kehrt in ihre ursprüngliche Position zurück. Bender verliert die Geduld und biegt die Faust selbst in ihre kriegerische Stellung. Ihm wird klar, dass er eine Sünde begeht, aber da ist es schon zu spät. Die Hand des Kriegers bleibt zwischen Benders Daumen und Zeigefinger zurück, wie ein abgerissenes Insektenbeinchen. Ein Krieger ohne Hand. Kein Blut. Keine Adern, Muskeln oder Sehnen. Bender versucht, den abgerissenen Körperteil wieder anzubringen. Für einige Sekunden ist alles wieder beim Alten, dann fällt die Hand des Kriegers von allein wieder ab. Niederlage. Die Hand hat doch nur versucht, sich selbst zu verteidigen. Sie hat Benders Fußsohle eine Wunde zugefügt und ist umgekommen. Es ist seine Schuld. Bender gerät in Panik. Die kleine Figur von Viggo Mortensen aus dem Herrn der Ringe hat nun ihre Hand verloren. Bender hat Aragorn mit einem einzigen Auftreten seines Fußes besiegt. Jemand wird ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Die Putzfrau hatte gestern ihr Kind dabei. Das Kind nimmt sein Spielzeug, den Krieger, überallhin mit. Das Kind hat das Spielzeug auf dem Boden liegen gelassen, um sicher zu gehen, dass es wieder in die Wohnung zurückkommen wird. Das ist eine mögliche Erklärung, warum der Spielzeug-Krieger auf dem Boden im Vorzimmer gelegen ist. Bender muss einen Weg finden, der Putzfrau und ihrem Kind zu erklären, dass er das, was er getan hat, nicht mit Absicht gemacht hat. Er steht auf, indem er sich auf seine linke Hand stützt, als hätte er soeben einen Weitsprung absolviert und seine Sporthose wäre voller Sand. Er klopft sich mit den Händen auf den Hintern. Dann schaut er auf die Wanduhr über dem Spiegel im Vorzimmer. Er wird hinausgehen und einen neuen Krieger kaufen müssen. Um einen Fehler wiedergutzumachen, bleibt einem immer zu wenig Zeit. Er darf es nur nicht vergessen. Bender merkt sich den Stand der Uhrzeiger. Dann schaut er auf den Spiegel unter der Wanduhr. Das hätte er nicht tun sollen. Das Fehlen der Brille führt dazu, dass er sich im ersten Moment gar nicht erkennt. Direkt vor sich sieht er sein Bild im großen Spiegel. Er sieht aus wie ein Idiot. Alles ist schief oder zu weit nach rechts oder nach unten verschoben. Es gibt keinen einzigen sicheren Punkt, den er als seinen eigenen erkennen könnte. Er löst sich auf wie eine Spiegelung im Wasser. Das zerrissene Hemd, das er ausziehen sollte, überdeckt die ausgewaschene Unterhose. Ein zu hoher Haaransatz, zerzaustes Haar, winzige Augen, ein schmales ausdrucksloses Gesicht wie aus Marmor. Jean-Luc Godard. Er sieht aus wie Jean-Luc Godard. Er greift nach einer Zigarette und steckt sie sich in den Mund. Er hebt die Hände und versucht, Godards Skalp vom eigenen Kopf zu entfernen. Er zieht das Haar in die Stirn runter. Noch schlimmer. Dann streicht er sich das Haar mit einer verschwitzten Handfläche zur Seite. So ist es schon besser. Aber der Franzose, der sich hierher verirrt hat, steht noch immer in seinem Spiegelbild und grinst ihn an. Bender denkt nicht daran, sich auch noch eine Brille aufzusetzen. Das wäre eine Kapitulation vor dem eigenen Spiegelbild. In einer Ecke des Spiegels erblickt er die verstümmelte Plastikfigur und begreift, dass er verloren hat. Kapituliert vor Aragorn und Godard. Um weitermachen zu können, ist er gezwungen, die verwischte Erscheinung im Spiegel aus dem Gedächtnis zusammenzusetzen. Er streicht sich mit der Hand durch das schüttere Haar und stellt fest, dass es am besten wäre,