Meerhabilitation. Oana Madalina Miròn

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Название Meerhabilitation
Автор произведения Oana Madalina Miròn
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783991310280



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es nicht zulassen, dass ihm was zustoßen würde. Weniger Hormone, weniger Freiheitsdrang. Dachte ich jedenfalls …

      Es fing an zu nieseln und wurde deutlich kühler. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Die vereisten Regentropfen fühlten sich wie tausend Nadelstiche auf der Haut an. Auch das noch! Ich konnte ihn unmöglich hier draußen alleine lassen, nicht bei diesem Wetter. Was, wenn ihm was zugestoßen war? Daran durfte ich gar nicht denken. Ich ließ diesen grausamen Gedanken los und suchte weiter.

      »Magnus! Magnus!«

      Einige Passanten schauten mich im Vorbeigehen an, als wäre ich ein Alien. Hatten sie denn noch nie einen verzweifelten Mann gesehen?!

      »Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht einen großen, schwarzen Labrador gesehen? Er ist von zu Hause weggelaufen?!«, fragte ich schließlich zwei Damen aufgeregt, die gerade die Straße überquerten.

      »Nein, haben wir leider nicht«, sagte die jüngere.

      »Haben Sie es schon im Tierheim versucht? Sie wissen ja, da werden viele Ausreißer abgegeben«, sprach sie mir ermutigend zu.

      »Ja, das ist eine gute Idee, vielen Dank!«, antwortete ich und machte mich sofort auf dem Weg ins Tierheim. Dass ich darauf noch nicht gekommen war! Ich hatte vor lauter Aufregung gar nicht ans Tierheim gedacht.

      Ich fuhr natürlich viel zu schnell, doch das war mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Ich wollte nur noch meinen Hund wiederfinden und ihn sicher nach Hause bringen.

      Im Tierheim angekommen riss ich die Türe regelrecht auf und lief zum Empfang. Eine kleine, unscheinbare ältere Dame mit einer viel zu großen Hornbrille schaute in Zeitlupentempo zu mir auf. Sie legte ihren Kopf leicht schief und hielt einen Moment inne, bevor sie sprach.

      »Guten Tag, der Herr, was kann ich für Sie tun?«, begrüßte sie mich äußerst freundlich und ruhig, für meinen Geschmack zu ruhig. Ich war auf 180 und konnte meine innere Unruhe kaum noch zurückhalten. Anscheinend hatte sie mit solch verzweifelten Tierbesitzern schon öfter zu tun gehabt und wollte die heikle Angelegenheit so schnell wie möglich abmildern. Ich ging darauf ein, denn ich spürte, wie mir bereits der Schweiß den Rücken hinunterrannte. Ich musste mich wieder beruhigen, nur so würde ich Magnus wieder zurückbekommen. Ich atmete ein paar mal tief durch.

      »Hallo, mein Name ist Dr. Sigurdsson! Ich bin auf der Suche nach meinem eineinhalbjährigen, schwarzen Labrador. Er ist heute um die Mittagszeit von Zuhause weggelaufen. Das ist so überhaupt nicht seine Art … Hier sind die Registrierungs- und die Chipnummer, er ist auf meinen Namen gemeldet«, sagte ich und händigte ihr die Dokumente aus.

      »Ok, einen kleinen Moment bitte, ich muss die heutigen Neuzugänge von heute durchsehen«, gab sie zurück und tippte gekonnt auf ihrer Tastatur herum.

      Sie lehnte sich ein wenig nach vorne, kniff ihre Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und fing konzentriert an, die Datenbank durchzuforsten. Ich wollte ihr empfehlen, ihre Augen mal richtig durchchecken zu lassen, denn anscheinend erfüllte ihre Brille nicht den Sinn und Zweck, doch das wäre in dieser Situation mehr als absurd. Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, blickte sie schließlich wieder hoch.

      »Es tut mir sehr leid, Dr. Sigurdsson, Ihnen das mitteilen zu müssen, doch Ihr Hund wurde heute nicht bei uns abgegeben. Wenn Sie möchten, kann ich mich gerne mit den anderen Tierheimen in der näheren Umgebung kurzschließen und Sie informieren, sobald ich etwas Neues in Erfahrung bringen sollte«, sagte sie.

      Ich merkte, wie meine Beine plötzlich weich wurden, und ich mich kurz am Tresen festhalten musste, um nicht dem Wusch nachzugeben, mich einfach auf den Boden zu zusetzen. Mir gingen tausende Gedanken durch den Kopf und ich malte mir die schrecklichsten Szenarien darüber aus, was passiert sein könnte. Diese Ungewissheit brachte mich in den Wahnsinn. Ich musste raus!

      »Ja, bitte! Das wäre sehr nett von Ihnen! Vielen Dank«, bedankte ich mich trotzdem höflichst bei Ihr, ließ meine Kontaktdaten und ein großzügiges Trinkgeld zurück und verließ blitzartig das Gebäude.

      Ich ging wieder zurück zu meinem Auto und fuhr los, schließlich konnte ich nichts anderes tun, als selbst durch die Gegend zu fahren und nach ihm Ausschau zu halten. Ich fuhr die gesamte Gegend ab, nahm mir als Allererstes seine Lieblingsplätze und Spazierrouten vor. Auch seine heiß geliebte Küstengegend, wo wir fast jedes Wochenende spazieren gingen, um die Wellen anzubellen, blieben erfolgslos.

      Total entkräftet, heiser und resigniert fuhr ich bei Einbruch der Dämmerung wieder nach Hause. Ich kontrollierte zum hundertsten Mal meine Sprachbox. Keine einzige Nachricht vom Tierheim.

      Ich ließ mich auf die Couch fallen. Nicht einmal meine Schuhe zog ich mehr aus. Ich lag einfach nur da und starrte auf die kahle Decke. Inständig hoffte ich, ihn wohlauf wieder in meinen Armen halten zu können. Er war mein Kumpel, er war meine Familie. Einige Minuten später fielen mir vor Erschöpfung schließlich die Augen zu.

      6 Tessa

      Nachdem ich am nächsten Morgen aus dem Einkaufszentrum wieder Zuhause angekommen war, bekam ich an der Haustür die herzlichste und feuchteste Begrüßung, die man sich nur vorstellen kann. Magnus sprang mich förmlich an und seine Zunge ließ keinen Quadratzentimeter meines Gesichtes unerforscht. Ich kniete mich zu ihm und ließ mich nach Lust und Laune abschmusen. Das tat so gut! Ich kicherte drauflos und meine Ermutigung ließ Magnus so richtig durchdrehen. Es spornte ihn richtig an, weiterzumachen. Wir kugelten am Boden herum, bis ich schließlich atemlos die weiße Fahne schwenken musste.

      Nachdem ich ihn zum Erleichtern rausgelassen hatte, kochte ich mir noch einen heißen Tee und nahm mit meiner neuen Errungenschaft auf meiner Couch Platz. Magnus legte sich unaufgefordert zu meinen Füßen dazu und machte es sich gemütlich.

      »So, mein Großer, jetzt werden wir mal deinen Herrchen suchen«, sagte ich leise vor mich hin.

      Als hätte der Hund mich verstanden, hob Magnus plötzlich seinen Kopf und stoß einen leichten Seufzer hervor.

      »Keine Angst, wir kriegen das schon hin«, beruhigte ich ihn.

      Ich nahm das nigelnagelneue, schneeweiße Sony-Tablet aus der Verpackung heraus, richtete es kurz ein, und schon konnte die Suche losgehen. Ich war mir bewusst, dass dieser Schritt ein großes Risiko mit sich brachte, denn jede unnötige Verbindung nach draußen stellte eine enorme Gefahr für mich dar. Aber diesen Gedanken schob ich schnell beiseite, denn nun hatte ich Wichtigeres zu tun. Ich musste diesen armen Kerl, den ich eigentlich gar nicht mehr so richtig hergeben wollte, seinem Herrchen wieder zurückbringen …

      Warum wurde mir bei diesem Gedanken nur plötzlich so heiß? Wer freute sich nun mehr, Herrn Doktor wiederzusehen? Magnus oder ich?

      »Meine Güte Tessa, werd doch bitte endlich erwachsen…«, sprach ich mit mir selbst.

      Mit einem breiten Grinser durchsuchte ich eifrig die Homepages aller Veterinärmediziner in der näheren Umgebung.

      »Volltreffer! «

      Da war er. Dr. Raik Sigurdsson.

      Ich sah mir das Profilfoto ganz genau an und zoomte bis auf 300 % ran. Jetzt durfte ich ihn endlich hemmungslos anstarren, ohne dabei rot zu werden oder in Versuchung zu geraten, mich nochmals mit vollem Körpereinsatz auf ihn zu werfen. Meine Wangen erröteten trotzdem bei so viel Männlichkeit und ich klickte schnell wieder weg.

      »Haha, also Magnus, eines haben wir auf jeden Fall gemeinsam! Wir scheinen denselben Typ Mann zu mögen«, scherzte ich und kraulte ihm genüsslich die Ohren.

      Jetzt, wo ich das Bild vor mir hatte, ließ ich den Vorfall vor einigen Wochen nochmals Revue passieren. Meine Unbeholfenheit oder besser gesagt meine Tollpatschigkeit im Vergleich zu seiner unglaublichen Tapferkeit spielten definitiv nicht in der gleichen Liga. Er war so anders als die anderen. Obwohl wir uns nur flüchtig kannten, gab er mir ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Ich war süchtig danach.

      Da ich noch kein Handy besaß, tippte ich das E-Mail-Symbol an und begann zu schreiben. Ich wählte meine Worte sehr sorgfältig aus, denn dieses Mal wollte ich einen