Название | Meerhabilitation |
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Автор произведения | Oana Madalina Miròn |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783991310280 |
Ich hätte Tessa noch ein wenig aufhalten sollen, sie um ihre Nummer fragen. Stattdessen stand ich nur da und schaute zu, wie sie davonfuhr. Ich stand einfach nur da und ließ sie davonfahren. Tschüss, und auf Wiedersehen! Ich hätte mich dafür ohrfeigen können! Der irre Gedanke, sie eventuell doch noch von Magnus aufspüren zu lassen, ließ mich plötzlich auflachen. Es war zwar ein guter Schnüffler, doch das klang schon ein wenig krankhaft. Ich wollte doch nicht als Stalker abgestempelt werden.
»Magnus, dein Herrchen dreht jetzt völlig durch. Komm, gehen wir rein, es wird richtig ungemütlich hier draußen«, sagte ich zu Magnus und sperrte die Ordinationstür auf.
Magnus lief sofort hinein, schüttelte sich kräftig durch, machte sich über die Stufen auf zum oberen Wohnbereich. Es war sehr praktisch, die Tierarztpraxis und meine Wohnung in einem Haus zu haben, das ersparte mir schließlich den täglichen Arbeitsweg.
Im Wohnzimmer angekommen, schenkte ich mir einen Schluck Brennivin ein, um mich ein wenig aufzuwärmen. Genau das brauchte ich jetzt. Magnus machte es sich vor dem Kamin gemütlich und fing sofort an zu schnarchen. Harter Tag für ihn. Hund müsste man sein!
Ich ging nachdenklich zur Fensterfront, die mir einen unglaublichen und atemberaubenden Blick auf den gesamten Horizont freigab. Genau deswegen wollte ich an dieser Stelle keine Wand, die mir die Sicht nach draußen verdeckte. Nur Glas. Riesiges, dreifachverglastes Sicherheitsglas, das einem Schaufenster ähnelte. Meine Seele brauchte Raum, musste sich frei entfalten können. Ich blickte nach draußen und ließ meine Gedanken schweifen. Unendliche Weite.
Da war er, der unbändige und gleichzeitig wunderschöne Ozean, der schon damals meinen Vorfahren das Zittern beibrachte und Respekt einflößte. Trotzdem lernten sie schnell, die Natur zu ihrer Verbündeten zu machen. Sehr oft fühlte ich diese Verbundenheit zu meinen Ahnen. Ich liebte es sehr hier zu sein und fühlte mich gesegnet, in diesem wunderschönen Land leben zu dürfen. Ja, ich war ein stolzer Isländer, der tief verwurzelt war. Manche Menschen hatten eine derartige Verbundenheit nicht, bei mir war es anders und dafür war ich dankbar.
Ein Sturm kam auf. Die tiefschwarzen Wolken verschmolzen mit den tosenden Wellen. Der Horizont war fast nicht mehr zu erkennen und die klaren Linien schienen miteinander zu verschmelzen. Alles schäumte und wütete, wie ein wildgewordener Dämon, der seiner Laune freien Lauf ließ. Manchmal spiegelte das Meer mein Innerstes wider. Ich erkannte mich oft darin, und auch wenn es lächerlich klang, das Wasser zu beobachten war meine Medizin. Auf diese Art und Weise konnte ich am besten abschalten und meine Gedanken neu ordnen. Nichts war für mich beruhigender als das. Die Natur war von Anfang an ein heiler Ort gewesen, so rein und aufrichtig. So rein.
Ich nahm noch einen kräftigen Schluck und spürte, wie der Schnaps eine warme Spur beim Schlucken hinterließ.
Was für ein Tag!
4 Tessa
Die darauffolgenden Tage verliefen Gott sei Dank komplikationslos. Keine Unfälle, keine Stürze, keine Hormone. Ich hatte es endlich geschafft, meinem neuen Zuhause eine eigene Handschrift zu verpassen. Einige Dekorationselemente, neue Vorhänge, Zimmerpflanzen und vor allem viele, gute Bücher. Ich fühlte mich mittlerweile so wohl, dass ich das Haus nur mehr für die notwendigsten Besorgungen verließ. Ich genoss meine neu gewonnene Freiheit und vor allem die Ruhe.
Mein Alltag bestand hauptsächlich darin, es mir jeden Tag mit zwei, drei Büchern auf der Fensterbank gemütlich zu machen, mich in meine Kuscheldecke einzumummeln und literweise grünen Tee zu trinken. Ich las viel über die Geschichte Islands, den rauen Norden. Über den Lebensraum in der ewigen Kälte und die Kompromisse, die die Menschen hier Tag für Tag mit der Natur eingehen mussten, um zu überleben. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie vielfältig und beeindruckend Flora und Fauna hier waren. Alles war neu für mich und so hatte ich viel zu entdecken.
Diese Ruhe hatte mir sehr gefehlt. Für Außenstehende musste ich wie eine Schmetterlingspuppe in einem Kokon aussehen, bereit für die Metamorphose. Meine Verwandlung hatte bereits begonnen, war aber noch lange nicht vollbracht. Solch eine Entwicklung brauchte viel Zeit und Geduld, genau wie meine geschundene Seele.
Ich dachte manchmal auch über Haustiere nach, vielleicht eine Katze oder ein Frettchen, doch solange ich noch keine Arbeit hatte, konnte ich diese Entscheidung noch ein wenig aufschieben. So weit war ich noch nicht. Ich wollte mich nicht schon wieder binden. Weder emotional noch vertraglich. Meine Wunden mussten erstmal heilen, die Narben waren noch viel zu frisch.
Nichtsdestoweniger durchforstete ich gelegentlich die Stellenausschreibungen in der Lokalzeitung. Ich sollte wirklich mal in Erwägung ziehen, mir ein Tablet zu kaufen und online zu gehen. Das würde mir einiges erleichtern. Die Digitalisierung war ein Segen, doch gleichzeitig auch ein Fluch. Sollte ich meinen Namen ändern lassen? War das wirklich notwendig?! Es war unbeschreiblich schwer, das Geschehene zu vergessen und gefühlsmäßig neu anzufangen. Doch wie hieß es so schön? Die Zeit würde alle Wunden heilen, sogar meine …
Es wurde schon spät! Ich ging langsam zu Bett und wusste, dass es nicht besonders lange brauchen würde, bis ich eigeschlafen war. Das tat es nämlich nie. Die tiefe Müdigkeit ließ mich jede Nacht augenblicklich abdriften.
***
[ Mit seiner flachen Hand verpasste er mir eine. Die Ohrfeige traf mich mit so einer Wucht, dass mein Kopf hin- und herwackelte.
»Baaaam!«
Ich sah bunte Sterne vor meinen Augen flimmern. Weiße Punkte tanzten in meinem Kopf. Ein stechender Schmerz durchzog meine linke Wange und hinterließ ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Ich hielt inne und sah ihn einfach ausdruckslos an. Ich spürte, wie das Blut aus meinen Wangen wich.
Instinktiv trat ich einen Schritt zurück.
»Tessa«, hauchte er.
»Das tut mir leid. Oh, mein Gott, das tut mir leid …«
Ich stand nur da und war wie versteinert. Meine Beine fühlten sich wie Blei an. Ich konnte mich nicht bewegen, obwohl meine innere Stimme mich anschrie: »Lauf! Lauf weit weg!«
»Bitte entschuldige! Mir ist vor lauter Zorn die Hand ausgerutscht«
Er kam auf mich zu, umarmte mich fester, als es mir lieb war, und presste wortwörtlich die Luft aus meinen Lungen. Mir wurde schlecht. Übelkeit kam in mir hoch.
»Hannes, was hast du getan?«, hauchte ich ihm so leise ins Ohr, dass es kaum hörbar war. Instinktiv griff ich zu der pochenden Stelle in meinem Gesicht. Schmerz, lass nach!
»Ich weiß nicht. Ich wollte dir nicht wehtun. Bitte glaub mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!?«
Seine panische Stimme überschlug sich fast.
Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, packte meine Schultern und hielt mich eine Armlänge von ihm entfernt fest, sodass ich ihn ansehen musste. Eigenartig, wie sich seine Mimik ständig veränderte, fast im Sekundentakt.
Mein Mann hatte mich gerade geschlagen. Es hatte mir eine verpasst. Hannes war zum ersten Mal gewalttätig geworden. Ich stand einfach nur da und brachte kein Wort heraus. Eine Träne kullerte die rechte Wange hinunter, ansonsten blieb mein Gesicht ausdruckslos. Ich wusste auch nicht, warum ich weinte … Ich war einfach nur schockiert, dass ich momentan gar nicht wusste, wie mir geschah. Ich konnte keine Emotion, keine einzige Regung zeigen. Ich kam mir vor wie im falschen Film. So etwas hört oder sieht man nur im Fernsehen, aber einem selbst kann so was einfach nicht passieren. Nein, so was konnte MIR doch nicht passieren!
Er atmete tief aus, nahm mich erneut im Arm und begann mich langsam wie ein kleines Kind hin und her zu wiegen, das von der Mutter in den Schlaf geschaukelt wird …
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und übergab mich auf dem Fußboden.]
***