Название | Meerhabilitation |
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Автор произведения | Oana Madalina Miròn |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783991310280 |
»Magnus, runter! Komm her!«, befahl er dem schwarzen Riesen mit einem leicht amüsierten Unterton.
Der Hund sprang auf und befolgte brav die Befehle. Hechelnd, mit seiner heraushängenden rosaroten Zunge, die fast bis zum Boden reichte, saß er neben seinem Herrchen und beide sahen mich an. Was für ein zuckersüßes Duo, da kriegte man fast Diabetes!
»Danke! Vielen Dank, dass Sie so schnell zur Stelle waren und mir geholfen haben«, bedankte ich mich und wischte mir dabei den warmen Hundesabber aus dem Gesicht. Glitschig!
»Na ja, zur Stelle ist gutgesagt«, gab er zurück.
»Magnus ist Ihnen vors Auto gelaufen. Ich weiß nicht, wie er sich von seiner Leine befreien konnte. Das ist so untypisch für ihn! Das hat er bisher noch nie gemacht«, sagte er und kraulte seinem Hund neckisch die Ohren.
Mamma Mia! Was für ein Mann! Ich stand einfach nur da und konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Er war groß! Sehr groß. Er hatte breite Schultern, große Hände und mit Sicherheit eine Schuhgröße von mindestens 50. Ich schämte mich fast dafür, wohin meine Gedanken plötzlich abschweiften, als ich die Relation der Körperteile berücksichtigte! Dunkelblondes Haar, zu einem Man Bun zusammengebunden, dichter, aber gepflegter Bart und stahlblaue Augen machten ihn auf jeden Fall zu einem richtigen Hingucker. Ein gepflegtes Äußeres und ein warmherziges Inneres. Wenn man ihn so ansah, konnte man ihm mit Leichtigkeit zutrauen, mein Auto mit nur einem Arm hochheben zu können! Ein richtiger Wikinger wie aus meiner Lieblingsserie Vikings. Ragnar Lothbrock war ein Winzling dagegen, kein Wunder, dass er allein die Schneemassen mit seinen bloßen Händen wegeschaufeln konnte. Durchatmen, Tessa, tief durchatmen.
»Hi, ich heiße Raik. Magnus haben Sie ja bereits kennengelernt«, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Ich nahm seine Hand und schüttelte sie so lange, dass es uns fast schon peinlich wurde. Leicht irritiert ließen wir voneinander los.
»Hallo, bitte duzen wir uns. Tessa. Mein Name ist Tessa. Vielen Dank noch mal. Du hast mir das Leben gerettet«, gab ich zurück und lachte ihn an.
»Bist du verletzt? Geht es dir gut?«, fragte er besorgt nach.
»Danke, aber soweit ich es beurteilen kann, geht es mir gut. Mein Herzschlag hat sich Gott sei Dank auch schon normalisiert. Gut, dass Magnus nichts geschehen ist. Das ist das Allerwichtigste«, antwortete ich.
»Ich bin Tierarzt, kein Humanmediziner, aber wenn du möchtest, kann ich dich gerne ins nächstgelegene Krankenhaus für einen schnellen Check-up hinfahren, nur um sicherzugehen«, bot er mir an.
»Nein, danke! Alles in bester Ordnung. Ich muss den Schreck mal verdauen, es geht mir wirklich gut. Ich denke, ich werde ganz vorsichtig nach Hause fahren und mir einen heißen Tee kochen«, antwortete ich und lächelte ihn an.
»Ein sicheres Fahrzeug hast du ja schon mal«, sagte er und betrachtete interessiert den Jeep. Er umrundete mein Fahrzeug und stellte erleichtert fest, dass das Auto nichts abbekommen hatte.
»Danke, das Auto habe ich mir vor nicht länger als dreißig Minuten gekauft«
»Da hast du einen ausgezeichneten Kauf getätigt! Kaum auszudenken, was sonst alles hätte passieren können«, antwortete er und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
»Ja, das stimmt«, pflichtete ich ihm bei.
»Na dann, komm gut nach Hause. Vielleicht läuft man sich ja wieder über den Weg«, verabschiedete er sich freundlich.
Ich hätte schwören können, er wollte noch etwas sagen. Etwas Eigenartiges lag in der Luft … Das konnte ich definitiv spüren.
»Ja, vielleicht. Auf Wiedersehen und danke noch mal«, verabschiedete ich mich ebenfalls und stieg in meinem Jeep. Ich fuhr langsam los und blickte in meinen Rückspiegel. Er stand noch immer wie angewurzelt da und schaute mir nach. Magnus auch. Ich beobachtete die beiden so lange, bis ich bei der nächsten Kreuzung abbog.
Ich fuhr schnurstracks nach Hause. Keine Umwege mehr, die Einkäufe mussten ein anderes Mal getätigt werden. Der Zwischenfall hatte mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Trotzdem musste ich schmunzelnd zugeben, dass der Vorfall auch eine angenehme und unerwartete Wendung genommen hatte. Der wilde Mann und sein Hund. Was für eine Begegnung! Meine Hände wurden bei dem Gedanken immer noch feucht.
Am liebsten wäre ich nochmal zurückgefahren und hätte ihn gefragt, ob er auch gerne Tee trinke. Aber nein, das wäre vollkommen ausgeschlossen, denn Männer kamen für mich in meiner jetzigen Situation definitiv nicht in Frage. Noch nicht. Instinktiv schüttelte ich den Kopf, um mich wieder zu besinnen, und konzentrierte mich auf die Straße.
Ich betrachtete mich im Spiegel. Graugrüne, traurige Augen sahen mich an. Wo ist das Feuer geblieben? Ich war zu jung, um mit diesem Thema abzuschließen. So unverbraucht noch, so wenig erlebt und doch so übersättigt von Geschehenem. Mein Herz wurde bereits einmal gebrochen, ein zweites Mal durfte so etwas nicht wieder passieren.
Ich musste meine Lebensfreude wiederfinden. Ich spürte, dass das Feuer tief in mir drinnen noch nicht ganz erloschen war. Es loderte es immer noch, ich musste es nur vor dem Erlöschen retten.
Zuhause angekommen, machte ich mir einen heißen Tee, nahm mir die kuscheligste Decke, die ich im Haus finden konnte, und ging raus ins Freie.
Die kleine steinerne Terrasse mit zwei Stühlen und einem runden, kleinen Steintisch war das i-Tüpfelchen. Der Ausblick? UNBEZAHLBAR!
Vor mir erstreckte sich der gesamte Nordatlantik in seiner vollen Pracht. Nicht einmal der eiskalte Winter konnte seine Schönheit schmälern. Der Nordwind frischte auf und begann die Wellen aufzuwühlen. Sie peitschten mit unerbittlicher Kraft gegen den Küstenhang, der sich rechtsseitig kilometerlang vor meinen Augen erstreckte. Alles begann zu schäumen, der Wind spielte mit meinen offenen Haaren und wirbelte sie in alle Richtungen. Ich schloss meine Augen und genoss die Laune der Natur. Was für ein einziges Naturschauspiel! Ich dachte nur, wie schön mussten der Sommer und der Herbst erst sein, wenn mir bereits der Winter vor lauter Schönheit die Luft zum Atmen nahm?!
3 Raik
Da es wieder zu schneien begann, machten Magnus und ich uns hastig auf den Weg nach Hause. So einen unvorhergesehenen Zwischenfall konnten wir uns nicht noch einmal leisten. Magnus’ Adrenalinspiegel ließ ihn wortwörtlich fünf Zentimeter über dem Boden schweben und ich spürte meine Finger vor lauter Kälte fast nicht mehr. Hätte ich doch meine Fäustlinge mitgenommen. Wer konnte schon ahnen, dass ich heute noch in den Genuss kommen würde, einen riesigen Berg Schnee mit meinen bloßen Händen wegzuschaufeln? Der kurze Spaziergang mit Magnus entpuppte sich definitiv als Highlight der Woche, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben würde.
Ich war noch richtig benommen. Als ich den Zwischenfall gedanklich nochmal durchging, war ich einfach nur erleichtert, dass niemandem etwas zugestoßen war. Weder Magnus noch … Wie hieß sie noch mal?
»Tessa«, flüsterte ich leise vor mich hin.
Was für eine Naturgewalt! Sie fiel aus dem Auto direkt auf mich drauf. Wie ein wild gewordener Feuerball flammten Ihr Haare auf, fielen auf mein Gesicht und liebkosten mich. Ich hatte ihren Duft immer noch in meiner Nase. Ihre kühlen, graublauen Augen hatten sich in Sekundenschnelle in mein Innerstes gebohrt. Was für ein heftiges Erlebnis, das ich schon seit Langem nicht mehr erleben durfte.
Was war passiert? Wie konnte diese zarte Schönheit mir in die Arme fallen, um sich dann doch wieder in Luft auflösen? Ich hätte mir wortwörtlich in den Hintern beißen können, dass ich nicht daran gedacht hatte, sie auf einen Kaffee einzuladen. Tee war nicht so meins.
Die letzten vier Jahre Singledasein hatten mich nicht wirklich zum Casanova gemacht. Klar, mir fehlte es an nichts, und ich hatte in der letzten Zeit auch einige kurze Bekanntschaften gemacht, doch irgendwann hatte ich enttäuscht feststellen müssen,