Название | Meerhabilitation |
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Автор произведения | Oana Madalina Miròn |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783991310280 |
Wir kreisten noch immer mit den Vogelschwärmen um die Wette, doch die Wale hatten keine Absicht, sich blicken zu lassen. Die Menschen an Bord waren sehr konzentriert und angespannt, es herrschte eine unglaubliche Stille. Jeder war am Beobachten und hoffte, etwas zu entdecken. Zwei, drei Weißschnauzendelfine konnte man in der Ferne springen sehen, doch die Superstars der Meere ließen noch auf sich warten.
Nach einer langen Pause unterbrach ich die Stille.
»Danke, Raik. Danke, dass du mich hierhergebracht hast. Genau das habe ich heute gebraucht. Nirgendwo würde ich lieber sein wollen.«
Ich blickte ihn dankbar an. Unsere Blicke begegneten sich. Alles fühlte sich so seltsam an, keineswegs unangenehm.
»Gern geschehen. Ich danke dir, dass du mir vertraut hast und ohne nachzufragen mitgekommen bist. Du bist heute meine Premiere! Ich war bisher immer nur alleine hier draußen«, fügte er hinzu.
Wow, was für eine Ehre, dachte ich mir. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie das nur sein konnte, denn vor mir stand ein Mann, der sicherlich keine Schwierigkeiten beim Flirten hatte. Hey, er war ein Wikinger, der wahrgewordene Traum jeder Frau. Ihn danach zu fragen, wäre mehr als taktlos gewesen. Diese Frage hob ich mir für das nächste Mal auf. Ob es überhaupt ein nächstes Mal geben würde?
»Und um deine Frage zu beantworten – nein«, sagte er.
»Nein?«, wiederholte ich verdutzt.
»Nein. Ich habe keine feste Freundin. Weder vergeben noch verheiratet noch geschieden«
Er ließ seine weißen Zähne wieder hervorblitzen und lächelte mich an. Oh Gott, mir wurde plötzlich ganz heiß und ich spürte wie meine Wangen wieder erröteten. Dieser Mann konnte nicht nur charmant und witzig sein, sondern auch noch Gedanken lesen! Ich überlegte mir schnell eine lässige Antwort, doch es war schier unmöglich, einer so schlagfertigen Aussage zu trotzen.
»Ähm, o. k. Gut zu wissen …«, stammelte ich hervor.
Wie peinlich war das denn?! Ich lief rot an und musste seinem Blick, der mich quasi gefangen hielt, schnellstens ausweichen.
Dann endlich geschah es!
Wie pünktlich auf die Minute bestellt und definitiv zum perfektesten Zeitpunkt, den man sich nur vorstellen konnte, tauchte ein Buckelwal aus dem tiefen Blau des Ozeans empor. Er sprang hoch, ragte fast vollständig aus dem Wasser, kippte wie in Zeitlupe zur Seite und klatschte mit einem donnernden Geräusch auf die Wasseroberfläche. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, hob der Wal seine Fluke und tauchte wieder in die Tiefe hinab. Das Boot schwankte wie verrückt hin und her! Die Gischt spritzte uns ins Gesicht, ich konnte das Salz auf meiner Zunge schmecken. Alle Passagiere hielten in diesem Moment die Luft an. Einige Sekunden später fingen die Leute an zu klatschen und die Euphorie war jedem ins Gesicht geschrieben. Was für ein Erlebnis!
»Wow! Raik, hast du das gesehen?«
Ich glühte förmlich vor Freude und strahlte ihn an.
»Ja, das war der pure Wahnsinn! Das nennt man wohl einen Glückstag!«, sagte er.
Er sah mich auf eine Art und Weise an, die ich nicht vollständig deuten konnte. Meinte er dieses atemberaubende Naturschauspiel, das wir zusammen erlebt hatten, oder die Tatsache, dass ich ihn begleiten durfte? Ich hoffte inständig, dass er sich nicht allzu viel erwartete, denn ich war noch nicht so weit. Ich mochte ihn sehr, doch für eine Beziehung war es definitiv zu früh. Ich schob den Gedanken schnell beiseite. Ich wollte mich voll und ganz diesem einzigartigen Glücksmoment hingeben.
Unsere Tour dauerte insgesamt viereinhalb Stunden. Die Zeit war nur so verflogen. Im Laufe des Nachmittags sahen wir noch einige schöne Exemplare. Zahlreiche Minkwale und Weißschnauzendelfine machten diesen Tag einfach unvergesslich. Die Nähe zu diesen majestätischen Giganten und das Gefühl der Freiheit in meinen Haaren ließen mich neue Energie schöpfen. Ich fühlte mich wie neugeboren und war einfach nur froh, endlich einen Freund gefunden zu haben. Es tat irrsinnig gut, wieder soziale Kontakte zu haben und sich austauschen zu können.
Nun konnte ich den nächsten Punkt auf meiner To-do-Liste abhacken.
Wale? Check!
8 Hannes
Über der Innenstadt Wiens ging die Sonne unter. Ich sah auf die Uhr. Es war bereits früher Abend. Ich öffnete die Schublade meines Schreibtisches, nahm die halbleere Flasche Bourbon raus und goss mir einen Drink ein. Der Aschenbecher ging vor lauter Zigarrenstummeln über. Ich rauchte wie ein Schornstein. Der Rauchdunst hing in der Luft wie eine schwere Decke, die sich über den gesamten Raum ausgebreitet hatte. Ich rauchte eindeutig zu viel. Schon öfters hatte ich mir vorgenommen, das Rauchen ein wenig zu reduzieren, doch in meiner jetzigen Verfassung erschien mir dieser Gedanke einfach nur unmöglich.
Ich erhob mich von meinem Bürosessel und öffnete das Fenster. Ich brauchte wieder frische Luft, um wieder richtig denken zu können. Wahrscheinlich würde ich erneut eine Nachtschicht einlegen müssen…
Wieder mal.
So wie letzte Nacht oder die Nacht davor. Ich saß an der Quelle und kam trotzdem keinen Schritt voran. Ich spürte, wie allein der Gedanke nicht weiterzukommen und festzustecken, meine Wut aufkochen ließ. Ich spürte, wie sie sich säureartig aus dem Bauch heraus in meine Gedärme fraß. Stück für Stück, schön langsam …
Dafür war nur SIE verantwortlich!
Dieses undankbare Miststück! Wie konnte sie mich nur so derartig bloßstellen und mich einfach mitten in der Nacht verlassen?!! Ich hatte sie zu einer wohlhabenden Ehefrau gemacht, die auf ihren erfolgreichen Mann hätte stolz sein können. Und was tat sie? Mich zum Gespött der gesamten Abteilung machen. Ich weiß, dass sie hinter meinem Rücken reden. Ich sehe es. Ich spüre es. Jeder zerreißt sich das Maul über mich, doch selber sind sie kein Stück besser! Ekliges Pack!
Das würde meine Frau büßen müssen. Wenn ich Tessa wiederfinden würde, würde sie verstehen, was für einen unglaublich großen Fehler sie gemacht hatte.
Diese eigenartige Gefühlsmischung aus Verrat und gleichzeitig grenzenloser Liebe zu dieser Frau machte mich wahnsinnig. Ich fragte mich, wann sie aufgehört hatte, mir nicht mehr zu vertrauen? Ich liebte sie doch abgöttisch. Ja, hin und wieder musste ich ihr zeigen, dass es in meinem Haus bestimmte Regeln gab, die sie befolgen musste, aber es war doch zu ihrem Besten! In meinem Job sah ich tagtäglich brutale Morde an jungen Frauen, die meistens nie aufgeklärt wurden. Frauen, die zum Großteil selber schuld waren, angezogen wie Prostituierte! Kein Wunder, dass sie vergewaltigt und erdrosselt wurden. Nein! Tessa durfte so etwas niemals zustoßen! Ich wollte sie doch nur beschützen! Sie war doch alles, was ich hatte! Sie war meine große Liebe.
Ich ging wieder zu meinem Schreibtisch, setzte mich hin und loggte mich in unser System ein. Der Zugang zu diesen sensiblen und geschützten Daten war ein Segen. Nicht ganz legal, doch als Leiter der Kripo nahm ich mir das Recht einfach heraus. Diese Situation hatte schlichtweg Vorrang, alles andere war nun unwichtig geworden. Ich musste sie wieder zurückholen und ihr zeigen, wie wichtig sie mir doch war. Sie war meine erste Liebe, konnte sie das nicht erkennen?! Wenn sie sich doch nur an meine Vorgaben gehalten hätte, dann wäre unsere Ehe viel entspannter gewesen. Weniger Tränen, weniger blaue Flecken. Das alles wäre uns erspart geblieben!
»Tessa, wo hast du dich nur versteckt?«, sagte ich leise vor mich hin.
»Wo bist du Kleines? Keine Angst, ich hole dich wieder zurück nach Hause … Wo du hingehörst.«
Im Büro war es nun komplett dunkel. Die Nacht brach herein und meine persönliche Nachtschicht begann. Der Bildschirm war die einzige Lichtquelle, die den Raum in ein kaltes, schwaches Licht tauchte. Viele Stunden harter Arbeit lagen nun vor mir. Mir war es egal, wie lange ich brauchen würde, um sie aufzuspüren. Ich wusste, dass Tessa nicht wirklich weggelaufen war. Das musste mit Sicherheit eine Kurzschlusshandlung gewesen sein. Das meinte sie doch nicht ernst, ich kannte schließlich meine Frau! Sie brauchte mich mehr, als sie