Die Brüder von Nazareth. Andreas Flamme

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Название Die Brüder von Nazareth
Автор произведения Andreas Flamme
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783903382084



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zu sich. „Wie heißt du?“

      „Jeschua“, antwortete der Kleine, der sich noch immer mühte, von dem Unbekannten los zu kommen.

      „Gut, ich bin Joseph. Hat man dich nicht gelehrt, die Älteren zu achten? Ich vermute, dass dir dein Vater und der Rabbiner das nicht nur einmal gesagt haben.“

      „Hat Gott das Geschlecht der Israelis nicht aus Ägypten geführt, damit es frei und nicht versklavt wäre?“

      Der Mann schaute in die Kinderaugen. Es waren große, unschuldige Augen. Er betrachtete sie, ohne zu zucken. Er ließ den Knaben los und erhob sich. „Na, zeige mir jetzt, wo die Möbel deines Vaters sind.“

      „Dort hinten“, zeigte Jeschua mit der Hand. „Warum?“

      „Sie müssen auf den Leiterwagen geladen werden.“

      „Sie sind aber noch nicht verkauft worden!“

      „Jetzt schon.“

      „Wie denn das?“

      „Ich kaufe sie.“

      „Alle?“

      „Alle.“

      12 Eine römische Silbermünze.

      5

      Das Haus stand in einem Olivenhain. Das Haus selbst lag auf einem Hügel auf der Ostseite von Jerusalem. Dazwischen erstreckte sich das Kidrontal, an dessen Südseite der Weg nach Bethanien und Jericho führte. Gewaltige Mauern umgaben die Stadt, über der sich der Tempel in all seiner Pracht und von den Sonnenstrahlen erstrahlt erhob.

      Das Heim von Joseph war groß. Es hatte zwei Etagen, die zweite wurde von Marmorsäulen gehalten, um die sich Reben wie Schlangen wandten.

      Neben den Olivenbäumen befanden sich dort auch ein Gemüsegarten und ein Blumengarten. Der Hof war mit weißen, gemeißelten Steinplatten ausgelegt, in der Mitte war ein runder Springbrunnen eingebaut. Auf einem kleinen Felsbrocken war ein Fisch aus Stein, aus dessen weit geöffnetem Maul Wasser sprudelte.

      Die Jungen hatten eine solche Pracht noch nie gesehen. Ihre Augen waren weit geöffnet und nahmen all die Herrlichkeiten, die sich ihnen im Garten dieses Hauses boten, in sich auf.

      Als ob das kein gewöhnlicher Garten wäre, eben einer, von denen die Heilige Schrift und die Rabbiner in der Synagoge erzählten. Der Garten von Adam und Eva … Eden!

      Auch ihre Mäuler standen offen, doch konnten sie keine Worte finden, mit denen sie das, was sie sahen, hätten beschreiben können, als wären sie in eine Zauberwelt versetzt, in einen unwirklichen Traum …

      „Habt Ihr Durst?“ Die Stimme gehörte dem Hausherrn – Joseph.

      Erst jetzt bemerkten die beiden Knaben, wie trocken ihre Kehlen waren. Sie hatten weder etwas gegessen noch getrunken, seitdem sie in Jerusalem angekommen waren. Sie hatten keinerlei Zeit, um an so etwas zu denken. Die Kinder nickten zustimmend.

      „Vielleicht seid Ihr hungrig?“ Joseph hob die Hand und winkte zur Eingangstür. „He, Anna!“

      Eine junge Frau winkte zurück und kam näher. Als sie hinzutrat, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste Joseph auf die Wange.

      „Das sind die Knaben von Josef aus Nazareth – Jakobus und Jeschua. Und das ist meine Frau Anna“, stellte er sie einander vor.

      Die Frau trug eine grüne Robe und eine weiße Haube mit blauen Ornamenten. Sie hatte ein rundes Gesicht, doch frisch und gepflegt, schwarze Augenbrauen und Locken in derselben Farbe guckten unter der Haube hervor. Sie hatte große und warme Augen. Um den Hals trug sie eine feine gedrehte Goldkette. Am linken Handgelenk glänzte ein Armband aus eben demselben Metall. Ihren Körper umgab ein leichter angenehmer Duft, der den Jungen in die Nase stieg.

      „Würdest du sie bitte in die Küche führen, sie brauchen etwas zum Essen und Wasser.“

      „Dann lass diese kleinen Burschen unsere Gäste sein“, lächelte Anna und gab ihnen ein Zeichen, dass sie ihr folgen sollten.

      Joseph rief zwei seiner Diener herbei, die still abseits gestanden hatten. Er befahl ihnen, den Leiterwagen abzuladen und den Esel zu füttern. Die Diener verbeugten sich und gingen, um den Auftrag zu erfüllen.

      Josef, der Vater der beiden Jungen, betrachtete ebenfalls mit Begeisterung das Grundstück, in das er geraten war. Er hatte schon viele reiche Häuser in Sepphoris gesehen, Caesarea … aber dieses übertraf alle in Schönheit und Feinheit des Stiles.

      „Gefällt es dir?“, fragte der Hausherr.

      „Es ist wie Balsam für die Augen. Es passt zu einem würdigen Herrn wie Sie.“

      „Das habe nicht ich geschaffen, ich habe es von meinem Vater geerbt, Friede seiner Asche. Auch den Handel mit Zinn habe ich geerbt. Unsere Schiffe fahren in jeden Winkel des römischen Imperiums.“

      „Das erklärt auch diese Schönheit“, erwiderte der Tischler.

      „Meine Frau hat deine Kinder in die Küche geführt. Ich vermute, sie sind müde von den Erlebnissen des Tages und du wirst dem nichts entgegensetzen.“

      „Eine solche Großzügigkeit kann ich nicht ausschlagen. Ich weiß nicht, wie ich es danken kann.“

      „Denke nicht daran, lass uns hineingehen.“

      Beide Männer gingen auf den Hauseingang zu und tauchten in die Kühle ein.

      ***

      Nikodemus war ein hübscher und starker Junge. Trotz seiner Jugend hatte er schon viel von der Welt gesehen, hatte Menschen jeglicher Art getroffen, denen man innerhalb des römischen Imperiums begegnen konnte. Er trug eine knielange Robe aus feinstem Leinen, die mit einem Ledergürtel im Rücken festgeschnallt wurde. Geschlungene Riemen hielten seine Ledersandalen an den strammen Waden. Er arbeitete bei einem der reichsten und geachtetsten Menschen in Jerusalem und Mitglied des Sanhedrin – Joseph.

      Er war ein Waisenkind, seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben und sein Vater, ein Schiffskapitän, war von einer seiner Reisen nicht zurückgekehrt. Keiner wusste über sein Schicksal Bescheid. Entweder war sein Schiff in einem Sturm untergegangen oder Räuber hatten es überfallen. Auch er war wie sein Vater ein ehrenhafter Diener.

      Josephs Familie hatte ihn aufgenommen und wie ihr eigenes Kind aufgezogen. Sie ermöglichten ihm eine ausgezeichnete Bildung, aber er war von Natur aus klug und geschickt und eignete sich schnell Fertigkeiten an.

      Er lernte die Sprachen der Römer, der Griechen und der Araber, wurde zum Sachverständigen in der Buchhaltung und im Handel. Er war derart gut in seiner Arbeit, dass Joseph ihn nicht entbehren konnte, er war zu dessen Vertrauten aufgestiegen, eine unersetzbare Hilfe und rechte Hand in dessen Angelegenheiten. Doch er war nicht nur einer seiner wertvollen Diener, er behandelte ihn wie seinen kleinen Bruder.

      Der Bursche lief schnell, ohne auf die neckenden Blicke zu achten, die ihm die unverheirateten, mit Kopftüchern verhüllten Jungfern zuwarfen. Sein Gesicht war ernst und es hätte nicht anders sein können.

      Ein kleiner Knirps rannte schweißtriefend und atemlos auf ihn zu und war den ganzen Weg von der unteren Stadt hergerannt, um seines Entgelts würdig zu sein.

      Er hatte eine Nachricht für Nikodemus.

      Nachdem der Junge sich vergewissert hatte, dass er den richtigen Mann gefunden hatte, nahm er ein zusammengefaltetes Stück Pergament heraus und überreichte es ihm mit strahlenden Augen.

      Nikodemus nahm es entgegen, faltete es auseinander und las es. Es war eine Nachricht von Joseph. Sie war kurz. Er sollte auf den Markt im unteren Teil der Stadt gehen und einen griechischen Sklavenhändler beobachten.

      Nikodemus hob den Kopf, griff in den Beutel, der ihm um die Hüften hing, nahm eine Münze heraus und warf sie in die Luft. Schnell schnappte der Knabe sie sich, schloss sie fest in seine Faust wie eine Kostbarkeit,