Die Brüder von Nazareth. Andreas Flamme

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Название Die Brüder von Nazareth
Автор произведения Andreas Flamme
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783903382084



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ben Seth.

      5 Der Sanhedrin ist ein hohes richterliches Amt in der jüdischen Selbstverwaltung, einem Rat der Ältesten bei den Juden.

      6 Dämonisches Wesen in der jüdischen Bibel, Teufel.

      7 Die Zeitperiode von 49 Jahren.

      2

      Im Jahre 33 der Herrschaft von Kaiser Augustus (6 n. Chr.)

      Es waren unsichere Zeiten angebrochen. Gewalt und Chaos herrschten in den Ländern Galiläa und Judäa. Nachts erhoben sich Flammen verbrannter Häuser, tagsüber überfielen Räuber auf den Wegen die Karawanen, raubten die Waren und köpften die Menschen.

      So ging das schon seit zig Jahren. Seit Herodes der Große gestorben war. Der König, der mithilfe von Rom an die Macht gekommen war, der König, der das Land mit eiserner Hand geführt hatte, der König, der in Wildheit und Grausamkeit nicht seines Gleichen hatte. Er hatte seine eigenen Kinder umgebracht. Was blieb wohl für die anderen? Selbst Caesar Augustus hatte erklärt, er wäre lieber ein Schwein an dessen Hofe als sein Sohn. Deshalb wurde Herodes von allen gehasst.

      Vom einfachen Volk, von den Bauern, von den Kaufleuten und Handwerkern, von denen in den Bergen und Ebenen, selbst von den Reichen, die sich vor seiner Macht und Rache fürchteten. Sie hassten ihn, denn er war kein Jude und hatte keinerlei Recht auf den Thron Davids. Die Priester weigerten sich, ihn als den erwarteten Messias auszurufen, und er rächte sich an ihnen, indem er sie im Schatten der Nacht hatte hinrichten lassen.

      Man hasste ihn, weil sein Stamm in Inzucht versunken war, die nächsten Verwandten heirateten untereinander.

      Man hasste ihn, weil er den römischen goldenen Adler über dem Hauptportal des Tempels hatte anbringen lassen und befohlen hatte, zweimal täglich Opfergaben zu Ehren von Caesar darzubringen.

      Man hasste ihn, weil er die Gefängnisse mit seinen Gegnern gefüllt hatte, die am Tage seines Todes hätten hingerichtet werden sollen, sodass ein jeder im Volk jemanden zu beklagen hatte.

      Vor dem Zorn und dem Hass der Menschen schützten ihn weder der Bau von Städten, Häfen und Festungen noch die Wiederherstellung und Erweiterung des Tempels.

      Und als er unter qualvollen Leiden starb, weinte ihm keiner nach. Selbst seine Nächsten nicht.

      Sein Körper war noch nicht erkaltet und seine Grabstätte war schon geschändet. Der königliche Sarg aus rotem Kalkstein war in Hunderte kleine Stücke zerbrochen, seine sterblichen Überreste auf das Feld geworfen, damit ihn die Raubtiere und Geier zerreißen würden.

      Die thrakischen Söldner bewachten ihn nicht mehr.

      Die Menschen, die sich im Namen des Volkes gerächt hatten, wurden von einigen Rebellen angeführt, unter denen auch Judas von Gamala zu finden war. Doch jeder kannte ihn unter dem Namen Judas der Galiläer. Er hatte geschworen, dass er die Römer vom Land Gottes und die korrupten Priester aus dem Tempel vertreiben würde. Mehr noch hegte er einen tiefen persönlichen Hass gegen Herodes, denn dieser hatte seinen Großvater Hezekiah gefangengenommen und umgebracht.

      Doch der Aufstand brachte keinen Erfolg. Publius Varus, der römische Statthalter der Provinz Syrien, schickte seinen Sohn mit drei von vier seiner eigenen Legionen und vernichtete diesen mit absichtlicher Grausamkeit und Brutalität. Nur Judas hatte sich retten können.

      Während dieser Zeit existierten drei philosophische Schulen, die sich mit öffentlichen gesellschaftlichen und geistlichen Dingen beschäftigten: die der Sadduzäer, die der Pharisäer und die der Essener. Diese des Lehrers Judas wurde die vierte.

      Sie wurde die Schule der Zeloten genannt.

      ***

      Um den Tisch saßen viele Leute. Schweigsam aßen und tranken sie. Die Nacht hatte sich schon gesenkt und das Feuer in den Leuchtern flackerte von Zeit zu Zeit, wenn der Wind durch den langen und niedrigen Raum wehte. Einige Frauen sorgten dafür, dass Essen nachgereicht wurde und die Gläser nicht leer blieben.

      An der Stirnseite des Tisches saß Judas der Galiläer, rechterhand von ihm hatte sich der Lehrer, oder Zadok, wie sie alle ihn nannten, niedergelassen. Er allein aß kein Fleisch und trank keinen Schluck Wein.

      „Diesmal sind es viele“, ließ ein Mann am Tische hören.

      „Was soll das? Der Gott schickt sie direkt in den Rachen des Löwen“, murrte Judas und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Er nahm sein Glas und leerte es in einem Zug. Judas hatte es noch nicht auf den Tisch gestellt und schon kam ein Mädchen und füllte es von neuem.

      Er hatte ein breites, zerfurchtes und willensstarkes Gesicht mit krausem Haar und kurz geschorenem Bart, breite Schultern und zupackende Hände. Obwohl er der Anführer war, schwang er sein Schwert gleich mit allen anderen, zog als erster in die Schlacht und schürte Furcht unter seinen Feinden.

      Der Mann erhob sich ein wenig und sah die um ihn Sitzenden mit strengem Blick an. Selbst die in Schlachten abgebrühten Kämpfer konnten diesem nicht standhalten. „Wisst Ihr, wen ich mehr hasse als die Römer?“

      Alle schauten ihn an, ohne ihm zu antworten.

      Judas schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Jene, die Reichtum auf Kosten des Volkes anhäufen und ihre Kreuze zerbrechen, um sich vor Rom zu beugen. Jene, die den Tempel mit ihrer Gegenwart schänden und die Frechheit haben, Ware für die Gesundheit von Caesar zu opfern. Jene, die uns sagen, dass wir ihnen Steuern zu zahlen haben, als ob ihnen die Erde gehöre und nicht Gott. Jene, die den letzten Happen der Armen nehmen und diese dem Hungertod preisgeben. All diese sind nicht würdig zu leben, weil sie den Geboten Moses abtrünnig geworden sind. Deshalb zünden wir deren Häuser an, deshalb nehmen wir ihnen das Hab und Gut, deshalb töten wir sie zusammen mit ihren Familien. Sie haben keinen Platz auf unserem Land.“

      Judas erhob sein Glas. Im Raum herrschte Grabesstille.

      „Und wisst Ihr, warum wir siegen werden? Weil es von den Propheten vorhergesagt worden ist. Es ist gesagt, aus dem Lande Judäa kommt ein Mann, der wird die Söhne des Seth zugrunde richten und über die Völker herrschen. Es wird die letzte Zeit anbrechen und das Reich Gottes herrschen. Und nur die Gerechten werden daran teilhaben. Nicht wahr, Zadok?“

      Der Mann zur Rechten nickte nur zum Zeichen der Einwilligung.

      „Wie die Makkabäer die Griechen verjagten, so werden auch wir die Römer verjagen. Wenn die das konnten, so können wir das auch. Mein Vater Mathias verbrannte für die wahre Sache – wenn es sein muss, so werden auch wir dafür verbrennen.“

      Judas schaute erneut die Männer an. Ihre Gesichter waren gleichzeitig roh und von Entschlossenheit erstrahlt, womit sie der Causa ergeben waren. Er fühlte sich befriedigt, seine größte