Название | Die Brüder von Nazareth |
---|---|
Автор произведения | Andreas Flamme |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783903382084 |
„Ich habe schon solche gesehen“, entgegnete Jakobus wichtigtuerisch.
„Wo?“
„Einmal, als ich mit Vater in Sepphoris war.“
„Und warum war ich nicht mit?“
„Du warst krank und warst bei Mama geblieben.“
Jeschua dachte nach, ohne seinen Blick von der Frau zu nehmen. „Und warum ist sie angebunden?“
„Sie ist eine Sklavin, man verkauft sie.“
Plötzlich sprang Jeschua auf. „Komm, gehen wir und gucken wir sie uns an.“
„Aber der Vater hat uns gesagt, wir sollen auf die Möbel aufpassen!“, widersprach ihm sein Bruder.
„Los, wir werfen nur einen Blick und kehren sofort zurück. Vater wird das nicht bemerken“, antwortete Jeschua und zog Jakobus an der Hand.
Es hatten sich einige Leute um die Frau gesammelt und betrachteten sie.
Die beiden Jungen huschten an den Leuten vorbei, sie wollten näher heran, um besser sehen zu können. Jeschua zog Jakobus an der Hand, der widerwillig mitging und sich ständig nach den Möbeln und dem Leiterwagen umdrehte und seinen Vater suchte.
Es war eine dünne Frau, sie hatte lange kohlrabenschwarze Haare und ihren Kopf auf die Brust gesenkt. Sie trug zerschlissene Kleidung mit kurzen Ärmeln und ihre Arme hatte sie vorn verschränkt. Das grobe Tuch langte bis zu ihren Knien, sie war barfuß, sie hatte eine mattbraune Haut. An ihrem Hals hing eine Holztafel, die mit schiefen schwarzen Buchstaben beschrieben war.
Die Frau war nicht von hier. Sie stand wie eine der Statuen unbeweglich auf dem Stein, wie sie in manchen reichen griechischen Häusern in Sepphoris zu finden waren. Das Kind spielte mit einem Spielzeug aus Holz und schenkte den Leuten keinerlei Aufmerksamkeit.
Der Mann, der die Leine hielt, sprach weder Hebräisch noch Aramäisch. Er trug eine dunkelgelbe Toga und seine Glatze glänzte in der Sonne.
Die beiden Knaben verstanden nicht, was dieser sagte. Von Zeit zu Zeit wandte er sich der Frau zu und zeigte mit dem Peitschengriff auf verschiedene Körperteile.
„Was ist das für eine Sprache?“, fragte Jeschua flüsternd.
„Sie gehört nicht zu den Römern, ich habe gehört, wie sich die Soldaten unterhalten. Vielleicht ist es Griechisch.“
„Es muss Griechisch sein“, murmelte Jeschua. „Wieviel will man für sie?“, meinte er laut.
„Du willst sie doch nicht etwa kaufen?“ Die Stimme gehörte einem Mann mit einem ausgemergelten Gesicht und schwarzem krausen Bart und machte sich über den Knaben lustig.
Jeschua schaute ihn ohne jegliche Scheu und Verlegenheit an. „Verstehen Sie seine Sprache?“, fragte er und zeigte auf den Sklavenhändler.
„Ja.“
„Nun, und was ist der Preis?“, wiederholte der Junge seine Frage.
„Du bist noch zu klein für diesen Markt. Besser du kehrst zu deinem Vater zurück, der bestimmt irgendwo in der Nähe ist. Oder du kaufst dir getrocknete Datteln, wenn du Geld hast. Ich kann dir zeigen, wo es die besten gibt“, entgegnete der Mann.
Ein leichter Schatten eines Lächelns huschte über sein Gesicht.
Jeschua hatte bemerkt, dass dieser das feinste Tuch trug. Niemals hatte sein Vater so etwas getragen. Sicher hatte das ein ganzes Vermögen gekostet. Außerdem funkelte an den Fingern seiner rechten Hand ein massiver Goldring.
Dieser Mensch war reich.
„Ich habe keinen Appetit auf Datteln, ich möchte nur wissen, wieviel man für die Frau und das Kind verlangt“, beharrte Jeschua.
„Lass uns gehen!“, flüsterte Jakobus ängstlich. „Sicher sucht Vater uns schon.“
„Nein!“
„250“, meinte der Mann.
„Was, 250?“, wunderte sich Jeschua.
„Du hattest mich nach dem Preis für die Sklavin gefragt. Sie kostet 250 Denare.“
Jeschua kratzte sich am Kopf.
„Hast du so viel?“, fragte der Unbekannte.
„Auch, wenn ich alle Möbel verkaufen würde, würde ich nicht so viel aufbringen können.“
„Wenn du sie kaufen könntest, wozu würdest du sie denn verwenden?“
„Für nichts.“
„Wie das?“, staunte ehrlich der Mann.
„Ich werde sie freilassen, damit sie nach Hause gehen kann. Keiner verdient, wie ein Tier angebunden zu werden“, entgegnete Jeschua.
Unversehens trennte der Junge sich von der Gruppe und blieb vor dem Händler stehen. „Ich werde sie kaufen“, brachte er mit einer festen und lauten Stimme hervor, sodass es alle hören konnten.
Die Menschen waren still geworden. Der Fremde, der den Strick hielt, sah den Jungen erstaunt an. Er konnte dessen Sprache nicht verstehen.
„Er will sie kaufen“, sagte einer auf Griechisch.
„Du willst sie kaufen!“, rief der Händler und brach in Gelächter aus, das ansteckte und alle lachten. „Habt Ihr das gehört? Dieser zerlumpte Bauernjunge will kaufen …“, überschlug sich auch der Händler. „Und woher willst du so viel Geld hernehmen?“, konnte er gerade noch sagen.
Jeschua senkte nicht den Kopf. Er stand vor dem Händler, doch sein Blick war auf etwas anderes gerichtet. Seine großen Kinderaugen sahen gebannt in das Gesicht der Sklavin. Diese hatte ihren Kopf erhoben und wollte sehen, wer sie kaufen wollte. Sie hatte ein müdes Gesicht, doch ihre Augen …
Jeschua hatte nie in seinem ganzen Leben solch traurige Augen gesehen.
„Ich kann dir 100 Denare geben, sobald wir die Möbel verkauft haben. Wenn es nicht reicht, werden wir den Leiterwagen dazugeben und … den Esel.“
Der Händler hörte auf zu lachen. „He, mein Junge, geh dorthin, woher du gekommen bist, bevor ich zornig werde. Du störst den Handel.“
Jeschua ging nicht vom Fleck.
Der Händler trat vor und beugte sich hinunter, richtete den Peitschengriff auf seine Brust und schubste ihn. „Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe? Wenn du nicht deines Weges gehst, lass ich dich verhaften“.
„Ich gehe nicht fort. Du bist ein Dreckskerl“, fuhr ihn der Kleine an.
Der Händler hielt den Blick noch einige Sekunden auf diesen hartnäckigen und frechen Knirps. „Wache!“, schrie er mit voller Kraft.
Zwei kräftige Hände packten Jeschua unter den Armen und zogen ihn zurück. Sie gehörten dem unbekannten reichen Mann. „Verzeihen Sie, mein Herr“, sprach dieser auf Griechisch. „Sicher hat er einen Sonnenstich, es ist doch nur ein Kind.“
Der Händler wollte von neuem schreien, aber aus seinem Mund kam nur ein Seufzer. Wie sollte auch die vornehme Kleidung des Mannes dem erfahrenen Auge keinen Eindruck machen. So hing doch von einer korrekten Einschätzung des Kunden sein Unterhalt ab.
„So kann man doch nicht reden, jemand hat ihn das gelehrt. Sicher ist sein Vater einer dieser Juden, die einen Aufstand anzetteln. Da muss die Staatsmacht eingreifen“, sagte er schnell.
„Seien Sie unbesorgt, ich vertrete sie.“
„So! Und in welcher Art?“
„Ich bin Mitglied des Sanhedrin.“
„So, ergreifen Sie Maßnahmen, bevor jemand die Stadt anzündet.“
„Selbstverständlich.“