Humboldts Innovationen. Группа авторов

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Название Humboldts Innovationen
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Жанр Документальная литература
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Издательство Документальная литература
Год выпуска 0
isbn 9783940621542



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er dessen Bedeutung und beschloss, es fortzuführen.2

      Das grundstürzend Neue dieser Inschriftensammlung war deren Methode. Schon zuvor hatten Altertumsforscher Inschriften gesammelt und publiziert. Allerdings hatte man bei den bislang erschienenen Editionen meist auf ältere Quelleneditionen zurückgegriffen. Diese wurden zerschnitten, neu zusammengestellt und umfangreich annotiert. Neues Wissen konnte bei dieser Manier schwerlich entstehen. Demgegenüber setzte Mommsen es sich nun zum Ziel, die Inschriften planmäßig und vollständig zu erfassen, indem er diese persönlich vor Ort aufsuchte und abschrieb. Darüber hinaus sollte Mommsens Edition auch die nur noch in Handschriften erhaltenen Inschriften umfassen. Nur durch diese systematische Herangehensweise war es theoretisch möglich, neue Erkenntnisse zu erlangen und einen vollständigen Grundstock an Quellen anzulegen.

      Mit dem Entschluss war es allerdings nicht getan. Nun fingen die Probleme für Mommsen erst an. Tatsächlich türmte sich gleich ein ganzer Berg von Problemen vor ihm auf: Wie sollte ein einzelner Mensch dazu in der Lage sein, alle Inschriften des römischen Weltreiches zu sammeln? Es lag auf der Hand, dass dies nur in einem groß angelegten, im besten Falle auch internationalen Wissenschaftsunternehmen möglich war, das jahrzehntelang tätig sein würde. Wer aber sollte das bezahlen? Die Berliner Akademie der Wissenschaften war hierfür zwar der natürliche Ansprechpartner, aber dort saß Mommsens Förderer Boeckh und war von dem Projekt ganz und gar nicht begeistert, war doch seine eigene, auf traditionelle Weise erstellte griechische Inschriftensammlung gerade im Erscheinen begriffen. Hätte diese nun durch den Plan eines Jungakademikers das Signet wissenschaftlicher Unbrauchbarkeit aufgedrückt bekommen sollen, weil es ihr an Systematik fehlte?

      Man kann Mommsen nicht vorwerfen, dass er für sein Projekt nicht gekämpft hätte. Um die Vorzüge seiner Methode praktisch aufzuzeigen, entschloss er sich, die Inschriften einer Region selbst zusammenzutragen. Bartolomeo Borghesi, der Doyen der Epigrafik (Inschriftenkunde), legte ihm das Königreich Neapel ans Herz, und so brachten Mommsens öffentliche Abschreibestunden Amüsement und Gesprächsstoff in diese Region. Allein, es erwies sich als vergebens. Boeckhs Einfluss an der Akademie war noch zu stark. Eine Mehrheit für Mommsens Unternehmen lag in weiter Ferne. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sein Inschriftenprojekt einstweilen mit seinem Stipendiengeld alleine fortzuführen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Dies war ihm auch das Risiko wert, sein Stipendium für eine Tätigkeit zu verschwenden, die womöglich niemals Früchte tragen sollte. Die restliche Zeit seines Italienaufenthalts verbrachte er daher damit, auf eigene Faust die Inschriftensammlung zu ergänzen. Abwechslungsreicher Zeitvertreib war das kaum. Stattdessen bedurfte es unermüdlicher Disziplin, um über der Eintönigkeit dieser Tätigkeit nicht den Mut zu verlieren – zumal vor dem Hintergrund einer fehlenden Finanzierungszusage für das Gesamtprojekt. Gleichwohl ließ Mommsen sich nicht beirren, wusste er doch, dass zumindest das Deutsche Archäologische Institut auf seiner Seite stand und auch Borghesi die Inschriftensammlung für gut befunden hatte. Es war also vielleicht noch nicht aller Tage Abend.

      Immerhin erhielt er nach seiner Rückkehr aus Italien eine Professur für Rechtswissenschaften in Leipzig. Seinen Lehrstuhl verlor er aber alsbald wieder, nachdem er im Jahre 1849 angesichts des drohenden Scheiterns der 1848er-Revolution mit zwei Kollegen zusammen durch die Straßen gezogen war. Mit dem Ruf „Bürger heraus!“ hatte er eine Volksversammlung einberufen und zum bewaffneten Kampf übergehen wollen. Friedrich Wilhelms IV. Ablehnung der ihm angetragenen Kaiserkrone war dem liberalen, kleindeutsch-erbkaiserlich orientierten Mommsen unerträglich. Obgleich er vor dem Hintergrund eines bevorstehenden Truppeneinsatzes schon am nächsten Tag von diesem Aufruf Abstand genommen hatte, wurde er daraufhin strafrechtlich und politisch verfolgt. Die strafrechtlichen Vorwürfe wurden zwar in der Berufungsinstanz fallengelassen, aber das Ministerium entließ die an dem Aufruf beteiligten Professoren 1851 aus dem Universitätsdienst.

      Inschriftencorpus, 1848er-Revolution: Duplizität der Ereignisse in Mommsens Vita. Hier wie dort zeigte er keine Scheu, gegen eine etablierte Mehrheit anzurennen und für seine Überzeugungen auch Hand anzulegen. In beiden Fällen blieb das persönliche Engagement allerdings fruchtlos, weil der Reformwille der Machthaber ausblieb. Vor allem aber weigerte Mommsen sich jeweils, gleich nach der ersten Niederlage die Flinte ins Korn zu werfen. Denn während andere liberale Professoren nach dem endgültigen Scheitern der 1848er-Revolution den Weg in die „innere Emigration“ des Wissenschaftlers gingen und ihre politischen Ambitionen aufgaben, blieb Mommsen seinem Selbstverständnis nach ein politischer Professor. Und was Wissenschaft und Inschriftensammlung anbelangte, so hatte er diese nach der Ablehnung seiner Pläne ja lange Zeit als Ein-Mann-Unternehmen in Italien fortgesetzt, ohne sichere Gewähr dafür zu haben, dass sich der Wind einmal drehen würde.

      1852 kamen für den Wissenschaftler Mommsen endlich bessere Zeiten. Die „Lateinischen Inschriften des Königreichs Neapel“ gingen in Druck. Nachdem die Berliner Akademie ob ihrer Differenzen mit Mommsen noch einmal gegen ihn nachgetreten und den Druckkostenzuschuss verringert hatte, war das Erscheinen nur wegen der Risikobereitschaft des Verlegers möglich. Zeit seines Lebens wusste Mommsen, wem er für die Veröffentlichung Dank schuldete: dem „tapferen und gemeinnützigen Buchhändler“.3 Die Veröffentlichung der neapolitanischen Inschriften war indes die entscheidende Wende. „Sie zeigten auch dem blödesten Auge“, schrieb der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack, „wie das Inschriftenwerk auszuführen sei“.4

      Mit dem Erscheinen der Inschriften war die Zeit reif, einen neuen Versuch für die Initialisierung des Inschriftenunternehmens zu starten. Einfach war dies beileibe nicht. Mommsen Widerstreiter Boeckh ließ sich von den neapolitanischen Inschriften nicht irritieren und leistete weiterhin hinhaltenden Widerstand. Gleichwohl bröckelte Boeckhs Mehrheit. Zu überzeugend waren die Ergebnisse der neapolitanischen Sammlung. Zu bestechend die neue Herangehensweise. Die neapolitanischen Inschriften führten Innovationskraft und Schaffenspotential von Mommsens Idee in einer Nussschale vor. Zu welchen Ergebnissen würde es dann erst führen, wenn man die Kräfte im Großen vereinigte – in einem wissenschaftlichen Unternehmen? Dessen Dimensionen würden den Rahmen des bislang Bekannten sprengen, versprachen aber genau aus diesem Grund wissenschaftlichen Fortschritt. Diesen Perspektiven konnte sich eine Mehrheit in der Akademie nicht auf Dauer verschließen. Geschickt koordinierten Mommsen und seine Fürsprecher sich inner- wie außerhalb der Akademie und wiesen permanent auf die Innovationskraft des Inschriftenunternehmens hin. Ihre Gegner gerieten unter immer stärkeren Rechtfertigungsdruck. Zudem meldeten sich aus Italien die ersten Mitstreiter, die nur zu gerne an der in den Startlöchern stehenden Edition teilnehmen wollten. Schließlich trug die zweijährige Kärrnerarbeit in Neapel endlich Früchte: Mommsen wurde in einer heißumstrittenen Akademiesitzung mit der Edition beauftragt. Das Einzelschaffen war vorüber. Das Unternehmen Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) konnte beginnen.5

      Friedrich Wilhelm IV. hatte 1854 auf sechs Jahre zunächst 2.000 Taler jährlich bewilligt. Zu wenig für das CIL. Mommsen ging davon aus, bis zu zwanzig Jahre mit dem Inschriftencorpus beschäftigt zu sein. Tatsächlich wird die Arbeit an dem Corpus bis zum heutigen Tag kontinuierlich fortgesetzt, da es zu einer Vielzahl neuer Inschriftenfunde kam. Dabei gilt weiterhin die Parole, die Inschriften – sofern noch möglich – vor Ort zu untersuchen, um eine hinreichende Quellenkritik zu gewährleisten.6 Weniger Wert legte Mommsen hingegen auf eine umfangreiche Annotierung der Inschriften. Hier ließ er es bei einigen grundlegenden Angaben bewenden. Wichtig war ihm, einen systematisch geordneten Inschriftenfundus aufzubauen, aus dem man im Folgenden schöpfen konnte.

      Bis zu Mommsens Tod 1903 wurden 130.000 Inschriften in 15 Bänden publiziert. Diese Erfolge waren nur möglich, weil Mommsen mit dem CIL die akademische Großforschung initialisierte. Es verwundert nicht, dass es dabei zu einer Vielzahl organisatorischer, materieller und wissenschaftlicher Schwierigkeiten kommen musste. „Nur dadurch konnten sie überwunden werden und wurden überwunden, dass es eben kein Privat-, sondern ein akademisches Unternehmen war“7 , sagte Mommsen selbst. Um die Inschriftensammlung organisatorisch zu bewältigen, war er nicht mehr reiner Wissenschaftler, sondern gleichfalls Betriebschef. Zu seinen Aufgaben gehörten nun auch Geldbeschaffung, Einstellung geeigneter Mitarbeiter sowie Koordination von deren Arbeit.

      1855 forderte die Akademie in einem Rundschreiben interessierte Wissenschaftler zur Teilnahme an dem CIL auf. Als fähiger Organisator legte Mommsen größten