Das Herz des Zauberers. Betty Kay

Читать онлайн.
Название Das Herz des Zauberers
Автор произведения Betty Kay
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783960895077



Скачать книгу

unsichtbar macht. Bis die Wirkung einsetzt, wurden bereits einige unserer Männer getroffen. Manch einer wurde tödlich verletzt. Neue Krieger nehmen ihre Plätze ein und drängen vorwärts. Aufgrund des Platzmangels wird es zu einem Kampf Mann gegen Mann. Die Hiebe unserer Gegner sind kraftvoll wie nie zuvor. Dagegen können wir nicht ankommen.

      Noch einmal benutze ich meine Magie und schicke Wellen aus, die die feindlichen Soldaten von den Füßen werfen. Ich springe an eine andere Stelle und verursache auch dort eine Energiewelle, die einige Gegner ausschaltet. Unsere Soldaten können an dieser Stelle weiter vordringen.

      Überall herrscht Chaos. Nach und nach werden unsere Männer sichtbar. Das Summen unserer Feinde vibriert in meinen Ohren. Das Geräusch schmerzt so sehr, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Von allen Seiten sind Schreie zu hören und verstärken dadurch mein Unwohlsein nur noch. Verletzte gehen zu Boden. Leider handelt es sich vermehrt um unsere Leute. Mein Entsetzen steigt weiter an, während ich dabei zusehe, wie unsere Männer nicht gegen die kräftigen und gut ausgerüsteten Eindringlinge in unserem Land ankommen.

      Mit bangem Herzen murmle ich den Zauber, der unsere Männer wieder unsichtbar macht. Zumindest unsere Soldaten an erster Front sollen eine Chance haben, sich unseren Feinden unbemerkt zu nähern. Wieder springe ich an einen anderen Ort und löse eine Energiewelle aus, um meinen Beitrag zu leisten. Meine erste Schlacht war ein abschreckendes Beispiel für mich. Ich werde mich nicht selbst mit der Verwendung eines Schwertes in Gefahr bringen. Ich bin ungeübt, habe nicht genug Kraft, um die Klinge zu führen. Deshalb nutze ich ausschließlich meine magischen Fähigkeiten, um unserer Sache zu dienen. Ich hoffe, es reicht dieses Mal.

      Immer mehr unserer Soldaten drängen auf die kleine Lichtung. Mit der Unterstützung unserer Verbündeten sollte es uns eigentlich gelingen, unsere Feinde zu überwältigen. Allerdings haben unsere Gegner nicht vor, sich freiwillig zu ergeben. Diejenigen, die von einem Schwert getroffen wurden, kämpfen weiter, bis sie ihre Verletzungen zum Aufhören zwingen. Mitten im Getümmel sehe ich einen Feind, der sich in seine eigene Klinge stürzt, als zwei unserer Männer vergeblich versuchen, ihn zur Seite zu ziehen. Wenige Fuß weiter entdecke ich eine ähnliche Szene.

      Sterben diese Krieger lieber, als sich von uns gefangen nehmen zu lassen?

      In meinem Kopf suche ich nach einem Spruch, mit dem ich sie davon abhalten kann. Ich gehe all die Zauber durch, die ich in meinem Leben bereits gelesen habe. Mein Großvater hat von meiner Gabe, die einzelnen Seiten eines Buches vor meinem inneren Auge abrufen zu können, nie etwas geahnt. Ich sehe manche Stellen verschwommen und die Übung in der Anwendung fehlt mir, weshalb meine Zauber nicht immer funktioniert haben. Doch jetzt bin ich mir sicher, dass kein geeigneter Spruch in Oremazz’ Büchern steht.

      Unsere Soldaten ergießen sich in einer Flutwelle über die Lichtung. Viele von ihnen sind sichtbar, doch ich muss mir nicht mehr die Mühe machen, sie vor den Blicken unserer Feinde zu verstecken. Die Krieger haben wohl eingesehen, sich nicht gegen unsere Übermacht zur Wehr setzen zu können. Die Intensität und die Höhe des Summens, das die Anführer von sich geben, verändert sich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass sie auf diese Art kommunizieren. Ich würde nur gerne wissen, was sie miteinander besprechen. Einen Augenblick später erhalte ich eine unerwartete Antwort.

      Alle unsere Gegner hören gleichzeitig damit auf, sich gegen uns zur Wehr zu setzen. Sie lassen von unseren Männern ab und richten ihre Waffen gegen sich selbst. Fassungslos muss ich mit ansehen, wie sie sich die Klinge in den Bauch rammen. Kein Schmerzenslaut ist zu hören, als sie einer nach dem anderen zu Boden sinken.

      Mit einem Mal herrscht gespenstische Stille auf dem Schlachtfeld. Unsere Männer starren wie ich mit Entsetzen auf das Bild, das sich uns bietet. Tausend Tote liegen auf der Lichtung verteilt. Nur wenige davon gehören zu unserer Seite. Sie haben sich selbst geopfert, um nichts über ihre wahren Absichten zu verraten. Ich bin mir sicher, sie haben verhindern wollen, von uns zu ihren Plänen befragt zu werden. Sie haben etwas vor, von dem wir nicht erfahren dürfen. Um dieses Ansinnen vor uns zu bewahren, sind sie bereit gewesen, selbst in den Tod zu gehen.

      Meine Neugier ist stärker als meine Abwehr. Vorsichtig nähere ich mich einem unserer reglos auf dem Boden liegenden Gegner und schiebe eine Hand unter seinen Helm. Mit den Fingerspitzen taste ich nach seinem Puls, um sicherzugehen, dass er tatsächlich tot ist.

      Ich muss wissen, ob es sich bei ihnen überhaupt um Menschen handelt. Möglicherweise sind es nur von Magie erschaffene Wesen, die uns äußerlich ähneln, die bluten und sterben können wie wir, die aber keinen eigenen Willen besitzen. Nicht mehr als Kampfmaschinen, die sich dem Zauber unterwerfen müssen, der sie zum Leben erweckt hat. Wenn meine Untersuchungen meine Fragen vielleicht auch nicht beantworten, so können sie mir vielleicht eine Möglichkeit zeigen, um die anderen Truppen unserer Gegner kampfunfähig machen zu können, bevor sie sich selbst töten.

      Mit klopfendem Herzen nestle ich an den Schnüren am Hinterkopf des Soldaten, um ihm dann die Maske vom Gesicht zu ziehen.

      Auf den ersten Blick wirkt das Gesicht nicht unmenschlich. Es könnte sich um einen Fremden handeln, wie sie unser Dorf daheim in Maëlle hin und wieder besuchen. Wäre ich ihm vor dem Krieg begegnet, hätte ich mir bei seinem Anblick nichts gedacht und hätte ihn sofort wieder vergessen. Jetzt allerdings fällt mir der breitere Nasenrücken auf und der überraschend kleine Mund. Die ungewöhnliche Form der Augen, die mich an Reiskörner erinnern, ist davor durch den Schnitt der Sehschlitze nicht erkennbar gewesen. Ganz offensichtlich erinnern diese Gesichtszüge nicht an die Bewohner unseres Kontinents.

      Schritte nähern sich mir. Als ich hochsehe, bemerke ich Manekas auf mich zukommen. »Was denkt Ihr?«, fragt er. Der Schock über das Geschehene schwingt in seiner Stimme mit.

      »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, gebe ich zu. »Diese Soldaten scheinen Menschen zu sein. Trotzdem handeln sie nicht menschlich. Oder kennt ihr jemanden, der den Tod der Gefangenschaft vorzieht?«

      »Fremde Länder. Fremde Sitten.« Der Fürst betrachtet ratlos das Gesicht, das sich zuvor unter der Maske verborgen hat. »Wer kann schon sagen, was anderswo üblich ist? Möglicherweise gilt es bei diesem Volk als Schande, von seinem Gegner überwältigt zu werden. Aufgeben kommt einem Frevel gleich. Möglicherweise werden wir diese Kämpfer nie verstehen.«

      Langsam nicke ich. Zu gerne hätte ich ein paar Antworten. »Ich kann die Energie fühlen, die von ihnen ausgeht. Sie müssen von einem Zauber geleitet worden sein. Möglicherweise kennen diese Wesen keine Sprache und kommunizieren lediglich über den Austausch von Summgeräuschen. Auf jeden Fall spüre ich hier eine Dunkelheit, wie ich sie noch niemals erlebt habe. Die Seelen dieser Wesen lösen sich wohl bereits von ihren Körpern. Welchem Glauben sie wohl anhängen? Sind sie davon überzeugt, in den Himmel aufsteigen zu können? Gibt es für sie Götter, die sie für ihre Taten belohnen werden? Irgendwann erhalten wir vielleicht Hinweise darauf, was sie bewegt.« Ich richte mich auf. »Bevor wir aufbrechen, werden wir ihre persönlichen Sachen untersuchen. In den Taschen befinden sich hoffentlich Aufzeichnungen oder Beweise für das, was sie planen.«

      »Es ist zu befürchten, dass ihre Schrift ähnlich wie ihre Sprache für uns nicht zu verstehen ist. Dennoch habt Ihr recht. Wir müssen so viel wie möglich über unsere Feinde erfahren. Nichts in diesem Lager wird unbeachtet bleiben. Alles wird begutachtet werden.«

      Besonders die Maschine in der Mitte des Lagers wird meine Aufmerksamkeit lange in Beschlag nehmen. Ich werfe einen kurzen Blick zu dem Ungetüm, das nun, da ich näher an dem Gerät stehe, noch beeindruckender wirkt als zuvor. Die Steine an den Ecken des seltsamen Dings glühen nun nicht mehr. Trotzdem werde ich versuchen, sie von der Apparatur zu entfernen. Eine Stimme in meinem Inneren flüstert mir zu, dass das wichtig sein könnte. Wenn die Soldaten davon ihre Energie erhalten, werden die restlichen Truppen an Stärke einbüßen. Wenn diese Maschine die Verwirrung unserer Flugechsen und Soldaten verursacht hat, werden die Menschen nur ungestört weiterleben können, wenn wir die Störung beseitigt haben.

      Erst möchte ich allerdings noch etwas ausprobieren. In den Zauberbüchern aus der Bibliothek meines Großvaters habe ich vor langer Zeit einen Spruch gelesen, der es ermöglicht, einen Gegenstand auf die Energie zu untersuchen, mit der er in Berührung gekommen ist. Sie verrät, wer ihn