Kopf über Wasser. Wolfgang Millendorfer

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Название Kopf über Wasser
Автор произведения Wolfgang Millendorfer
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783903184893



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dem Ellbogen, und da sieht er es auch: Der alte Nazi hat zwar immer noch sein Handtuch über dem Kopf, aber auch eine Hand in der Badehose und die bewegt sich langsam auf und ab.

      »Wir machen hier weiter«, sagt Werner und dirigiert die Gruppe in die andere Richtung, weg vom Becken, zurück auf den Gang. Dabei sieht er noch einmal über die Schulter, und auch von der anderen Seite macht ihm der Blick durchs Kantinenfenster keine Freude: Dort versucht Grant gerade über die Schank zu klettern, Bella schwingt mit dem Besen einmal durch und trifft ihn am Kopf. Werner schiebt Spreitzer vor sich her, der lässt es zu: »Da geht es in die Sauna.« – »Haben Sie hier eigentlich ein Kinderbecken?«, fragt Kaufmann. – »Ja, warum?« – »Nur so.«

      Als sie zu viert auf dem Gang stehen und der Aufzug nicht kommt, geht es endlich allen gleich. Jeder wartet darauf, dass endlich die Türen aufschwingen, jeder wackelt ein wenig mit dem Kopf und summt seine eigene Melodie. Ein altmodischer Klingelton, die Türen gehen auf und Spreitzer sagt: »Nach Ihnen.«

      Der Aufzug ist alt und eng. Werner drückt sich an Marina, Kaufmann steht neben Spreitzer, Werner drückt den Knopf, die Türen rattern und keiner sagt ein Wort, obwohl das alles ewig dauert. Die Fahrt nach unten ebenso. Als Kaufmann versucht, Spreitzer etwas ins Ohr zu flüstern, versetzt der ihm einen Stoß, dass die Aufzugkabine wackelt. Werner schwitzt, Marina lässt es sich trotzdem nicht nehmen, ihm von hinten zwischen die Beine zu greifen; da grinst er. Kaufmann sieht das Grinsen, kann damit aber nichts anfangen.

      Endlich der Klingelton, und sie kommen ein Stockwerk tiefer an. »Nach Ihnen«, sagt Spreitzer wieder. Werner und Marina steigen aus dem Aufzug, die Luft ist rein. Nein, doch nicht. Als Spreitzer und Kaufmann den Gang betreten, biegt Robert Anker um die Ecke. Nackt – und sein Ding steht leicht vom Körper weg. »Also, das ist ja …«, stottert Kaufmann. »Robert Anker«, fällt ihm Marina ins Wort, »der beste Saunameister von hier bis Bad Gastein!« – »Immer zu Diensten! Einen Aufguss, meine Herren? Den werden Sie nie vergessen.« – »Nein, danke«, antwortet Kaufmann und sieht noch einmal genauer hin. Spreitzer lächelt. »Keine Sorge«, sagt Robert Anker, »ist nur vom Duschen.« Er schnalzt mit seinem Handtuch vor ihren Köpfen einmal durch die Luft und bindet es um seinen Bauch. Auch das Handtuch steht vorne weg. »Sehr gut, Herr Robert. Sie können Pause machen.« – »Warum so förmlich, Frau Antl?«, fragt er und geht mit wedelndem Handtuch den Gang entlang. Alle vier sehen ihm hinterher.

      Keine Überraschungen in der Sauna, außer dass es im Aufenthaltsraum unangenehm kühl ist. Wie gehabt macht Kaufmann seine Notizen, Spreitzer lächelt, Werner fragt: »Ist das Buch noch nicht voll?« – Kaufmann schreibt schneller. Sie öffnen alle Saunatüren, stecken die Köpfe rein und schließen sie wieder. »Hier riecht’s gut«, sagt Hofrat Spreitzer und Werner weiß nicht, ob das ernst gemeint ist oder wieder nur ein übler Scherz. Marina fragt laut in die Runde: »Sollen wir uns auch ausziehen?« Das irritiert Werner, sie war schon einmal kreativer. Spreitzer lächelt anzüglich. »Bitte, hier geht’s raus«, sagt Marina.

      »Und was ist da drinnen?«, fragt Spreitzer, während sie wieder auf den Aufzug warten. »Der Keller. Zutritt für Unbefugte verboten.« – »Ja, da dürfen wir selbst nicht rein«, lächelt Marina, und das findet Werner jetzt doch lustig. »Aber wir würden’s sehr gerne sehen.« – »Meinetwegen. Ist aber nicht besonders spannend.«

      Sie betreten den Gang, das Licht geht an, niemand ist da. Vor der Tür zum Technikraum zieht Werner seinen Schlüssel hervor und steckt ihn ins Schloss. Das funktioniert nicht. Werner klopft gegen die Tür. »András!«, ruft er, und das mehrmals hintereinander. Erst viel später kommt eine Antwort: »Was ist los?« – »Bitte aufsperren!« – »Nein, geht schon!« – »Bitte aufsperren!« – »Ich komme dann rauf!« – »Nein, jetzt bitte gleich aufsperren!« – »Riecht’s hier nach Rauch?« – »András raucht nicht.« – »Wer ist eigentlich András?« – »Unser Haustechniker.« – »Nein, ich meine, ob es da drinnen brennt.« – »András?!« – »Ja?!« – »Brennt es bei dir?!« – »Wie?!« – »Ob es da drinnen brennt?!« – »Nein!« – »Wir kommen später wieder!« – »Alles klar, Chefin!«

      Im Aufzug schweigen alle oder sehen betreten zu Boden. Es klingelt, sie kommen ein Stockwerk höher an und gehen langsam durch die Eingangshalle. »Schon spät«, murmelt Kaufmann und zeigt Spreitzer seine Armbanduhr. »Ich weiß«, antwortet Spreitzer und dreht sich zu Werner und Marina um: »Wie sieht es mit unserem Kaffee aus?«

      Als sie die Kantine betreten, ist es noch schlimmer, als Werner erwartet hat. Georg und Grant haben wieder ihre bescheuerte Musik durchgesetzt: Grant grölt in einen Zuckerstreuer, den er als Mikrofon benutzt, und Georg steht auf dem Tisch, an der Schank klatschen alle mit. Susi räumt die Gläser ab und humpelt merklich. Bella kommt auf Werner zu und flüstert – so laut, dass alle es hören können: »Der Willi, der hat sich im Kühlraum eingesperrt.« – »Ja«, sagt Werner, »ist in Ordnung. Könnten wir bitte vier Kaffee haben? Gleich?« Bella antwortet nicht, bleibt aber vor ihnen stehen. Zwischen ihren Zähnen steckt ein Zahnstocher, den sie im Mund vor und zurück bewegt. »Fräulein Susi«, ruft Marina, »vier Kaffee, bitte!« – »Sie sollen mich doch nicht so nennen«, ruft Susi und schafft es, dabei noch freundlich zu klingen. »Wir sitzen da drüben!«, ruft Werner und schiebt Hofrat Spreitzer wieder vor sich her.

      Kaufmann klappt sein Notizbuch zu. Die Musik verstummt, Grant singt weiter in seinen Zuckerstreuer, Georg klettert vom Tisch. Dabei fällt ein Bierglas runter und zerspringt auf den Fliesen. »Das räumst du selbst weg!«, brüllt Bella. – »Leck mich!«, brüllt Georg zurück, nimmt dann aber doch den Besen, nachdem Bella ihm damit auf den Rücken geschlagen hat. Kaufmann und Spreitzer beobachten die Szene mit offenem Mund, ebenso Werner und Marina – in gewisser Weise aber auch fasziniert davon, dass es Bella und den anderen schlichtweg egal ist, dass sie hier die Besitzer des Hallenbads mit zwei Gästen der Stadtverwaltung am Tisch sitzen haben. »Kaffee kommt gleich!«, brüllt Bella und spuckt ihren Zahnstocher auf den Boden: »Aufwischen!«

      »Also?«, Marina lächelt, und Spreitzer lächelt zurück. »Alles bestens«, sagt er. »Was passiert jetzt als Nächstes?« – »Nicht viel. Keine Angst.« – »Wir haben keine Angst.« Kaufmann sagt: »Das war nur eine Routinekontrolle.« Spreitzer sieht ihn eindringlich an. »Stimmt ja«, murmelt Kaufmann. »Komisch«, sagt Werner.

      Susi humpelt auf den Tisch zu und kämpft mit dreimal Kaffee, der auch in den Untertassen schwimmt. »Der vierte kommt gleich.« Noch einmal wird es laut in der Kantine, Bella hat den Knopf der Kaffeemaschine gedrückt. Dann ist es wieder still, die Biergeister sitzen an der Schank, rauchen und benehmen sich. Es ist zu still, findet Werner und klappert mit seiner Tasse.

      »Ich kann Sie wirklich beruhigen«, spricht Hofrat Spreitzer mit gedämpfter Stimme. »Mit Ihrem Hallenbad ist alles in Ordnung, das werde ich in der Stadtratssitzung noch einmal betonen. Es wird nichts passieren, was Sie nicht auch wollen.« Klingt wie aus einer Wahlkampfrede; Werner sucht nach den Falltüren. Er ist und bleibt eine Ratte, denkt er, aber leider auch ein Fuchs. »Bleiben Sie ganz entspannt, und gemeinsam finden wir eine Lösung.« – »Eine Lösung wofür? Ich wusste nicht, dass wir eine Lösung brauchen«, fällt ihm Marina ins Wort. Sie ist bereit, die Nerven zu verlieren. Spreitzer bewegt seine Hand unbeholfen über den Tisch, und bevor er sie auf Marinas Hand legt, erscheint Susi zur richtigen Zeit mit dem vierten Kaffee. »Bitte sehr.« Spreitzer gießt die Milch aus dem kleinen Kännchen in die Tasse, macht einen Schluck und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. »Wir müssen jetzt wirklich«, sagt er, »vielen Dank für den aufschlussreichen Nachmittag.« Er steht auf und nickt übertrieben zum Abschied. Kaufmann steht ebenfalls auf und flüstert Spreitzer etwas ins Ohr. Der hört zu, verzieht noch einmal sein Gesicht und wird laut: »Na, dann geh doch, Mensch!« Kaufmann fragt Werner: »Die Toiletten …?« – »Draußen in der Halle.« – »Ich warte beim Wagen«, sagt Spreitzer genervt, winkt, geht um den Tisch herum und beugt sich zu Marina, um tatsächlich einen Handkuss anzudeuten. Wäre sie besser aufgelegt, würde sie kichern und mitspielen; dazu sieht sie jetzt aber keinerlei Anlass. Werner schnauft, Spreitzer nickt ein weiteres Mal und geht.

      Nicht einmal eine halbe Minute später wird an der Schank das Gemurmel merklich lauter, ebenso die Musik. Werner und Marina Antl sitzen immer noch auf ihren Plätzen, mit kaltem