Kopf über Wasser. Wolfgang Millendorfer

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Название Kopf über Wasser
Автор произведения Wolfgang Millendorfer
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783903184893



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sind da, unüberhörbar. Gleich werden sie hier überall sein.

      In der Eingangshalle: Die Schüler haben die orangen Sofas verschoben, unter die braunen Tischplatten Kaugummis geklebt, auf alle Schaukästen ihre Finger gedrückt, die Prospekte durcheinandergebracht, herumgebrüllt haben sie ganz nebenbei und sie haben Wurstbrote gegessen und auf dem Fußboden hinterlassen sie Wurststücke. Ein Lehrer und zwei Lehrerinnen stehen in der Ecke und rauchen. Sie lassen ihre Zigaretten in den Aschenbecher fallen und beginnen ihrerseits mit dem Gebrüll. Es dauert eine Weile, dann hört man ihnen zu und die Kinder treten in einer Reihe vor der Kassa an. Vier Schulklassen füllen die Eingangshalle, gut siebzig Schüler – und die Lehrer lassen jeden einzeln bezahlen. Das dauert. Rose an der Kassa beginnt zu schwitzen. Eigentlich schwitzt sie schon längst, weil die Heizung nicht richtig funktioniert und es viel zu warm hier drinnen ist, weil András es einfach nicht hinkriegt.

      Ein Stockwerk höher beobachten Marina und Werner Antl das Treiben in der Eingangshalle durch ihr riesiges Fenster und schütteln synchron die Köpfe. »Früher haben sie das Geld noch in der Klasse eingesammelt«, sagt Werner, und Marina nickt. Er sieht sie an, dann sieht er wieder durch das Fenster. »Schau«, sagt er, »die Kleine da unten hat schon ein Handy.« Marina Antl zuckt mit den Schultern, und Werner geht zum Schreibtisch. Er trägt Hausschuhe, und heute fällt ihr das wieder besonders auf. Werner darf das, denkt Marina jeden Tag. Und das stimmt, denn Werner hatte früher zum Beispiel lange Haare. Er sitzt an seinem Schreibtisch und blättert. Marina setzt sich an den Computer und klickt mit der Maus. »Steht da auch drinnen, was es zu Mittag …?« Marina schüttelt den Kopf. Der Witz funktioniert einfach nicht mehr, und Werner sieht das ein und schweigt.

      Die Kinder sind durch, der Lärm lässt nach und wandert in Richtung Garderobe. Rose schwitzt und will jetzt unbedingt ihre Hände waschen. Sie öffnet eine Schublade und holt eine Packung Desinfektionstücher hervor. Als sie mit der Desinfektion fertig ist, betritt ein Pärchen die Eingangshalle. Rose setzt dazu an, die Augen zu verdrehen, macht es aber nicht, weil die beiden ganz einfach bezaubernd aussehen.

      Die Frau ist – für ein Hallenbad – echt herausgeputzt, hohe Schuhe, schwarzer Rock, Strumpf, lange, brünette Haare. Und er in einer teuren Sportjacke, seine Haare zurückgelegt, in Jeans, und seine Stiefel machen ein Klack bei jedem Schritt. Unbewusst richtet sich Rose in ihrem Kassastuhl auf. Sie wischt mit dem Handrücken über ihre verschwitzte Stirn und lächelt. Er kommt auf sie zu und zieht die brünette Dame hinter sich her. Seine Augenbrauen wackeln irgendwie. Rose ist nicht dumm: Sie weiß, dass die beiden es gewohnt sind, dümmlich angelächelt zu werden. Aber sie wird jetzt trotzdem mitspielen. Allein schon wegen seinem Klack, Klack, Klack. »Guten Morgen«, sagt sie lächelnd. »Nur Sauna«, sagt er mit wackelnden Augenbrauen, bezahlt und zieht seine Dame in Richtung Garderobe. Dann sieht er doch noch einmal über seine Schulter. Rose lächelt und kommt sich unheimlich verschwitzt vor. Ohne zu wissen, was das bringen soll, hofft sie insgeheim, dass er einer von denen ist, die diese Kombination aus sehr gutem Aussehen und unangenehmem Schweißgeruch zu schätzen wissen. Und wirklich, so dürfte es sein. Er zwinkert ihr zu, während er die Brünette durch die Garderobentür schiebt, seine Sporttasche über die Schulter wirft, die Tür aufdrückt und sich mit den Fingern durch die Haare fährt. Alles in einer fließenden Bewegung. Unter dem Kassatisch lässt Rose ihre Hausschuhe fallen und spreizt die Zehen.

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      Die Schüler haben sich umgezogen und über das Bad verteilt. Fred sitzt in seinem grünen Plastiksessel, atmet leise durch seine Bademeisterpfeife und versucht nicht aufzufallen. Die beiden Kinder von vorhin sind gegangen, weil ihnen jetzt zu viele Kinder hier sind, die Mutter und das Baby tun so, als würden sie schlafen, ebenso der alte Nazi, der zudem noch so tut, als sei er unsichtbar: Er hat ein Handtuch über seinen Kopf gelegt. Der Lehrer und die beiden Lehrerinnen stehen in der Ecke und suchen nach einem Aschenbecher. Bald beginnen sie wild zu gestikulieren. Fred sieht ihnen dabei zu, und was er sich vorstellt – die Sätze, die er ihren Gesten zuordnet –, trifft überraschenderweise ziemlich genau den Kern der Diskussion: Können wir dann gehen?, fragen die beiden Lehrerinnen. Und was soll ich mit den Kindern machen?, fragt der Lehrer. Wie habt ihr euch das vorgestellt? – Der Bademeister ist ja auch noch da. Fred sinkt in seinen Sessel zurück. Na, der wird mir weiterhelfen … – Stell dich bitte nicht so an. Was soll schon sein? – Ach, macht doch, was ihr wollt! – Ok, danke. Die zwei Lehrerinnen werfen die Handtücher über ihre Schultern und gehen. Also, bis dann! Alles fein! Freistunde in der Sauna.

      Fred richtet sich wieder auf und zwinkert dem Lehrer zu: Ruhig bleiben, mein Freund. Ich bin ja auch noch da. Doch der Lehrer sieht das nicht, weil er mit seinem Badeschuh gegen einen Mistkübel tritt und danach Schmerzen hat. Nie wieder! Das will er damit sagen. Fred sieht es genau und bläst in seine Pfeife, weil er auch sieht, dass sich zwei Oberstufenschüler im Becken einen Kleinen vorgenommen haben und der knapp vor dem Ertrinken ist. »He!«, brüllt Fred. »Schluss da!« Dann zwinkert er dem Lehrer noch einmal zu und der schüttelt den Kopf. Fred atmet durch die Nase aus. Im Becken geht der Wahnsinn weiter. Bei jedem Sprung ins Wasser zuckt der alte Nazi unter seinem Handtuch zusammen. Wenn Fred dem Becken den Rücken zudreht, hat das beinahe jedes Mal ein noch viel lauteres Platschen zur Folge, wie es nur von einem heimlichen Sprungturm-Sprung kommen kann. Der Sprungturm ist gesperrt, was jene, die Regeln nicht ernst nehmen – und das sind einige –, nicht abhält. Der einzige Trost für Fred, wenn seine Autorität auf diese Weise wieder einmal mit Füßen getreten wird: Ein Sprung vom Turm ärgert den alten Nazi noch viel mehr als ein einfacher Randsprung.

      In der Sauna begegnen die Lehrerinnen zunächst András, der dort unten heute eigentlich nichts zu tun hat, aber dort ist, weil er gesehen hat, wie die beiden zuvor in die Umkleidekabine gegangen sind. András nickt den Lehrerinnen zu und klopft mit einem kleinen Hammer gegen die Wand. Dazu grinst er auch noch, die beiden Lehrerinnen kontrollieren die Knoten ihrer Badetücher und sehen sich um. Der Saunabereich gehört beinahe ihnen allein, das haben sie auch so erwartet an einem Dienstagvormittag. Nur vor der Finnischen stehen zwei Paar Badeschuhe. Und obwohl sie allein sein wollten, stellen sie ihre eigenen Schuhe daneben ab und öffnen die Tür. Und da liegen sie: er und sie. Er – rasiert von oben bis unten, durchtrainiert und entspannt. Sie – das Haar getrimmt, alles Natur und ebenso entspannt. Beide gerade so, als würden sie zuhause nackt herumliegen und genau so, als ob sie wüssten, dass das für zuhause viel zu schade wäre.

      Die beiden Lehrerinnen bleiben einen Moment lang in der Tür stehen, er und sie bemerken den kalten Luftzug, er hebt seinen Kopf und räuspert sich. Dann lächelt er freundlich und sagt: »Meine Damen …« Die Lehrerinnen treten ein und nehmen auf der untersten Bank Platz. Er und sie bleiben liegen, schließen die Augen, bereit dazu, von oben bis unten angesehen zu werden. András beobachtet die Szene durch das kleine Fenster in der Tür und denkt angestrengt nach. Er braucht einen Vorwand, um da drinnen nackt auftreten zu können. Dann würde die Sache explodieren, da ist er ganz sicher.

      »He! He, Spanner!« András klopft mit dem kleinen Hammer in kurzen Abständen gegen die Wand und dreht langsam den Kopf. Die Lehrerinnen blicken verwirrt umher, er und sie bleiben ganz ruhig liegen. András hat sich umgedreht, und vor ihm steht Robert Anker, das Saunatuch um die Hüften und den Holzkübel in der Hand. »Na?«, fragt er, »alles gesehen?« András schüttelt den Kopf, steckt den Hammer in seinen Gürtel und geht murmelnd ab. Robert schießt die Badeschuhe gegen die Wand, öffnet die Tür und sagt viel zu laut: »Aufguss! Guten Morgen, die Damen und der Herr!«

      Im Bad kämpft der Lehrer inzwischen mit seinem Dasein und will einfach keine Hilfe von Fred annehmen. Fred hat es versucht, er hat ihm noch einmal zugezwinkert, mehrmals genickt und mit seiner Pfeife gepfiffen. Die Schüler spielen im Becken ihr eigenes Spiel. Die Kleinen haben viel Wasser geschluckt, den Großen ist jetzt langweilig und sie wollen rauchen, und die dazwischen stehen im seichten Wasser und wachsen, ob sie es wollen oder nicht.

      Fred hat ebenfalls aufgegeben und steckt die Pfeife in die Tasche seiner Bademeisterweste. Der Lehrer sitzt nur da und wartet. Die Kinder im Becken werden ruhiger. Der alte Nazi sieht vorsichtig unter seinem Badetuch hervor und staunt, weil sich keiner mehr bewegt. Irgendetwas stimmt hier nicht, denkt er und hustet.