Название | Kopf über Wasser |
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Автор произведения | Wolfgang Millendorfer |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783903184893 |
Werner und Marina schweigen und bleiben noch eine Weile nebeneinander sitzen. Es ist kurz nach sechs und jemand springt ins Becken. Bewegung im Wasser; am späten Nachmittag kommen die Nach-der-Arbeit-Schwimmer. In zwei Stunden ist Badeschluss. Die Kantine hat offiziell bis neun geöffnet, das ist aber selbstverständlich nur ein Richtwert. In Wahrheit hängt es von Bellas Laune und von der Leistungsfähigkeit ihrer Gäste ab. Also eigentlich doch nur von Bellas Laune, denn die Leistung ihrer Gäste ist auch deren einzig gute Eigenschaft – und schlechte zugleich (und hat jedenfalls keinen Einfluss auf Bellas Laune).
Hinter Werner und Marina machen sie sich bereit für den Abend. Sie versuchen, die Musik mit ihrem Gemurmel zu übertönen; das Ergebnis ist Kantinenlärm.
Das Hallenbad
Das Hallenbad – ein Prachtbau von einem Betonklotz
Heuer begeht das Hallenbad am 13. März sein 29-jähriges Bestehen. Das soll mit einem Fest gefeiert werden – ein Probelauf für das große Fest zum 30. Jubiläum im kommenden Jahr. Wenn das Hallenbad dann überhaupt noch geöffnet haben wird; wenn es dann überhaupt noch steht.
Die goldenen Zeiten (die 1970er) sind lange vorüber, die 80er (ebenso golden für Hallenbäder) ebenfalls. Am Montag, dem 14. April 1986, übernahm das Ehepaar Antl offiziell die Geschäftsführung (voller Träume und großer Pläne). Die 90er waren bereits schwieriger – die meisten Menschen hatten schön langsam Besseres zu tun; die anderen verliebten sich in die Thermalbäder, das Ehepaar Antl blieb seinen Träumen und großen Plänen treu.
Heute kann man es nicht mehr genau sagen. Keiner weiß so recht, wie die 2000er einzuschätzen sind. Immerhin: Zum sogenannten Millennium ging die Welt nicht unter. Aber: In wenigen Monaten werden entführte Flugzeuge in Gebäude krachen. So gesehen: immer noch eine unschuldige Zeit, die Zeit vor dem 29-jährigen Hallenbadjubiläum und dem 15-jährigen Geschäftsführungsjubiläum des Ehepaars Antl, was in zweieinhalb Wochen gemeinsam gefeiert werden soll.
Kurzum: Heute, am Dienstag, dem 20. Februar 2001, hat man auf jeden Fall Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Sicher, die hatte man auch schon früher. Aber die 2000er – damit sind die Menschen noch immer nicht so richtig warm geworden; das werden sie wohl bis zu den 2010ern nicht. (Und danach wird er immer mehr zur Nebensache, der Wunsch, der Drang, sich zurechtfinden zu wollen.)
Außerdem (und vor allem – denn was kümmert die Leute im Hallenbad schon die Welt draußen und die Idee, dass ein neuer Weltkrieg oder etwas in der Art (Weltkrieg, das sagt man heute so nicht mehr, hat man nicht einmal mehr zu Beginn der 2000er so gesagt) drohen könnte, der dann doch nicht kommt, aber nie ganz abwegig sein und das seine zur allgemeinen Verwirrung beitragen wird, ganz abgesehen von der Angst vor Anschlägen) wird es im Hallenbad jetzt langsam wirklich eng.
Die Stammgäste sind schnell und an einer Hand oder an maximal zwei Händen abgezählt. Das Zählen hat man hier aber gar nicht mehr gern, denn Zahlen leuchten längst nur noch in roter Farbe. Deshalb hat sich auch Hofrat Spreitzer persönlich der »Causa Hallenbad« (ein Begriff, der sich mittlerweile im Gemeinderat und in der lokalen Presse durchgesetzt hat) angenommen – und das nicht ganz ohne Vergnügen (ja, es könnte sogar sein, dass er für das Gelände, auf dem das Hallenbad einmal gestanden sein wird, bereits eine lukrative Idee in der Hinterhand hat). Gerne absolviert er deshalb einen der unangekündigten Besuche ebenso persönlich, überprüft die Hygiene, wirft einen Blick in die Bücher, in die Technikräume oder unter den Rock der hinkenden Kellnerin Susi, wenn die sich bückt und nicht aufpasst. Das Ehepaar Antl lässt ihm die Freude, wird aber zunehmend unentspannt, denn die Zahlen lügen nicht. Die Träume und die großen Pläne sind verblasst; eigentlich sind sie längst vergessen.
Und überhaupt: Die Welt steht zwar noch, aber irgendetwas stimmt nicht mehr so ganz. Und irgendwie scheint das auch das Hallenbad zu spüren …
4.
19 Uhr – Dienstantritt: umziehen, aufwärmen, dann in die Kantine. »Herbert!«, rufen die einen, »Peter!« die anderen. Herbert Peter salutiert und leuchtet mit seiner Taschenlampe einmal durch die Runde. Er steht gut da in seinen schweren Stiefeln und im Kampfanzug, den er Uniform nennt. Steht gut da und weiß es und brüllt: »Was ist da los?! Dienstantritt!« – »Scheiß drauf! Wir haben bald Dienst-Abtritt.« – »Gratuliere! Deshalb bin ich ja nicht ihr.« – »Eben!« – »Dann bis morgen!« – »Gute Nacht!« – »Fängt gerade erst an«, sagt Herbert Peter, lacht laut, geht ab und hofft, dass ihm jemand hinterhersieht, denn es sieht gut aus, wie er den Raum verlässt. Er ist ein Cowboy, oh ja.
Herbert liebt das. Er trinkt fast immer nur zwei Bier mit ihnen. Wenn er die Kantine verlässt, ruft Fred gerne: »Keine Straßenschuhe im Bad!« – »Kein Problem«, lacht Herbert, »nicht mein Problem …« Dann geht er – raus in die Halle und über den Gang. Er hat die Schlüssel und kann gehen, wohin er will, geht aber direkt ins Bad, legt sich am Beckenrand in einen Liegestuhl und behält das große Kantinenfenster im Auge, wartet, bis dahinter alle Lichter ausgegangen sind. Bis das Haus ihm gehört, komplett in Schwarz, mit Schlüsselbund, Taschenlampe und schweren Stiefeln.
Wenn Nachtwächter arbeiten (und es dauert nur ein paar Wochen, dann machen sie es auch in ihrer Freizeit und überhaupt zu jeder Zeit), dann machen sie es so: Den Kopf immer leicht zur Seite geneigt, halten sie das Ohr in die Dunkelheit und kneifen die Augen zusammen. Sie horchen.
Herbert Peter hört dem Wasser zu. Dem Gurgeln und Plätschern, und es bleibt dabei: In regelmäßigen Abständen hört er im Becken etwas auftauchen – was in einem Teich und vielleicht sogar in einer Sommernacht im Freibad kein Problem wäre. Aber in einem Hallenbad sollte nachts nichts auf- und abtauchen; schon gar nicht etwas, das man nicht sieht, wie schnell man den Kopf auch dreht.
Diese Geräusche, jene, die einen verfolgen, nennt man in seiner Branche Spaßverderber. Und wenn Nachtwächter im kleinen Kreis zusammensitzen, dann erlauben sie es, dass auch darüber geredet wird. Kaum einmal wird dabei gelacht und nicht selten haben die Spaßverderber eine solche Laufbahn beendet, haben aus dem Nachtwächter einen Kaufhausdetektiv, Versicherungsmakler oder Jahrmarktfahrer gemacht.
Was Nachtwächter sonst noch machen: Sie öffnen alle Schubladen, weniger aus Neugier denn aus Langeweile; sie essen ständig aus dem Kühlschrank (ebenfalls aus Langeweile); sie versuchen zu schlafen, und immer wieder horchen sie und reden sich ein: Da war nichts … Sie fahren tatsächlich mit Bürostühlen auf den Gängen Rennen gegen sich selbst. Sie singen und pfeifen (gegen die Angst). Und dann und wann und öfter, als man denkt, masturbieren sie sich einmal quer durch das zu bewachende Objekt. Ist es ein Hallenbad, so begünstigt das natürlich diesen Zeitvertreib: Da kommt man auf Ideen, würden ähnlich Interessierte Herbert Peter recht geben. So war das bis vor Kurzem auch; aber in letzter Zeit hat er keine Lust auf den Spezialrundgang. Schuld daran ist ein Stuhl, und wie er da stand – allein am Beckenrand.
Herbert Peter war und ist sich bis heute sicher, dass er ihn nicht übersehen und schon gar nicht selbst dort hingestellt hat. Wie denn auch? Es war keiner von den grünen Plastiksesseln, sondern eines der alten Ungetüme aus der Eingangshalle, die aus Holz mit oranger Polsterung. Stand da am Beckenrand, das war nicht sein Platz. Herbert Peter dachte nicht daran, ihn zu umkreisen, mit dem Fuß anzustoßen oder gar darauf zu sitzen. Er dachte an nichts, sondern ging ins Büro (wobei sich die Haut auf seinem Nacken zusammenzog und erst am nächsten Morgen zuhause unter der Dusche wieder einigermaßen entspannte) und wartete ab. Er fragte nicht nach, was aus dem Stuhl geworden war, ob man ihn wieder in die Eingangshalle zurückgetragen hatte und wer das getan haben sollte, oder ob er von selbst dort hingegangen war. Am Ende wäre es wohl auf das eine hinausgelaufen: He, ist doch nur ein Stuhl …
Wie in den gut vierzig Nächten davor ist auch heute Nacht alles friedlich – bis jetzt.