Название | Kopf über Wasser |
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Автор произведения | Wolfgang Millendorfer |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783903184893 |
Niemand mag es gern allein im Keller, auch András nicht. Er schleicht durch die Gänge und hat kein Ziel. Er würde gerne behaupten, das Haus wie seine eigene Hosentasche zu kennen oder etwas in der Art. Das heißt, er behauptet es natürlich, aber eben nur gegenüber allen anderen. In Wahrheit kennt er das Hallenbad nur so gut, um damit gerade noch durchzukommen. Nicht dass ihn das so sehr stören würde, aber wenn er hier unten im Keller seine Runde macht, wüsste er gern, was nach der nächsten Ecke kommt – ein weiterer Gang, der mit der kaputten Neonröhre an der Decke vielleicht, der mit der schmutzigen Wand, die ihm noch keiner hier erklären konnte (einmal musste er sie selbst putzen, als sie sich mit dem grauschwarzen Film, der die schmutzige Wand – so heißt sie im Sprachgebrauch des Hauses längst auch offiziell – überzieht, noch nicht abgefunden hatten); oder der Gang, in dem die große Uhr so laut tickt, der üble Geruch, das Schlagloch, die eingetretene Tür, das Graffiti, die Mausefalle, der Technikraum, da drinnen brennt es, zischt es und klopft es. Da geht András heute nicht hinein, er ist fertig mit dem Technikraum. Und hinter der nächsten Ecke steht Robert Anker, und András erschrickt gehörig und lautstark.
Robert Anker bindet in diesem Moment sein Badetuch um den Bauch und lässt sich nicht dabei stören. Er nickt András nur kurz zu, der schüttelt den Kopf: »Was machst du bitte hier unten?« – »Und was machst du hier?« – Rundgang.« – »Siehst du, ich auch.« – »Stimmt nicht.« – »Natürlich nicht.« – »Und was sonst?« – »Ich sauniere.« – »Du … was?« – »Saunierst. Ich sauniere, du saunierst, er, sie, es …« – »Sei still!« – »Bitte, lernst du eben nichts.« – »Danke.« – »Bitte«, sagt Robert Anker und macht sich auf, um hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.
»Ich verrate dich nicht!«, ruft ihm András hinterher. »Moment, Moment!«, ruft Robert Anker und bleibt stehen: »Da gibt es auch nichts zu verraten. Ich kann genauso gut wie du hier unten sein.« – »Kannst du nicht. Ich verrate dich aber nicht.« – »Was soll das? Sag schon.« – »Wenn du mich auch nicht verrätst.« – »Was soll ich nicht verraten. Du machst mich irre.« – »Das, was ich dich jetzt frage.« – »Na bitte, dann frag endlich.« – »Kannst du mir lernen, wie man tanzt?« – »Ob ich dir … wie man tanzt?« András nickt. »Wenn’s weiter nichts ist!«, ruft Robert Anker und dreht sich einmal im Kreis, dann noch einmal und noch einmal. Wer in den besten Häusern alle nackt gesehen hat, der weiß auch, wie man tanzt. Die beste Wahl als Tanzlehrer also: Robert Anker, dreht sich hier im Keller im Kreis, bis sein Handtuch runterrutscht und er es wieder umbinden muss, und András sieht darüber hinweg und betreten zu Boden, als er sieht, dass Robert Ankers Ding leicht vom Körper wegsteht. »Also dann: Tanzen wir!«
András gibt ihm noch eine Minute, erklärt ihm, dass es gewissermaßen ein Notfall sei, denn in drei Tagen »… ist es ja so weit. Na klar!«, vollendet Robert Anker die Erklärung, und weil das Handtuch inzwischen wieder korrekt hängt und nichts wegsteht, kommt András näher an Robert Anker heran, als er es jemals für möglich gehalten hätte, und zu zweit beginnen sie nun: »Ta-da-da-da-damm!« – »Damm-damm-damm-damm! Donauwalzer!« Und noch einmal: »Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm! Ta-da-da-da-daaaa…«
»Schau mal«, lacht Werner Antl vor dem Bildschirm laut auf, und Marina rollt mit ihrem Sessel zu ihm rüber und lacht auch und, wie zu erwarten war, weil beide auf einen Moment wie diesen gewartet haben, ist der dumme Streit vom vergangenen Abend damit vergessen. Wenn auch nicht ganz, weil das mit Streit eben so ist. Im Moment aber lassen sie beide die Anspannung nur zu gern ziehen und sehen mit Vergnügen dabei zu, wie Robert Anker und András im Keller tonlos ihre Walzerrunden drehen. Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm.
Der Spaß scheint heute auch gar kein Ende nehmen zu wollen, denn als ihnen Bella höchstpersönlich eine Stunde später das Mittagsmenü serviert, trägt sie dabei eine Augenklappe und einen Piratenhut mit Totenkopf. Werner, Marina, Rose, Fred, András und Robert Anker werden mit dem Spaß gar nicht fertig. Susi kichert verhalten, Willi steht hinter der Schank und lässt sich von Bella einen Eisbecher mit Schirmchen drin servieren. »Ja, was ist denn los?!«, lachen auch die Unbeteiligten mit. »Wette«, murmelt Bella, während sie an ihnen vorüberschleicht. »Haha! Gewonnen?« Sie bleibt stehen, lüftet die Augenklappe und – da ist er schon wieder: Bellas böser Blick.
Und der ist allemal echt, denn Bella hat Willi zuvor eine Revanche-Wette vorgeschlagen, die sie allerdings ebenfalls verloren hat: das klassische Minigolf mit Kochlöffel, Rumkugeln und Georgs offenem Mund am Ende der Schank. Und weil sie die Kugel auch beim fünften Versuch nicht versenkt hat, trägt sie jetzt ein dämliches Piratenkostüm, und Willi isst fröhlich seinen Eisbecher und wird noch frecher: »Wenigstens dein Kostüm hast du schon!«, brüllt er und deutet mit dem Eislöffel auf ein Plakat an der Wand:
Verzauberung am Meeresgrund Fische, Tanz & Party mit DJ Freddy F(r)esh Samstag, 24. Februar (20 Uhr bis ?) Bellas Kantine
7.
Nach dem Essen, allesamt Knödel und Tiefkühl-Pilzmischung im Bauch, kommt jeder nur zu gerne seiner Verpflichtung nach, die anderen in Ruhe zu lassen. Werner Antl ist mit seinen Bildschirmen beschäftigt, nickt dabei kurz ein, Marina ringt sich eine Einheit Yoga in der Dienstwohnung ab. Robert Anker wäscht und poliert sein Aufguss-Werkzeug und denkt über Temperaturen nach; das ist es tatsächlich, was ihn einen Großteil seiner Zeit beschäftigt: Temperaturen – nicht eine oder die Temperatur, sondern alle möglichen. Die finnische Sauna ist leer, bis auf András, der unter die Bank kriecht, um seine Kamera zu positionieren und dabei einen Schlüssel findet, der gestern noch nicht da war. Fred schläft. Bella trinkt Kaffee, nachdem sie Piratenhut und Augenklappe in den Mistkübel gestopft hat. Susi löst Kreuzworträtsel, und Koch Willi beobachtet sie heimlich dabei. Georg und Grant schlafen noch immer; zwei, drei Unbeteiligte blättern an der Schank in alten Illustrierten, und zwei weitere knallen abwechselnd Spielkarten auf eine Tischplatte.
Rose Antl ist abgetaucht, ab durch die Gänge, hat Türen geöffnet und wieder versperrt und raus durch den Hinterausgang. Sie atmet auf, auch wenn der Geruch von Chlor sich längst in ihre Kleidung und in die Haare gefressen hat. Hier unten, in einem schmalen Hof, den sie mit ein paar Mülltonnen teilt, hat sie vor ein paar Wochen ihr Versteck eingerichtet, hat einen weißen Plastiksessel hingestellt, auf dem sie im Schatten des Hallenbads sitzt und raucht und wie eine Wilde ihr Mobiltelefon bearbeitet. Es läutet, sie drückt drauf, hält das Telefon an ihr Ohr und beginnt zu flüstern.
András sitzt auf einem der orangen Sofas in der Eingangshalle und dreht den Schlüssel, den er zuvor in der finnischen Sauna unter den Sitzbänken ganz hinten bei der Wand gefunden hat, zwischen den Fingern hin und her. Ein herkömmlicher Schlüssel, an einem Ring ein kleines Metallschild mit der Nummer 25; der Schlüssel zu einem Hallenbadkästchen. Und auch wenn András bis auf seine Saunakamera so ziemlich alles hier drinnen ziemlich egal ist, und er auf die alten Legenden nichts gibt, so weiß er, dass es nur der Schlüssel sein kann, der eine, Kästchen 25, seit Jahren verschwunden, das Kästchen versperrt und auch mit äußerster Gewalt nicht aufzukriegen. András hat ihn jetzt – den Schlüssel. Er wird ihn benutzen, bald schon.
Zwei Uhr nachmittags ist es mit der Ruhe vorbei: Babyschwimmen. Im allgemeinen Gebrüll läuft Fred planlos mit dem Schlauch durchs Bild, und hinter dem Kantinenfenster hält sich Susi mit beiden Händen die Ohren zu. Willi findet das befremdlich, würde ihr gerne über den halb nackten Rücken streicheln, muss aber zurück hinter den Küchenvorhang, um literweise Brei zu kochen. Eine Idee, die ihm eines Nachts gekommen ist und die ihm anfangs wenig Begeisterung und sogar den Zorn Unbeteiligter einbrachte. Jetzt aber verdankt Bella an Babyschwimm-Tagen ihren Reichtum, wie sie sagt, Willis Brei und nicht den Mittagsmenüs, abgesehen natürlich von der Bier-Flut der Marke Georg, Grant oder X-Y – die Schecks jedoch nicht immer gedeckt.