Название | Kopf über Wasser |
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Автор произведения | Wolfgang Millendorfer |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783903184893 |
6.
»Wenn du einen Ball allein im Wasser treiben siehst«, würde Fred sagen, hätte er einen Sohn, »dann setz dich hin und sieh ihm dabei zu. Und sei es nur für zwei, drei Minuten«, würde er sagen. »Und warum?«, würde sein imaginärer Sohn fragen. »Weil du damit Zeit gewinnst«, würde Fred sagen und damit etwas sehr Kluges. Weil er aber keinen Sohn hat – und selbst wenn, würde der wohl nicht um acht Uhr morgens mit ihm am Beckenrand sitzen, aber wer weiß –, weil er keinen Sohn hat und allein am Becken sitzt, sagt er nichts. Im Wasser treibt ein Ball vorüber, bald hat er es an den Rand geschafft. Fred sieht ihm dabei zu. »Schön ruhig hier, nicht?«
Fred schreit auf, »Verdammt!«, lächelt aber, weil es nur Werner ist und aus dem ersten Schrecken Erleichterung wird. »Keine Angst«, sagt Werner Antl, »ich bin’s nur.« – »Haben Sie mich erschreckt!«, lacht Fred. »Sind wir tatsächlich per Sie?«, fragt Werner, und Fred antwortet: »Kommt auf die Uhrzeit an.« – »Ha! Das ist gut!« Jetzt lacht Werner und setzt sich neben Fred an den Beckenrand. Er sieht aus, als wäre er froh, auch einen Grund zum Lachen zu haben und Fred fragt, ob mit ihm alles in Ordnung sei. »Lange Nacht«, sagt Werner, »seltsame Nacht.« Fred riecht hinter dem vielen Chlor in der Luft eine Spur Schnaps und nickt. »Nächte sind immer lang«, sagt er, und hat damit etwas Kluges laut gesagt. Dann sitzen beide da und schweigen. Als ihm dieser Moment zu lang dauert, hat Fred das Gefühl, dringend noch etwas sagen zu müssen: »Sehen Sie – der Ball da. Treibt einfach so im Wasser.« Werner Antl nickt.
Dann ist es wieder still. Bis Werner murmelt: »Da möchte man meinen, jeden Moment taucht eine Hand auf und zieht ihn unter Wasser …« Dabei sieht er Fred von der Seite an. Der schüttelt langsam den Kopf: »Ich weiß nicht. Mich beruhigt er, der Ball.« – »Klar«, sagt Werner. Und nach einer weiteren Pause: »Schon einmal was gesehen hier drinnen?« – »Was meinen Sie? Was Sexuelles?« – »Nein. Und bitte, sag endlich Du zu mir. Das hält man ja nicht aus.« – »Ok, entschuldigen Sie.« – »Na?« – »Der alte Witz.« – »Ach ja. Ha!« – »Hast du etwas gesehen?« – »Nein, alles bestens. Lange Nacht. Seltsame Nacht.«
»Guten Morgen, die Herren.« Eine tiefe Stimme hinter ihnen, Werner und Fred schrecken diesmal zu zweit auf. »Na, was denn?« Bella kommt auf sie zu, in den Händen ein Tablett mit drei Tassen darauf. »Ich bin heute gut gelaunt«, sagt sie, nimmt eine Tasse vom Tablett und drückt sie Fred in die Hand, »aber nutzt mir das ja nicht aus.« Sie wackelt mit den Augenbrauen. »Und die hier ist für dich, Chef.« Sie reicht Werner eine Tasse mit der Aufschrift I AM THE BOSS. »Entzückend«, sagt Werner. »Danke«, antwortet Bella und deutet einen Knicks an. Sowohl Werner als auch Fred geht ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf: Gute Laune wirkt bei Bella noch gruseliger als alles, was sie ihnen sonst so ins Gesicht bellt. Kurz denken beide über mögliche Gründe für ihre gute Laune nach, in unterschiedlicher Deutlichkeit, aber in Ansätzen wieder ähnlich; dann schütteln beide unmerklich den Kopf und halten ihre Tasse vors Gesicht. Der Kaffee riecht gut, dampft, und Werners Brillen beschlagen.
»Ich darf doch?«, fragt Bella und lässt sich umständlich neben Fred am Beckenrand nieder. Und jetzt sitzen sie zu dritt da, sehen aufs Wasser und trinken Kaffee. »Ich hatte auch eine seltsame Nacht«, sagt Bella plötzlich und lacht schon wieder, und Fred findet, dass ihr das gar nicht so schlecht steht, das Lachen. »Mhm«, macht Werner. »Und ich habe auch schon einmal etwas gesehen.« Bella nimmt einen kräftigen Schluck. Werner sieht sie lang an, doch sie reagiert nicht. Es ist wieder still, nur das Wasser ist zu hören, das ewig gegen den Beckenrand schlägt und durch die weißen Plastikgitter abgesaugt wird, das ständige Gurgeln und Rauschen, das sie alle lieben und hassen zugleich. »Wo ist eigentlich der Ball?«, fragt Fred. »Welcher Ball?«, fragt Bella.
Eine Stunde später wird an die Eingangstür gehämmert. Georg und Grant drücken ihre Gesichter gegen die Scheibe und brüllen das Glas an. Fred kommt gemächlich durch die Eingangshalle, in der Hand seinen Schlüsselbund. Georg und Grant hämmern trotzdem weiter wie die Irren gegen die Tür. Sind sie ja auch – zwei Irre, denkt Bella, die hinter ihrer Schank steht, tief einatmet und die Luft durch die Nase wieder rauslässt. Zwei Irre, mit denen sie jetzt den ganzen Tag verbringen muss. Wobei: So wie die beiden da durch die Halle stolpern, scheinen sie nicht schon wieder, sondern noch immer unterwegs zu sein. Und wenn sie das sind, fallen bei ihnen meistens gegen Mittag die Lichter aus. Dann gehen sie zwar noch lang nicht nach Hause, halten aber das Maul (»Haltet endlich euer Maul!«), weil sie in einer Ecke liegen und schlafen.
Jetzt aber, um neun Uhr früh, sind sie noch lebhaft, aufgekratzt, idiotisch laut. Und da platzen sie schon in die Kantine, noch während Bella ein weiteres Mal schnauft (eindeutig ein Schnaufen, denn sollte es ein Seufzen gewesen sein, so würde sie das nie zugeben).
»Guten Morgen, die Herren. Wo sind denn eure Badehosen?« – »Die haben wir schon drunter an.« – »Genau! Drunter!« – »Herzeigen!« – »Ich bin unten ohne.« – »Da bin ich mir ganz sicher.« – »Gibt’s hier noch was zu trinken?« – »Schon …« – »Aber?« – »Schon was zu trinken.« – »Aber?« – »Kaffee.« – »Na das bestimmt nicht!« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Brav.« – »Danke.« – »Und du?« – »Überrasch mich!« – »Na klar.« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Hast du schon gesagt.« – »Danke.« – »Euch geht’s gut?« – »Herrlich.« – »Sieht man.« – »Nicht wahr?« – »Seid ihr nicht zu alt dafür?« – »Wofür?« – »Nichts schlafen und herumstolpern.« – »Dafür ist man nie zu alt.« – »Hab ich auch so gehört.« – »Na dann ist ja alles gut.« – »Sag ich ja.« – »Eben.« – »Ich will jetzt nicht mehr reden«, sagt Bella, drückt auf der Kaffeemaschine einen Knopf und es wird augenblicklich laut. Georg lässt ein Lachen los, wie ein schlechter Schauspieler; während er lacht, holt er Luft, immer wieder. Grant beißt inzwischen von seinem Glas ab und kaut die Scherben. Dienstbeginn in der Kantine.
»Altes Arschloch«, sagt Grant eine Stunde später. Er hält zwar eines seiner Augen mittlerweile geschlossen; um den alten Nazi zu erkennen, wie der glaubt, unbemerkt auf der anderen Seite der Scheibe vorbeizukommen, in seinem lächerlichen Badeanzug, sein verdächtig gemustertes Handtuch über der Schulter – um den alten Nazi zu erkennen, reicht ihm auch ein Auge aus. »Riesenarsch«, murmelt Georg und schnauft.
»Willi, ich glaube, du gewinnst!«, ruft Bella, und Willi taucht grinsend hinter dem Küchenvorhang auf: »Echt?!« – »Sieht ganz so aus«, deutet Bella mit dem Kopf in Richtung des einäugigen Grant und des nuschelnden Georg, der es selbst noch nicht weiß, aber er macht genau das: Unbewusst bringt er seine Arme bereits auf der Schank in Position, legt sie so hin, wie er dann darauf einschlafen wird. Und Bella wird ihm eins mit dem Geschirrtuch überziehen. »He«, wird sie schimpfen, »geschlafen wird dort drüben!« Sie wird ihm noch eins überziehen, auch ein wenig aus Zorn, denn Bella, Willi und Susi haben gewettet, wie lang Georg und Grant noch durchhalten werden.
Elf, hat Bella gesagt, Willi hat auf viertel vor elf getippt, und Susi, weil nichts Besseres mehr übrig war, auf halb zwölf. Jetzt ist es halb elf, und es sieht tatsächlich so aus, als wäre Willi drauf und dran, die Wette zu gewinnen. Gerade hat es nämlich auch Grant erwischt: Mit nur einem geöffneten Auge, den Ellbogen auf die Schank gestützt, ist ihm die Hand weggerutscht und sein Kopf hängt schief vom Hals. »Jahaaa!«, jubelt Willi. »Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragt Bella. Dann fragt sie Susi: »Haben wir nichts Besseres zu tun?« – »Ich glaube nicht.