Название | Fern von hier |
---|---|
Автор произведения | Adelheid Duvanel |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783038552208 |
An einem Samstag im Frühling trugen fremde Menschen den kleinen Leo ins Haus, weil er von einem der großen Lastwagen überfahren worden war; die Fenster standen offen und breiteten ihre Flügel weit aus, als wollten sie davonfliegen. Während Tante Elise dem Arzt telefonierte, kniete Onkel Paul am Bett des Knaben, der mit einem scharfen Wenden seines Kopfes hierhin und dorthin blickte und mit einer eigentümlich kalten, heiseren Stimme unverständliche Worte sprach. Blut floss schräg über sein Gesicht, das der Onkel mit einem Taschentuch immer wieder zitternd abwischte.
Ein Traum, der so groß war, dass er das ganze Zimmer ausfüllte, die Wände sprengte und überallhin floss wie ein farbiger Brei, der wunderliche Formen annimmt, zeigte dem Knaben die Daumen seines Onkels, die aus den Händen krochen, sich vermehrten, wie Zeppeline durchs Zimmer flogen, gegeneinanderstießen, schreiend, mit offenen Mündern um die Lampe wirbelten. Die Menschen und Gegenstände erstarrten, die Nacht wuchs aus den Dächern und warf ihren Schatten ins Zimmer. Mahlzeiten, die Leo geliebt hatte, erstanden vor seinen Augen, doch waren sie sonderbar verzerrt, als ob man sagen würde: «Ich bud» statt «ich badete»; nicht aus Unwissenheit, sondern aus einem unerklärlichen Übermut oder Überschwang, der der Sache gar nicht angemessen war. Eine Bratwurst mit Zwiebeln roch nach Vanille, einer Torte entstieg Knoblauchgeruch, eine Forelle war zäh und klebrig wie Nougat.
Je länger Onkel Paul das Kind anblickte, desto fremder kam es ihm vor; manchmal wurde es plastisch, wie es vorher nie gewesen war (es hatte eigentlich immer unräumlich, verwischt wie auf einer schlechten Fotografie gewirkt), sein längliches Gesicht war wie von einem Heiligenschein umgeben, die Augen wurden überdeutlich, ragten wie Stecknadeln hervor und begannen zu leuchten, hinter seinem Gesichtchen schien sich Unbekanntes zu verbergen, und seinen blutenden, gekrümmten Körper schien es zu ignorieren; es lebte hinter ihm wie der Wahnsinnige hinter den Mauern seiner Zelle, die er nicht wahrnimmt, und wenn er mit dem Kopf an sie stößt, kann man sein wütendes, schmerzliches Aufbrüllen hören. (Wenn seine Vernunft hie und da den Ansturm der Traumbilder zurückdrängte und sich umsähe, würden sich auf seinem Gesicht Erschrecken, Staunen, Widerwillen zeigen, hätten die Hiebe der Dämonen es nicht zerstört.) Der Knabe glich einem Engel, der sich in ein Tier verwandelt, in eine Ratte beispielsweise, sich aber immerzu schämt und die Füße beschnuppert, um festzustellen, ob sie nicht übel riechen, und den Schwanz einzieht wie ein geschlagener Hund, und wenn er irgendwo Seife frisst oder an einer Türe nagt, träumt er von weißen, zarten Flügelchen, vermeidet es, zu rülpsen, und die sehnsüchtigen Worte: «Wenigstens ein Schmetterling …» drängen sich auf seine Rattenlippen.
Als der Arzt endlich kam, unsanft Tante Elise und den verstörten Lastwagenchauffeur zurückstieß, die ihn mit Fragen und Erklärungen bedrängten, runzelte Leo die Stirn, atmete einige Male kurz und heftig, schloss die Augen und öffnete die weißen trockenen Lippen. Onkel Paul erhob sich, blickte sich erschreckt im Zimmer um, und während er sich gleichzeitig mit dem Arzt über Leo beugte, wusste er, dass das Kind tot war, und es schien ihm, er habe es geliebt, wie man eine Frau liebt, mehr noch als Elise, deren Weinen er wie aus weiter Ferne hörte, mehr als seine Bücher, mehr als sich selbst.
Er öffnete seine Hände, und als der Arzt ihm eine Frage stellte, schwieg er, denn seine Stimme, seine Zunge und seine Lippen blieben bewegungslos wie seine Hände, sie wurden zu etwas Fremdem, zu Gegenständen, die er nicht mehr gebrauchen konnte und wollte, da der Knabe nicht mehr da war, zu dem er hätte reden, den er hätte streicheln und küssen können und der schön war.
Die Nachbarin
Ich weiß alles über meine Nachbarin. Sie bohrt manchmal mit dem Zeigefinger, mit dessen Hilfe sie tagsüber Kohlepapier zwischen gelbes und rosarotes Durchschlagpapier schiebt, in den Nasenlöchern, die dann schwarz bleiben. Sie arbeitet acht Stunden am Tag zwischen vier Betonwänden; oft löst sich der Nagel, an dem der Kalender mit den bunten Landschaftsansichten hängt; der Kalender fällt zu Boden und meine Nachbarin schlägt den Nagel wieder ein und hängt den Kalender vorsichtig auf. Manchmal schließt sie sich in der Toilette ein, um in ihr Gesicht zu spähen; dann drehen sich die Augen, die wie Fische hinter den dicken Brillengläsern schwimmen, auf den Rücken.
Ich beobachte meine Nachbarin nun schon seit 313 Tagen, überwache ihre Gedanken und verfolge ihre Schritte, da ich über sie ein Hörspiel schreiben will. Ich mache mir Notizen. Sie lebt mit ihrer Schildkröte allein, die ich aber nicht ins Spiel einbeziehen möchte; ich könnte allerdings jemandem eine Bemerkung über das grämliche Tier in den Mund legen, ihn zum Beispiel feststellen lassen, der Hals der Nachbarin gleiche dem Hals der Schildkröte. Obwohl meine Nachbarin ihr Haar geranienrot färbt, weiß ich, dass sie bald zu den Alten gehören wird; dann wird sie in eines der schwankenden Boote am Fluss kriechen und sich wegspülen lassen, und mich, da ich bald nicht mehr weiß, ob ich sie bin oder ob sie ich ist, soll man dann nicht suchen.
Ein Traum
Während Reto, Student der Rechtswissenschaft, einschläft, träumt er, er beuge sich hinaus, um den rechten Flügel des Vorfensters mit der Spitze des mittleren Fingers so weit als möglich zurückzustoßen, doch drückt der Wind die Scheibe immer wieder von der Hauswand weg, an welcher sich kein Haken zum Befestigen des Fensters befindet. Im Nu ist Retos schweißnasses Gesicht trocken; er atmet einige Male tief und flucht leise, da es ihm noch immer nicht gelungen ist, das Fenster offen zu lassen, damit der Wind die Wärme aus dem stickigen Zimmer blase – kaum tritt er zurück, klappt der gläserne Flügel schmetternd zu, als wolle er den Raum wie einen kranken, alten Leib schützen.
An der hinteren Wand des dunklen Hotelzimmers steht das Bett, auf dem gestern das Känguru Hedwig saß.
Reto hat das Känguru vor zwei Tagen unter rührenden Umständen kennengelernt – an Hedwigs Hochzeit, in einer jener Kirchen, deren Erbauer Gott für eine Art Käfer halten, den man in eine mit Luftlöchern versehene Schachtel sperren muss. Auch der Heiland in jenem grauen Kerker glich einem Insekt, und wohl aus diesem Grund brach die Braut in ein Weinen aus, das kein Ende nehmen wollte. Reto, der zwischen zwei Vorlesungen die neue Kirche besichtigen wollte und nun auf diese ungewöhnliche Art gestört wurde, fühlte sich verpflichtet, die Tür zu öffnen, um so der Hochzeitsgesellschaft – die, was er passend fand, zum Teil ebenfalls aus Kängurus bestand – einen Ausweg zu zeigen: Kommt, hier draußen ist der Himmel; ein Papiertaschentuch rollt unter eine grüne Bank, ein Handschuh steckt hinter einem Fensterladen – da wird sich die Braut wieder erholen und lächeln, wenn sie Tramwagen sieht, die aussehen, wie man sich Tramwagen vorstellt; Kinder unter einem Sonnenschirm in einem Garten, die aussehen wie Kinder; der Sonnenschirm gleicht einem Sonnenschirm, und der Garten ist nicht mit dem Meer oder mit einem Ballon zu verwechseln. Aber die Hochzeitsgäste verstanden ihn nicht, und das Känguru schluchzte in immer grauenvollerer Verzweiflung, bis Reto es kurzerhand entführte. Hedwig besaß tatsächlich nur, was ihr Kleid betraf, Ähnlichkeit mit einer Braut im landesüblichen Sinn, sonst war sie Känguru mit allem, was zu diesem Tier gehört: Sie hatte starke Hinter- und kurze Vorderbeine, einen langen Stützschwanz und einen kleinen Kopf. Ihre Pupillen schoben sich von Zeit zu Zeit fast ganz unter die oberen Augenlider, so dass ihr Blick einer weißen Wolke glich. Reto fand ihre Angst verständlich, unterhaltsam und faszinierend und ahnte bald, dass es nichts gab, wovor sie sich nicht fürchtete: Der Mond erfüllte sie mit Schrecken, wenn er wie von roten Lippen umklammert war, und sie erschauerte beim Anblick eines Holzhäuschens, das aussah,