Karmische Rose. Ulrike Vinmann

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Название Karmische Rose
Автор произведения Ulrike Vinmann
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783937883588



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Supervisorin fragte: »Willst du das Kind dort lassen oder möchtest du es aus dieser Situation herausholen?«

      »Ich möchte es mitnehmen.«

      Nachdem Sarah dem Kind vermittelt hatte, dass sie gekommen war, um es aus der unerträglichen Situation herauszuholen, nahm sie wahr, wie in dem Mädchen wieder ein Funke Hoffnung aufkeimte, dass es doch noch ein anderes Leben geben könnte als das, was es im Hause seiner Adoptiveltern erlebte.

      In der Nachbesprechung fragte Genevève: »Wie geht es dir jetzt, Sarah?«

      »Ich fühle mich sehr müde und gleichzeitig auf eine gute Art und Weise getröstet, so als wäre dieses Kind jetzt wieder bei mir.«

      Die Supervisorin nickte. »Ja, das ist auch so. Dieses Mädchen ist jetzt wieder in deinem Energiefeld. Wenn du dich gut um es kümmerst, dann kann diese tiefe Wunde heilen und du ›brauchst‹ dann nicht immer wieder Personen wie deine Anwältin, um dich an die Verletzung zu erinnern. Es kann dann endlich mal unterstützende Menschen – auch Frauen – um dich herum geben, die sich so verhalten, wie sie sich verhalten sollten.«

      Sarah nickte. Sie fühlte eine tiefe Zuneigung zu dem zehnjährigen Mädchen und den großen Wunsch, für es da zu sein. Gleichzeitig war sie traurig, aber die Erleichterung und die Liebe waren stärker.

      Loredana – April 1990

      Es war ein herrlicher Frühlingstag und das Wochenende stand bevor. Loredana liebte diese Tage in Madrid, in denen die Straßencafés von Einheimischen und Touristen bevölkert waren. Sie war zum Mittagessen mit ihrer Freundin Marisa im Restaurant Zalacaín verabredet und freute sich darauf. Während sie langsam die Gran Vía in Richtung Plaza España hinaufging, um von dort aus ein Taxi zu nehmen, atmete sie die Frühlingsluft ein und merkte, wie die Anspannung der harten Arbeitswoche von ihr abfiel.

      Als sie im Restaurant angekommen war, ließ sie sich von dem Kellner an einen freien Tisch führen, bestellte einen Martini und hing ihren Gedanken nach. Marisa war noch nicht da.

      Loredana arbeitete in einer Anwaltskanzlei im Herzen der spanischen Hauptstadt. Sie hatte oft einen zwölfstündigen Arbeitstag und konnte sich nicht so um ihren Sohn Alejandro kümmern, wie sie es gerne gewollt hätte. Das Leben in der Metropole war teuer und ihr Ehemann gab gerne Geld aus. Sie verdiente zwar recht gut, aber immer wenn sie Sergio gegenüber erwähnte, dass sie lieber zu Hause bleiben und sich um ihr Kind kümmern würde, kam von seiner Seite aus nur ein barsches Nein und er erwiderte: »Wir brauchen das Geld.«

      Loredana war nicht in der Lage, sich gegen ihren dominanten Mann durchzusetzen und ihre eigenen Interessen zu behaupten. Wie sollte sie auch? Sie war jung, hatte keine eigene Familie in Madrid und fühlte sich in der riesigen Stadt völlig auf sich gestellt. Sich als junge Anwältin in der Kanzlei gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten, war Herausforderung genug, zumal sie als Katalanin in der spanischen Hauptstadt nicht gerade einen leichten Stand hatte.

      Der Chef der Kanzlei, Enrique Martín, war ein smarter Madrilene, der schon vom ersten Tag an einen Blick auf die hübsche, blonde Loredana geworfen hatte. Es war anstrengend, ihn in seinen Grenzen zu halten. Wenn seine Mitarbeiter Katalanenwitze erzählten oder frauenfeindliche Kommentare abgaben, wies er sie nicht etwa zurecht, sondern beschränkte sich darauf, Loredana genüsslich und mit süffisantem Lächeln zu betrachten. Sie wusste genau, was er in solchen Momenten dachte. »Wenn du mir gefällig wärst, meine Liebe, dann würde ich dafür sorgen, dass die Kommentare ein Ende haben. So aber musst du dich schon selbst verteidigen.«

      Auch Sergio, obgleich Katalane, gab ihr keine wirkliche Unterstützung. Wie auch – er war ja selten genug zu Hause. Er behauptete zwar, sie und Alejandro zu lieben, aber seine Worte standen in krassem Gegensatz zu seinem Handeln. Was sie immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich fand, war, wie einfach es für einen Mann zu sein schien, als ›guter Vater‹ betrachtet zu werden, während es für eine Frau ungleich schwieriger war, als ›gute Mutter‹ angesehen zu werden.

      Wenn die Nachbarn Sergio am Sonntag mit Alejandro im Park spazieren gehen und die Enten füttern sahen, bogen sie sich schon vor Begeisterung, wenn sie allerdings Loredana einmal mit etwas lauterer Stimme mit Alejandro reden oder ihn zurechtweisen hörten, tuschelten sie bereits. Dabei ließen sie völlig außer Acht, dass die gesamte Erziehungsverantwortung bei ihr lag.

      Sie hatte den Kindergarten für Alejandro ausgesucht, sie hatte das Au-pair-Mädchen organisiert, das sich den ganzen Tag um Alejandro kümmerte, sie bezahlte die Rechnungen für beides, sie kaufte seine Kleidung, sie ging mit ihm zum Arzt, wenn er krank war, sie wurde auf der Arbeit angerufen, wenn im Kindergarten etwas vorgefallen war. Aber das war alles selbstverständlich und nebenbei sollte sie auch noch ihre Kompetenz in der Kanzlei Enrique Martín unter Beweis stellen und das Vorurteil widerlegen, dass blonde, hübsche Frauen nun mal dumm seien.

      Manchmal kam sie abends total erschöpft nach Hause. Kaum hatte sie die Türe aufgeschlossen, sprang ihr Alejandro entgegen, der sich riesig freute, dass seine Mutter endlich wieder zu Hause war. Er wollte mit ihr spielen, aber Loredana war oft einfach zu müde dazu. Sie dachte dann nur daran, ihr elegantes, aber unbequemes Kostüm auszuziehen, ein heißes Bad zu nehmen und in einen Hausanzug zu schlüpfen. Allerdings musste in ein bis zwei Stunden das Abendessen auf dem Tisch stehen und keiner wusste genau, ob und wann Sergio nach Hause kommen würde. Sie schwankte dann zwischen der Wut auf ihren Mann, Erschöpfung und Schuldgefühlen Alejandro gegenüber, weil sie ihm nicht so gerecht werden konnte, wie sie es gerne wollte. Oft spielte sie trotzdem mit ihm und nach einer Weile fühlte sie sich besser.

      An guten Tagen trudelte Sergio irgendwann am frühen Abend zu Hause mit einem niedrigen Alkoholpegel ein und an ganz guten Tagen war es dann sogar noch früh genug, um einkaufen zu gehen. Wenn er dazu in der Stimmung war, nahm er Alejandro mit, was für Loredana bedeutete, dass sie sich eine Weile ausruhen konnte. An schlechten Tagen kam Sergio gar nicht und Loredana wurde immer ungeduldiger, da sie nicht wusste, ob sie mit dem Essen warten sollte oder nicht. Irgendwann kochte sie dann, sie aßen mit dem Au-pair-Mädchen zu Abend und Alejandro versuchte, durch sein liebenswertes Geplapper die angespannte Stimmung zu überdecken.

      Manchmal weinte sie an solchen Abenden. Wenn ihr Sohn sie fragte, warum sie weine, versuchte sie Ausflüchte zu finden. Eines Abends, als er sie wieder fragte, wollte sie ihn nicht länger belügen und sagte: »Ich weine, weil ich traurig bin, dass Papa wieder nicht bei uns ist.« Alejandro schaute sie mit seinen treuen, großen Augen an und sagte nichts. Danach fühlte sich Loredana wieder schuldig. War es richtig gewesen, ihrem Sohn den Grund ihrer Trauer mitzuteilen? Hätte sie es besser verschwiegen? Wie sie es auch drehte, es schien immer falsch zu sein, was sie tat.

      Die Ankunft ihrer Freundin riss sie aus ihren Gedanken. Sie umarmten sich herzlich. Als sie sich gegenübersaßen, fragte Marisa: »Was ist denn mit dir los, meine Liebe? Du wirkst ja ganz in Gedanken versunken? Draußen ist so ein schöner Tag! Der Frühling beginnt.«

      Loredana seufzte tief. Dann antwortete sie: »Ja, es ist total schön draußen. Aber ich fühl mich nicht so gut. Gestern ist es wieder mal zwischen Sergio und mir eskaliert.«

      Marisa fragte erschrocken: »Was ist passiert?«

      »Er kam gestern wieder spät und alkoholisiert nach Hause. Er war bester Stimmung – sofern man bei seinem Alkoholpegel davon sprechen konnte.« Sie nahm einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Auf meine kühle Begrüßung reagierte er mit einem saloppen ›Ach komm, Süße, hab dich doch nicht so, no pasa nada‹.«

      Das war sein Standardspruch in diesen Jahren: ›No pasa nada – alles halb so schlimm.‹ Er benutzte ihn bei jeder Gelegenheit und wie eine Beschwörung.

      Sie fuhr fort: »Ich weiß nicht genau, was er eigentlich damit sagen will, aber ich kann es nicht mehr hören. Es kommt mir vor wie eine Beruhigungspille, die ich nicht mehr schlucken will. Gestern habe ich ihn zur Rede gestellt und ihm gesagt, dass ich dieses Leben nicht mehr lange mitmachen würde. Ich habe gedroht, ihn mit Alejandro zu verlassen. Er wurde wütend und kam mit funkelnden Augen auf mich zu. Ich konnte seine Alkoholfahne riechen und habe mich vor ihm geekelt.«

      Loredana