Gestalt im Schatten. Luiz Antonio de Assis Brasil

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Название Gestalt im Schatten
Автор произведения Luiz Antonio de Assis Brasil
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783962026172



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Herbarien, die Reisende aus allen Teilen der Welt dorthin geschickt hatten.

      In den nächsten Tagen erhielt er die Erlaubnis, die Herbarien von Lamarck durchzublättern. Sie verströmten einen Geruch von Ernsthaftigkeit. Aimé Bonpland notierte sich, wie Lamarck die Musterpflanzen auf den Pappbögen befestigt hatte, und seine Art der Katalogisierung. Er bemerkte seine gerundete, fast kindliche Schrift. Durch Lamarcks wissenschaftliche Betätigung waren diese Pflanzen verewigt worden. Er lernte auch Lamarcks Sammlung von Insekten und Fossilien kennen. Er begann ihn als einen Ahnherrn der Naturwissenschaften zu bewundern. Durch die Erklärungen eines Kommilitonen erfuhr er von Lamarcks Vorstellung von der ständigen Vervollkommnung der Lebewesen in einer Entwicklung hin zu etwas Edlerem. Der Mensch stand an der Spitze dieser biologischen Pyramide. So war es. Darwin kam mit seiner treffenden, auf das Edle verzichtenden Theorie erst später.

      Auf dem Gelände des Jardin des Plantes lernte er die gläsernen Gewächshäuser kennen, die ganz Europa mit Bewunderung erfüllten. Dort, in jenen feucht-heißen Räumen wuchsen riesige nordafrikanische Palmen, Bromelien und Orchideen aus Brasilien, Magnolien aus der Algarve, Rhododendren und Azaleen. Er fühlte sich von denen mit den leuchtendsten Farben angezogen. Alle waren Spuren einer Kartographie der Pflanzen, die täglich an Umfang zunahm.

      Die Revolution degenerierte indessen.

      Aimé begriff nicht, wie man die Ideen der Philosophen mit soviel Hass umsetzen konnte. Dennoch glaubte er weiterhin, dass das Glück der Franzosen mit der absoluten Monarchie unter den Bourbonen unvereinbar sei.

      Anatomie studierte er im Hôtel-Dieu. Im Sommer nahmen die Leichen sofort eine violette Färbung an, und nach einer kurzen Leichenstarre verwesten sie, sodass sie nicht mehr zu Studienzwecken seziert werden konnten.

      Aimé schloss Freundschaft mit Xavier Bichat, der alle dreißig Tage jeweils mehr als hundert Autopsien vornahm.

      „Das Leben“, pflegte Xavier Bichat zu sagen, indem er auf eine Leiche zeigte, „ist nur die Gesamtheit der Funktionen, die dem Tode trotzen.“

      In der Charité schrieb sich Aimé Bonpland für die Vorlesungen des berühmten Corvisart ein, der sich dadurch auszeichnete, dass er die Brust seiner Patienten für die Diagnose abhörte. Das war neu, oder man hatte die Methode vergessen.

      Corvisart pflegte bei seinen Vorlesungen auf seine Ohren zu deuten und zu erläutern: „Der Ton kommt aus den Tiefen des Körpers und mit ihm ein Hinweis auf alle Krankheiten.“

      Man erzählte sich, dass er beim Anblick eines Menschen dessen Seele schaue. Aber das taten nur naive Leute.

      Während seiner Vorlesungen hörte man das Geschrei und das Getrampel der Revolution durch die Fenster. Einige Studenten verließen die Anatomie-Demonstrationen und schlossen sich einer besonders lautstarken Gruppe an. Die Lehrveranstaltungen dauerten nur so lange, wie zwischen den Demonstrationen auf der Straße Ruhe herrschte.

      Im Krankenhaus Salpêtrière lehrte Philippe Pinel die Studenten, wie man nervenkranke Patienten ohne Handschellen und Strafen behandelt. Es gab dort sogar ein Klavier. Aimé schlug zwei Akkorde an, es war verstimmt.

      Während der Ferien in Paris verbrachte er einen Teil des Tages damit, einen Weidenkorb auf dem Rücken, Pflanzen zu sammeln, um sie danach in seinem Hotelzimmer zu bestimmen. Die verbleibende Zeit verbrachte er mit einem auffallenden Filzhut auf dem Kopf im Museum. Diese in Herbarien eingeordneten Pflanzen gaben ihm seine Sicherheit wieder.

      Aber er war nur ein junger Mann mit einem Hut, den die Neuigkeiten aus dem Häuschen brachten.

      Einmal blieb er im Museum vor einem Glas stehen, das den in Formaldehyd eingelegten Fötus eines Lemuren enthielt. Er sah sein Spiegelbild auf der Oberfläche des Glases.

      Es war eine in die Länge gezogene, lächerliche menschliche Gestalt.

      5

      Um die Zeit herum las er den Werther in einer Übersetzung, und der Schluss führte bei ihm zu einer Mischung von Entsetzen und Ekstase.

      Man nannte ihm den Namen Goethe.

      Ein Kommilitone stürzte sich in die Seine, nachdem er sich mit einem Brief von der Welt verabschiedet hatte. Er erwähnte weder eine verbotene Liebe noch Spielschulden. Nur Überdruss. Er brach das Schreiben in der Mitte ab, mit einem überlangen Federstrich, der ganz oben auf der Seite begann und bis nach unten reichte.

      Die Selbstmörder vermachen uns, da sie keine Antworten finden, Fragen.

      Bis auf Chénier waren die Romantiker zwar gegen die Brutalitäten der Revolution, aber dennoch keine Monarchisten. Sie waren gar nichts, nur unfruchtbarer Wille und leere Schönheit. Die Suche nach Schönheit führte sie zu mittelalterlichen Tournieren, zu Seen, in denen sich der Mondschein zwischen Wolken spiegelte, zu Duellen im Morgengrauen, zum Zwitschern der Vögel, zu Ruinen im Sturm, zum Balsam der Auen, zu den seufzenden Zypressen der Friedhöfe, zu Hamlet sowie Tristan und Isolde.

      Aber die Begeisterung für die Natur und die hohen Stehkragen der Incroyables sollten die am längsten andauernden Modeerscheinungen werden.

      Wenn Aimé Bonpland mit seinem Weidenkorb allein durch die Pariser Vororte streifte, stellte er manchmal alles auf den Boden, setzte sich hin und genoss ausgiebig den Sonnenuntergang. Er nannte ihn den „Wagen Apollos“, wurde dann aber dieser altmodischen Ausdrucksweise überdrüssig. Die klassischen Dramen der Comédie Française verließ er oft vor dem Ende der Vorstellung und spazierte durch den Palais Royal, wo noch die erregte Stimme von Camille Desmoulins widerhallte, die das Volk mit den Worten „Aux armes! Aux armes!“ zu den Waffen rief.

      Die Musik, dies nichtphilosophische Ens, wie ihm die Radikalen zuflüsterten, könnte ein Trost für ihn sein. Er ging zu den Aufführungen des Concert Spirituel, die es zu dieser Zeit im Théatre des Italiens gab. Er setzte sich in die billigsten Logen. Er hörte Païsiello, doch das führte nur dazu, dass er diese bombastische, leere Musik verabscheute.

      Er besuchte häufig Privathäuser, in denen man zum Vergnügen Musik machte. Selbst auf dem Höhepunkt der Revolution ging das Leben weiter. Dort spielten Quartette oder Quintette. Weil viele ihn dazu drängten, setzte er sich eines Abends ans Klavier und spielte aus dem Gedächtnis ein Stück aus der Sonate, die er bei seiner Schwester gelernt hatte. Man applaudierte und servierte den Kaffee.

      Man lebte in einer für Musik, für Architektur, für Malerei ungünstigen Zeit. Die weit verbreitete Oberflächlichkeit der Künste wurde indessen durch die Blüte der Naturwissenschaften wettgemacht.

      Robespierre führte die Schreckensherrschaft ein, welche die Stadt in einen gefährlichen Ort verwandelte. Die Massenhinrichtungen tränkten die Erde des Place de la Révolution mit Blut und verpesteten die Luft mit einem Gestank von Fäulnis. Angeekelt, verlangten die Pariser, dass man die Guillotine von dort fortbringe.

      Die akademischen Instanzen stellten fest, dass man Aimé Bonpland das Diplom nicht geben könne, weil ihm das Praktikum fehle. Er bewarb sich um eine Stelle bei der Marine, und man schickte ihn auf die Fregatte Ajax, die im Kriegshafen von Toulon vor Anker lag.

      Dort erblickte er zum ersten Mal das Mittelmeer. Tausende von Lebewesen bevölkerten das Meer, man konnte sie im Wasser sehen. Dort an der See in der frischen Luft war die Revolution nur ein fernes Donnergrollen.

      Vom Aufbau auf dem Heck aus starrte er auf den Horizont, hinter dem man Nordafrika entdecken könnte. Wenn Aimé Bonpland „Afrika“ murmelte, dachte er an alle Gegenden der Erde voller Licht, Pflanzen und phantastischer Tiere.

      Bei dem Gedanken an eine Reise geriet er ins Träumen. Er wollte reisen. Reisen, koste es, was es wolle.

      Die Fregatte Ajax verließ den Hafen nie. Nach dem Abschluss seines Praktikums, in dem Aimé Bonpland es mit den anstößigen Krankheiten der Seeleute zu tun gehabt hatte, konnte er nach Paris zurückkehren, wo man ihm ein Arztdiplom verlieh.

      Aber nach seiner Rückkehr war er nicht mehr derselbe. In Toulon war aus der Liebe, einst ein Gebinde blumiger Wörter, ein ungestümer Drang des Fleisches geworden. Sie