Das Lachen der Yanomami. Nina Hutzfeldt

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Название Das Lachen der Yanomami
Автор произведения Nina Hutzfeldt
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783738031041



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ich begeistert.

      »Ich glaube...«, Christopher blätterte in seinen Unterlagen, »nächste Woche Montag.«

      »Das ist ja toll.« Mein Herz begann lauter zu pochen. Der Gedanke daran, dass ich meinen Vater sehen würde, machte mich fast ohnmächtig. Also würde ich doch noch etwas länger in England bleiben, denn eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nächste Woche wieder nach Hause zu fahren. »Ich werde herausfinden, wie der Bus fährt.«

      »Ich kann dir meinen Wagen leihen«, schlug Christopher vor.

      »Das ist sehr nett. Aber ich bin noch nie im Linksverkehr gefahren.«

      »Kein Problem, dann fahre ich dich hin. Schließlich hat deine Geschichte auch meine Neugier geweckt.«

      »Das musst du nicht. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen irgendwelche Umstände hast.«

      »Ach wo. Ich mach das gerne.« Er winkte ab.

      Gegen Abend verabschiedete ich mich von Christopher, um zurück zum Haus zu gehen. Doch meine innere Stimme erinnerte mich an das verborgene Haus hinter der Hecke. Sollte ich einfach mal nachschauen? Es würde mich sicher nicht umbringen und Christopher hatte mir nicht verboten, dort nachzusehen. Ein wenig eigenartig fand ich es trotzdem. Warum zeigte Christopher so viel Interesse, ja fast eine Euphorie, wenn es um meine Geschichte ging und ließ seine eigene links liegen? Ich an seiner Stelle hätte längst einen Abstecher zu der Hütte gemacht. Wer weiß, was man dort im Verborgenen fand?

      Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln.

      Ich folgte dem schmalen Pfad am Hotel vorbei und fand mich auf der Wiese mit dem Apfelbaum wieder. Entschlossen setzte ich meine Reise über das Grundstück fort. Zu beiden Seiten wurde ich von schönen Rosenbüschen begleitet, die sich bis zu der von Christopher erwähnten Hecke erstreckten. Von hier aus konnte ich nur noch das oberste Stockwerk des Hotels sehen, denn das Grundstück fiel hier ab.

      Ein Dorn bohrte sich in meinen Finger. »Aua«, rief ich und legte meinen gestochenen Finger zwischen die Lippen. »So ein Mist.«

      Wie sich später herausstellte, gehörte die Pflanze zur Familie der Rosengewächse. Ein Weißdorn oder auch Hagedorn. Ich war zu dicht an der Hecke gegangen und hatte sie unabsichtlich berührt. Immer noch mit meinen Finger beschäftigt, wanderte mein Blick die Hecke entlang.

      Hinter dornigem Gestrüpp verborgen, so gut versteckt, dass es fast nicht zu sehen war, stand ein schmiedeeisernes Tor.

      7

      Amazonien, 1993

      Jemand schrie so laut, dass sich die Vögel aus den Bäumen in den Himmel verabschiedeten. Tomas und Jayden schlugen die Äste wie nervtötende Fliegen zur Seite. Sie sahen mehrere Männer, wahrscheinlich ebenfalls Goldsucher, sich zwei Ureinwohnerinnen gegriffen hatten und versuchten, sie mit Gewalt in den Wald zu schleifen. Am liebsten wäre Jayden in den Fluss gesprungen und ans andere Ufer geschwommen. Doch Tomas hüstelte plötzlich und verschwand hinter ihm im Dickicht.

      »Hey, Tomas. Was machst du? Wo willst du hin?«, fragte Jayden und folgte Tomas. Mit schnellen Schritten holte er ihn ein und stellte Tomas zur Rede.

      »Was ist denn?«

      Jayden verspürte Zorn, der wie die Lava in einem Vulkan brodelte. »Tief durchatmen«, dachte er. »Wieso gehst du? Wie müssen doch etwas tun.«

      »Was denn? Wie können wir etwas tun, wenn wir wissen, dass sich alle gegen uns stellen würden?«

      »Woher willst du das wissen? Wir sollten mit Diego sprechen, wenn er das nächste Mal zu uns kommt. Oder ich spreche mit Luìz, wenn wir zurück im Dorf sind.« Jayden stemmte die Hände in die Hüften.

      »Und was willst du ihm erzählen, warum du die Grube verlassen hast?«, fragte Tomas.

      »Na ja, um Ausschau zu halten.« Er zuckte mit den Achseln. Jayden wusste selbst, dass er sich nicht glaubwürdig anhörte, doch was blieb ihm anderes übrig.

      Am Abend, als Luìz auf einem der Baumstämme saß und zu Abend aß, machte Jayden sich auf den Weg zu ihm. »Hallo, was für ein anstrengender Tag«, sagte er und setzte sich neben Luìz.

      »Mm«, knurrte dieser schmatzend.

      »Weißt du, ich muss mal mit dir reden.«

      »Willst du nach dieser Grube das Camp verlassen?«, fragte Luìz. Er warf den Knochen, an dem er genagt hatte, zu Boden und leckte einen Finger nach dem anderen ab. Jayden fand das recht unhygienisch, denn seine Finger waren nicht besonders sauber, aber das interessierte hier niemanden.

      »Nein, darum geht es nicht.« Jayden zögerte, bevor er weitersprach. »Ich bin in den kurzen Pausen in den Wald gegangen und habe dort andere Menschen am Fluss entdeckt.«

      »Du hast was?«, rief Luìz bestürzt aus.

      »Ich war im Wald und habe dort Frauen beim Fischen und Waschen entdeckt. Es müssen die Ureinwohner von Amazonien sein.«

      »Da bist du dir ganz sicher?«, fragte Luìz. Er hatte sich bereits gerade aufgesetzt.

      »Mm, ich glaube schon. Aber ich erzähle es dir, weil fremde Goldsucher dort waren und sich zwei Frauen gegriffen haben.«

      »Das ist ja unerhört«, murmelte Luìz.

      Doch Jayden konnte ihm aus dem Gesicht lesen, dass es ihn nicht wirklich tief berührte.

      »Am besten zeigst du uns die Stelle und wir werden mit ihnen reden. Wir werden ihnen sagen, dass sie sich in Acht nehmen und sich lieber bei ihren Hütten aufhalten sollten.«

      »Okay, das ist gut. Wann brechen wir auf?«

      »Wann warst du das letzte Mal da? Sie werden sich sicher nicht den ganzen Tag dort aufhalten.«

      »Am späten Vormittag.« Vielleicht werden wir sie aber auch nicht antreffen, denn durch die Entführung könnten sie schon vorsichtiger geworden sein, sagte sich Jayden stumm.

      »Okay, dann treffen wir uns auf dem Platz.« Luìz stand auf und wollte gehen. Dann drehte er sich noch einmal um. »Und dieses Mal pünktlich.«

      Am darauffolgenden Vormittag wartete Jayden auf Luìz. Er war aufgeregt und wippte mit seiner Fußspitze zum Takt der lauten Motoren. José, Franck und Tomas schlossen sich Jayden und Luìz an.

      Sie folgten Jayden ohne große Worte. Sie achteten nicht auf die Wurzeln, die sich aus dem Boden reckten oder die Pflanzen, die ihre Fühler auf die Pfade streckten. Es war eigentlich traurig, wie sehr die Gruppe die Natur verabscheute. Hauptsache, Gewinn machen, dachte Jayden und blieb kurz vor dem Flussufer stehen. Er lauschte und konnte die Strömung hören. Wie wild und treibend sie das Wasser aufforderte. Dann nahm er die letzten Zweige weg und stellte sich an die Seite, damit die übrigen Goldsucher etwas sehen konnten.

      Wieder plantschten einige Kinder im Wasser, während andere dabei waren, Körbe in den Fluss zu lassen.

      »Sind da auch Krieger bei?«, fragte José in seinem schlechten Englisch.

      »Ich glaube nicht«, sagte Franck und trat direkt ans Ufer.

      »Pass auf, die Strömung ist heute besonders stark.«

      »Was macht ihr denn?«, fragte Jayden aufgebracht. Er wollte Franck am Hemd festhalten, doch dieser riss sich los.

      »Was die anderen machen, können wir schon lange.« Luìz schubste Jayden ins Gebüsch, so dass dieser wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag.

      Wie betäubt blieb er liegen. Was sollte das? Er hatte nur einen Moment nicht aufgepasst oder nicht damit gerechnet, dass die Kameraden zu so etwas fähig wären. Er wollte doch nur, dass sie sich mit den Frauen unterhielten, damit sie vorsichtiger wären. »Hallo! Hallo!«, schrie Jayden und winkte mit den Armen, nachdem er sich aufgesetzt hatte. Die Frauen hatten die Männer bereits gesehen und waren dabei, sich zurückzuziehen.