Название | Das Lachen der Yanomami |
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Автор произведения | Nina Hutzfeldt |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738031041 |
»Jayden«, sagte er erneut.
»Ja..y...d...en«, brachte das Mädchen hervor.
»Ja, ganz richtig. Ich heiße Jayden und wie heißt du?« Jayden zeigte mit dem Finger auf das Mädchen.
Aber sie verhielt sich nicht so, wie Jayden es erwartet hatte. Sie senkte den Kopf und wandte sich von ihm ab. Verstanden hatte sie ihn sicher nicht, denn niemand hier sprach seine Sprache.
Erst später sollte Jayden erfahren, warum sie so abweisend zu ihm gewesen war.
9
Northumberland, 2014
Die Nächte waren am schlimmsten.
Immer ließen Träume mich am Leben meiner Mutter teilhaben. Ich beobachtete sie, während sie ruhig in ihrem Bett schlief, wachte über sie, wenn sie krank war und tröstete sie, wenn sie Kummer hatte. Und nun, wo ich vor Trauer sterben wollte, kam sie nicht zurück. Und in der Nacht kamen die Dämonen der Vergangenheit und schlichen sich im Kreis um mein Bett herum an mich an. Ich spürte deutlich die Angst in meinen Gliedern und wünschte mich in die Arme meiner Mutter. Ich suchte sie und rief nach ihr, doch sie kam nie. Wenn ich dann aufwachte, musste ich traurig feststellen, dass sich nichts geändert hatte. Meine Mutter war immer noch verstorben und ich war immer noch im nördlichen England, um mich zu erholen. Eine Träne verlor sich auf meiner Wange.
Die Tage zogen wie ein immer wiederkehrender Zug an mir vorbei. Die Trauer hätte meinen Tag bestimmt, wenn nicht Christopher die Lücke in meinem Leben ein wenig erhellt hätte. Trotzdem fühlte es sich an, als wäre ich allein auf dieser Welt. Aber dem war nicht so, denn auch meine Freundin Mareike war immer für mich da.
Plötzlich schreckte ich hoch. Mareike! Ich hatte sie völlig vergessen. Die letzten Tage mit Christopher hatten mich so in Beschlag genommen, dass alles andere um mich herum nicht mehr wichtig war.
Gleich nach dem Frühstück versuchte ich, Mareike anzurufen, aber niemand hob ab. Ich schrieb ihr eine WhatsApp, damit sie auf dem Laufenden blieb. Schließlich hatte ich mich noch gar nicht bei ihr gemeldet. Eigentlich benutzte ich WhatsApp nur für Kurznachrichten, aber heute schrieb ich einen ganzen Roman. Es sollte nachher nicht heißen, ich hätte mich nicht bei Mareike gemeldet. Ich ging in den Garten und setzte mich auf die schmiedeeiserne Bank unter dem Apfelbaum und blickte zu der zugewachsenen Eisenpforte. Seit ich wusste, dass dort die Pforte stand, war meine Neugier kaum noch zu bändigen. Ich konnte meine Augen einfach nicht abwenden und stellte mir die grauenvollsten Dinge dahinter vor. Meine Phantasie war sehr lebhaft und ich konnte gute Geschichten erfinden, wenn ich wollte. Aber dies hier war keine meiner erfundenen Geschichten, dies war die Wirklichkeit und ich war mittendrin.
»Guten Morgen, Mrs. Grewe«, sagte eine Frauenstimme, die mich erstarren ließ.
Als ich mich umdrehte, sah ich in die wasserblauen Augen von Sophia.
»Oh, guten Morgen«, erwiderte ich ihren Gruß.
Sie sah aus, als hätte sie nicht gut schlafen.
»Ein herrlicher Morgen«, unterbrach ich die aufkommende Stille.
Sie stand einfach nur da und blickte mich strafend an. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, warum sie zu mir gekommen war. Sicher nicht, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Innerlich zuckte ich mit den Achseln und fragte mich, was ich für sie tun könnte.
»Das stimmt.« Sophia blickte zum Himmel. Langsam schritt sie um die Bank herum.
»Wissen Sie, diese Bank hat schon vieles mitansehen müssen.« Dabei strich sie mit ihrer glatten Hand über die kunstvolle Lehne.
»Aha«, murmelte ich. Was sollte ich sonst sagen.
»Wenn Sie reden könnte, dann wäre sie die Kronzeugin in einem Fall.«
»Warum erzählen Sie mir das Mrs. Collins?« Mein Herzschlag wurde lauter.
»Ich habe Sie mit meinem Ehemann gesehen. Es hat mir nicht gefallen.«
»Aber Sie sind doch gar nicht mehr zusammen.« Ich rutschte in die andere Ecke.
»Hat er Ihnen das erzählt?« Sie ging weiter und lachte höhnisch.
Bitte, warum kam mir keiner zur Hilfe? Mir lief ein Schauer den Rücken hinab.
»Wir haben uns vor Jahren das Eheversprechen gegeben. Wir haben glückliche Zeiten und auch die schlechten Zeiten miteinander geteilt. Wir teilen tolle Neuigkeiten und schmutzige Geheimnisse. Ich freue mich über jeden Gast, aber ich hasse es, wenn jemand auf dem Grundstück herumschnüffelt und sich in anderer Leute Angelegenheiten einmischt.«
»Um Gottes Willen. Ich möchte mich nicht einmischen«, sagte ich schnell, denn ich konnte die feurigen Flammen in ihren Augen sehen, den Augen, die so freundlich gewirkt hatten.
»Gut, dann wäre ja alles geklärt.« Danach stolzierte sie wie ein schwebender Schwan über den Rasen zum Haus zurück. Ich war verwirrt. Warum hatte sie mir erzählt, dass sie und Christopher noch ein Paar wären? Natürlich waren sie verheiratet und somit in einer Weise verbunden, die nur verheiratete Paare nachvollziehen können. Aber Christopher hatte klar gesagt, dass es für die beiden keine Zukunft mehr gebe.
Ich beschloss, aufzustehen und es mir in meinem Zimmer gemütlich zu machen. Das Wetter war viel zu schön dafür, aber es schien mir vernünftig zu sein. So konnte ich Christopher ausweichen, ohne ihn zu verletzen.
Die Tage vergingen viel zu schnell und die Lesung meines Vaters stand unmittelbar vor der Tür.
An diesem Tag verschlief ich und das Aufstehen fiel mir besonders schwer.
Beim Frühstück bekam ich keinen Bissen runter, denn in meinem Magen rumorte es wie auf einer Baustelle. Als ich zum Haus schaute, konnte ich Sophia sehen. Es sah aus, als würde sie mich beobachten, aber vielleicht sah sie auch einfach nur aus dem Fenster.
Die letzten Tage hatte zumindest ich einfach nur aus dem Fenster gesehen. Von meinem Zimmerfenster aus hatte ich einen wunderschönen Blick. Ich beobachtete Christopher, wie er die Blumen versorgte und den Rasen mähte. Ich machte mir Gedanken über unsere Beziehung. Hoffentlich war er mir nicht böse, denn ich hatte ihm viel zu verdanken. Ich konnte mir nicht ausmalen, was er über mich dachte. Urplötzlich war ich aus seinem Leben verschwunden. Doch heute war ich auf ihn angewiesen und musste wie ein räudiger Köter an seiner Tür kratzen.
Ich klopfte erst einmal und dann ein zweites Mal.
»Ist wohl keiner da, hä?«, sagte eine Stimme hinter mir.
»Sieht wohl so aus«, sagte ich und wandte mich um. Ein Lächeln umspielte meine Lippen.
»Tja, ich hatte mich schon gefragt, was ich verbrochen habe.« Mit der rechten Hand hielt Christopher die Harke, während er die andere in seine Hüfte stemmte.
»Ja, es tut mir auch sehr leid.« Ich kratze mich am Kopf. Was sollte ich sagen?
Unbewusst fühlte ich, dass die Wahrheit das Beste wäre.
»Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von Sophia.«
Christopher runzelte fragend die Stirn. »Und?«
»Sie bat mich, nicht herumzuschnüffeln und mich von dir fernzuhalten.«
»Das gibt es doch nicht. Hast du denn irgendetwas getan, was sie skeptisch gemacht haben könnte?«
»Na ja, es könnte sein, dass sie mich beobachtet hat. An dem Tag, als du mir die Karte von dem Grundstück gezeigt hast und dieser geheimnisvollen Hütte.«
»Oh je. Warst du bei der Hütte?« Christopher lehnte die Harke gegen die Hauswand und rieb sich die Stirn.
»Leider kam ich nicht weit, weil eine Rosenhecke mir den Weg versperrt hat«, sagte ich in einem Ton, den nur eine Vorgesetzte anschlagen konnte – oder eine Lehrerin wie ich.