Das Herz des Zauberers. Betty Kay

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Название Das Herz des Zauberers
Автор произведения Betty Kay
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783960895077



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wenn die Gefahr besteht, dass dieser Raum überwacht wird, beschließe ich, einen Lichtzauber anzuwenden. Das Risiko, dadurch in Schwierigkeiten zu geraten, ist meiner Einschätzung nach gering. Man kann mich nicht sehen, selbst wenn ein Beobachter auf das Licht aufmerksam werden sollte. Ich habe jedoch bessere Chancen mit guter Beleuchtung, also kann ich nur gewinnen.

      Ich sage den Spruch lautlos. In der nächsten Sekunde flammt Helligkeit vor mir auf. Geblendet kneife ich die Augen zusammen und drehe den Kopf zur Seite. Ich nehme mir ein paar Sekunden, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Dann sehe ich mich um.

      Der Raum ist ungefähr fünfzehn Fuß lang und fünf Fuß breit. Ich befinde mich keine zwei Fuß von der Leiter entfernt. Weit habe ich es also nicht geschafft. Der Raum ist bis auf eine Säule in seiner Mitte leer. Die Wände sind glatt und in der seltsam braunen Holzoberfläche gestaltet, die ich von der Plattform oben kenne. Nur der Boden scheint aus Stein zu bestehen.

      Langsam bewege ich mich näher auf die Säule zu. Ich nehme an, darin befindet sich das Geheimnis, wie diese Maschine funktioniert. Je näher ich komme, umso aufgeregter werde ich. Hoffentlich gelingt es mir, das Rätsel rasch zu lösen. Ich muss diese Gefahr bannen, damit wir die anderen Truppen unserer Feinde ausschalten können.

      Die Säule wirkt massiv, aus derselben Holzplatte ohne Risse gefertigt, ohne Nägel, ohne Zusammenstöße. Ob sie lediglich dazu dient, das Gewicht der Maschinenteile über mir zu stützen?

      Es muss sich um eine optische Täuschung handeln, erzeugt durch einen Zauber wie die Oberfläche der Plattform an der Oberseite des Gerätes. Ich bleibe in der Entfernung von drei Schritten vor der Säule stehen. Mein Blick tastet die Wände noch einmal ab. Als ich oben den Abstieg geöffnet habe, wurde ich beinahe getötet. Hier unten könnte es den gleichen Schutzmechanismus geben. Selbst wenn ich ihn nicht sehe, könnte ich mich in Gefahr bringen.

      Auch beim näheren Hinsehen wirken die Wände rund um mich glatt und ohne Fallen. Dennoch vertraue ich nicht darauf, dass tatsächlich keine Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt worden sind. Ich gehe auf die Knie und sehe mich noch einmal um. Der geänderte Blickwinkel lässt mich auch nichts erkennen. Schließlich lege ich mich flach auf den Boden und sage den Zauberspruch auf. Die Säule wirkt unverändert.

      Als ich den Kopf hin und her bewege, kann ich erkennen, dass in eineinhalb Fuß Höhe über dem Boden ein Teil der Säule durchsichtig ist. Es scheint, als würde in der Holzkonstruktion ein quadratischer Schaukasten existieren. Ich überlege, ob ich das Risiko eingehen kann, das Innere näher zu begutachten. Langsam richte ich mich wieder auf, fühle mich, als würde ich auf Eiern stehen – eine falsche Bewegung und etwas geht zu Bruch. In meinem Fall handelt es sich dabei um mein Leben.

      Immer wieder halte ich inne und versuche, mein schnell klopfendes Herz zu beruhigen. Wenn das Blut in meinen Ohren rauscht, bin ich nicht in der Lage, eine Bedrohung rechtzeitig zu hören.

      Dann habe ich mich endlich in eine Position geschoben, von der aus ich durch das Glas blicken kann. Der Schaukasten beinhaltet einen weiteren Stein. Der sieht allerdings ganz anders aus als die Brocken, die an der Oberseite der Maschine befestigt gewesen waren. Das Ding hinter dem Glas ist ungefähr faustgroß und völlig schwarz. Silbrige Sprenkel brechen das Licht, mit dem ich mich hier drinnen orientiere. Sollte es sich bei diesem Stein um das Herz des Gerätes handeln? Zieht das hier die Magie an? Kann ich mit der Entfernung dieses Steins die Maschine funktionsunfähig machen?

      Ich werde es testen müssen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich muss riskieren, den Stein zu berühren, auch wenn ich mich bei dem Gedanken nicht wohlfühle. Irgendwie muss ich dieses Ding transportieren. Damit es keinen Schaden anrichten kann, brauche ich einen magiesicheren Zauberkasten. In den Büchern meines Großvaters bin ich auf etwas Ähnliches gestoßen. Da wird beschrieben, wie man einen bereits vorhandenen Behälter mit einem Zauber versieht, damit darin Gefahrengut sicher verschlossen werden kann. Durch den Spruch kann ein Außenstehender das Behältnis nicht mehr öffnen, selbst wenn er Energie einsetzen sollte. Der Gegenstand, der darin aufbewahrt wird, verliert seine Magie. Es ist das, was ich brauche.

      Allerdings habe ich kein Kästchen bei mir. Nicht einmal einen Rucksack. Alles, was sich in meinem Besitz befindet, trage ich an meinem Körper. Meine Kleidung kann ich nicht verwenden. Und sonst habe ich nichts … Mein Blick fällt auf den Wasserbeutel an meinem Gürtel. Der wird seine Aufgabe hoffentlich erfüllen.

      Ich sage den Spruch, um den Beutel mit der notwendigen Magie auszustatten. Dann richte ich mich ein wenig weiter auf. Der Schaukasten besitzt auf einer Seite einen kleinen Griff. Vorsichtig strecke ich meine Finger danach aus. Bevor ich ihn berühre, halte ich allerdings inne.

      Als ich an der Oberseite des Geräts am Eisenring gezogen habe, wurden die Pfeile auf mich abgeschossen. Wenn es auch hier eine Sicherheitsvorkehrung gibt, dann ist bestimmt der Moment, in dem ich den Schaukasten öffne, der gefährlichste. Meine Arme sind nicht lang genug, damit ich den Griff erreichen kann, wenn ich mich auf dem Boden befinde. Dennoch möchte ich kein Risiko eingehen. Ich lege mich flach hin und murmle einen Spruch, der den Schaukasten öffnen soll. Angespannt warte ich ab.

      Die Tür des Kastens bewegt sich nicht. Anscheinend hat mein Zauber nicht ausgereicht, um sie in Bewegung zu versetzen. Ich konzentriere mich und setze mehr Energie ein, um die Glastür zu öffnen. Das Glas vibriert. Schon befürchte ich, erneut gescheitert zu sein. Da gibt es nach und schwingt auf. Im gleichen Augenblick zischen zwei Pfeile über mich hinweg und bleiben im Holz der Säule stecken. Auch aus der anderen Richtung wurden zwei Pfeile abgefeuert, von denen ich annehme, sie sind auf dem gegenüberliegenden Teil der Säule eingeschlagen.

      Hoffentlich handelt es sich dabei um die einzigen Sicherheitsvorkehrungen. Vorsichtig richte ich mich auf, sehe mich nach allen Seiten um, ob von irgendwoher weitere Gefahr droht. Schließlich strecke ich die Hand aus, um sie durch den Spalt der geöffneten Tür zu schieben und nach dem Stein zu greifen, der sich im Inneren befindet. Mein Herz rast, als ich die kühle, raue Oberfläche an meinen Fingerspitzen fühle. Ich mache noch einen Schritt nach vorne und schließe meine Finger um den Stein.

      Bevor ich ihn anhebe, warte ich ab, ob irgendetwas geschieht. Ich lausche, ob mir ein Klicken verrät, einen Mechanismus in Gang gesetzt zu haben. Es bleibt still, weshalb ich die angehaltene Luft ausstoße. Langsam kippe ich den Stein. Noch berührt er an einer Stelle die Konstruktion, auf der er abgelegt worden ist. Daran will ich so lange wie möglich nichts ändern, um auf jede Art von Gefahr reagieren zu können, die durch das Entfernen des Steins entsteht.

      Ein Knacken ertönt über mir. Ich weiß nicht, woher genau es stammt. Noch ein seltsames Knirschen. Ob ich so lange gebraucht habe, dass der Soldat, der mir unbedingt helfen wollte, auf das Gerät geklettert ist? Verursacht er das Knarren, das in Abständen von zwei, drei Sekunden erklingt? Oder geht etwas anderes vor sich?

      Angestrengt lausche ich, halte die Luft an und sehe mich um. Wieder dieses Knacken. Als würde Holz nachgeben. Nein, dabei kann es sich nicht um das Echo von Schritten handeln. Ein Rumpeln erklingt in der Konstruktion über meinem Kopf. Ein Vibrieren läuft durch das Holz und breitet sich zu der Stelle aus, auf der ich stehe. Eine Erschütterung verursacht andere, gefährlich klingende Geräusche in der gesamten Maschine. Das gefällt mir gar nicht.

      Ich warte nicht ob, wie sich die Sache weiterentwickelt. Stattdessen schnappe ich mir den Stein, werfe ihn in den Beutel an meiner Seite und transportiere mich nach draußen. Die anderen sind inzwischen näher an das seltsame Gerät herangetreten, weshalb ich hinter ihnen zu stehen komme. Meine Zauber machen mich immer noch unsichtbar, sodass mich niemand bemerkt.

      Bevor ich der Magie befehlen kann, mein Gewicht, meine Temperatur und meine Sichtbarkeit wieder zu normalisieren, stürzt die Maschine unserer Gegner in sich zusammen. Staub wirbelt auf. Ich spreche hastig einen Zauber, der ungeschützte Energieausbreitung verhindern soll, und der die Staubentwicklung eindämmt.

      Die Männer schreien auf, ziehen sich hastig zurück. Ich kann besorgte Gesichter erkennen. Der Ausdruck in den Augen unseres Fürsten wirkt regelrecht schockiert. Trauert er, weil er denkt, ich würde mich noch immer in der Maschine befinden? Oder überlegt, was werden soll, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, unserer Sache zu dienen?

      »Es