Das Lachen der Yanomami. Nina Hutzfeldt

Читать онлайн.
Название Das Lachen der Yanomami
Автор произведения Nina Hutzfeldt
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783738031041



Скачать книгу

Kopf? Es sind deine Sachen und dadurch, dass deine Mutter gestorben ist, besteht eine geringe Chance, deinen Vater zu finden.«

      »Geh bitte.« Mit dem Zeigefinger wies ich zur Wohnungstür.

      »Was, was ist denn jetzt los mit dir?« Mareike legte das Buch zurück und stand auf.

      »Ich möchte, dass du gehst. Ich brauche Zeit für mich.« Mit der Hand wischte ich mir die feuchten Augen trocken.

      »Du hast doch einen Knall! Ich wollte dir nur helfen.« Mareike verließ die Wohnung. Ich setzte mich von innen gegen die Tür und fing an, bitterlich zu weinen.

      Nachdem alle Tränen vergossen waren und ich mich wieder gefangen hatte, robbte ich zum Karton zurück.

      Es war schwer, die Sachen meiner Mutter zu durchwühlen. Ich atmete noch einmal tief aus. Kein Wunder, dass ich mir die Wohnung bis zum Schluss aufgespart hatte. Die Erinnerungen, die sich mit diesen Räumen verbanden, waren einfach zu stark und zu schmerzhaft. Ich stellte den Karton an die Wand und machte mich wieder an die Arbeit.

      Als sich der Tag dem Ende neigte, die Sonne sich verabschiedete und der Wind allmählich zunahm, suchte ich meine Sachen zusammen und verließ die Wohnung. Morgen würde ich noch einmal mit dem Vermieter Rücksprache halten und einen Termin für die Wohnungsbesichtigung ausmachen. Außerdem hatte ich mir eine Firma aus dem Internet herausgesucht, die Möbel, Hausrat und Bekleidung abholte, um sie für wenig Geld an hilfsbedürftige Menschen zu verkaufen.

      Natürlich hatte ich mir einige Erbstücke herausgesucht und einen kleinen Umzugskarton damit vollgepackt. Diesen aus dem zweiten Stock nach unten zu schleppen war schon ein ganz schönes Stück Arbeit und dann hatte ich noch nicht einmal einen Parkplatz vor der Tür. Ich stellte deshalb den kleinen Karton vorübergehend vor der Wohnungstür ab.

      Als ich den Karton später holte, blieb ich vor Mareikes Wohnungstür stehen. Ich biss mir auf die Unterlippe. Sollte ich mich entschuldigen oder ihr lieber nachher eine WhatsApp schreiben? Kurzentschlossen klopfte ich zweimal und wartete nervös. Wie immer schrie Mareike von innen, dass sie kein D-Zug sei und schlurfte zur Tür. Als sie mich sah, sagte sie nichts, sondern blickte mich nur erwartungsvoll an.

      »Hey«, sagte ich mit schlechtem Gewissen. Ich biss mir wieder auf die Unterlippe. Eine meiner schlechten Angewohnheiten.

      Mareike legte den Kopf schief.

      »Das vorhin, ich wollte das nicht, aber das ist alles noch so frisch, und ich weiß nicht, was ich machen soll.« Ich versuchte, die Tränen herunterzuschlucken, doch sie kamen unaufhörlich.

      »Ach, Schätzchen. Komm.« Mareike breitete ihre Arme aus, und ich ließ mich hineinfallen.

      Eine halbe Stunde später saß ich bei Mareike auf der Couch. Meine Hände um einen Becher heißen Kakao geschlungen und den Karton neben mir.

      »Geht´s dir besser?« Mareike hatte es sich mir gegenüber auf einem Sessel bequem gemacht.

      »Ja, danke. Ich bin im Moment voll neben der Spur.«

      »Dann lass dich doch noch eine Woche krankschreiben. Du siehst auch nicht gut aus. Außerdem waren die Zeugniskonferenzen doch schon.« Mareike rückte ihre Brille auf der Nase zurecht.

      »Ich weiß nicht. Ich habe noch so viel vorzubereiten. Sicherlich wurde schon über mich geredet.«

      »Ich glaube, du hast Halluzinationen. Das stimmt nicht. Sie haben nach dir gefragt, aber das Lehrerkollegium hat Verständnis für deine Situation und wünscht dir alles Gute. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

      »Ja, aber ich denke, dass mich die Schule etwas ablenkt. Ich muss für die Abschlussfahrt im August noch Vorbereitungen treffen. Eltern anrufen, mit dem Hotel in Northumberland telefonieren.«

      »Ach ja, du fährst ja mit deiner Klasse nach England.« Mareike lächelte und streckte die Arme nach dem Karton aus. »Darf ich?«

      »Ja.«

      Ich beobachtete, wie Mareike den Brief für Clark Owen aus dem Karton nahm und mir die Vorderseite zeigte.

      »Ja? Was ist denn?« Ich zog unwissend die Augenbrauen hoch.

      »Na, lies mal die Adresse.« Sie wedelte mit dem Umschlag.

      »Halt doch still, so kann ich gar nichts lesen.« Ich griff nach dem Kuvert.

      »Clark Owen, 21 A Soho Square, London W1D 4NR, United Kingdom«, las ich. »Und?« Was wollte sie von mir?

      »Na ja, dein Vater wohnt in England.« Erneute wedelte sie mit dem Umschlag herum.

      »Ja, das habe ich verstanden.« Langsam kam ich mir ein bisschen kindisch vor. Natürlich wusste ich, was Mareike mir damit sagen wollte.

      »Du könntest ihn im August besuchen.«

      »Natürlich. Er freut sich sicher sehr, mich zu sehen, wenn ich zwanzig Kinder im Schlepptau habe.« Ich musste schmunzeln. Langsam entspannte ich mich ein wenig.

      »Mm, er soll dich doch so kennenlernen, wie du bist.« Mareike legte den Brief auf den Tisch, der zwischen Couch und Sessel stand und setzte sich bequem in den Schneidersitz.

      »Nein, ich denke er möchte gar nichts von mir wissen. Außerdem ist der Brief zurückgekommen. Sicher ist dieser Clark weggezogen.«

      »Stimmt. Aber was ist, wenn nicht. Vielleicht wollte er es einfach nur nicht wahrhaben.« Mareike malte sich wieder eine Geschichte aus. Eigentlich komisch, dass sie Mathematik und Sport unterrichtete. Diese Schulfächer fielen gar nicht in ihr Gebiet. Wahrscheinlich erfand sie deshalb so gerne spannende Geschichten.

      »Mm, ich weiß nicht. Ich frage mich, wie sie ihn kennengelernt hat. Meine Mutter war noch nie in England.«

      »Vielleicht weißt du nur noch nichts davon. Stille Wasser sind tief und deine Mutter war ein stilles Wasser.« Mareike presste die Lippen zusammen.

      Ich spürte einen kurzen Stich in meiner Brust, als sie das Wort »war« benutzte.

      »Ich weiß nicht. Das hätte meine Mutter mir sicher erzählt.«

      »Das sehe ich anders. Irgendwas ist da im Busch. Wir müssen nur herausfinden, was es ist.«

      Ein wenig neugierig hatte mich die Vergangenheit meiner Mutter schon gemacht. Sehr bald würden die Ferien beginnen und ich würde sechs Wochen Zeit haben. Warum sollte ich also nicht nach England fliegen? Ich könnte in dem Hotel wohnen, das ich mit meiner Klasse für den August gebucht hatte, und eine Spritztour nach London wäre auch noch drin.

      »Was denkst du gerade?«, fragte Mareike.

      »Ich überlege, ob ich nicht doch nach England fliege. Ich könnte in das Hotel einchecken, in dem ich mit meiner Klasse wohnen werde. So könnte ich es vorab testen.« Ich schmunzelte. »Und natürlich würde ich die Adresse aufsuchen.«

      »Wow, das hört sich gut an. Ich glaube, du brauchst die Zeit auch der Trauer wegen. Einfach raus aus dem öden Alltag. Das tut dir sicher gut.«

      2

      Irgendwo über dem Atlantik, 1993

      Der Wind peitschte gegen das Flugzeug.

      Als die Stewardess die Passagiere bat, sich anzuschnallen, krallte Samuel sich in seinen Sitz. Er war noch nie geflogen. Nur weil er sein Versprechen seinem Vater gegenüber nicht brechen wollte, war er in das Flugzeug eingestiegen.

      Neben dem unruhigen Samuel döste Jean Cassin friedlich im Sitz. Er war müde vom langen Flug und wollte fit sein, wenn die Maschine in Boa Vista landete.

      »Jean, Jean, bist du wach?«, fragte Samuel.

      »Mm«, brummte dieser.

      »Wie lange dauert es noch?«

      »Was denn?«, fragte