Freudenberg. Carl-Christian Elze

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Название Freudenberg
Автор произведения Carl-Christian Elze
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783942375580



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trocknende Meerfläche hinein, aber sobald eine neue Welle kam und sich die Wasserzunge ausrollte, um ihn zu berühren, lief er schnell vor ihr weg, knapp und kontrolliert, aber nur so lange, bis sie sich erneut zurückzog, dann rannte er ihr gleich wieder hinterher. Genau das richtige Tempo zu finden, der Wechsel von Flucht und Verfolgung, die exakte oszillierende Bewegung des eigenen Muskelapparates, all das machte ihn glücklich, fast so glücklich wie früher.

      Erst als Freudenberg außer Atem war, blieb er stehen und ließ sich fangen. Seine Schuhe und Strümpfe wurden nass, aber es war nicht schlimm, im Gegenteil, es fühlte sich an, als ob seine brennenden Füße endlich gelöscht würden. Dann tapste er aus der Brandung heraus, begann im Passgang zu laufen und verwandelte sich für eine Weile in einen schmächtigen Bären, noch immer scheu, doch zufrieden.

      Je weiter Freudenberg lief, desto stärker veränderte sich die Steilküste, desto wilder erschien sie ihm. Die Hänge sahen jetzt aus wie unregelmäßige Schnittflächen in einem gewaltigen Körper. Entrindete Stämme ragten heraus wie einzelne Rippen oder Zähne, dazwischen verkrüppelte Büsche, die bis zum Strand herunterreichten, und ganz oben auf der Kammlinie ein Grün wie Echsenhaut. Alles hier wirkte berauschend. Den Kopf im Nacken sah Freudenberg, dass sich auch der Himmel zu verändern begann: In einer weiten Wölbung rutschte ein gleichförmiges Blau aus Richtung Międzyzdroje unter eine grauweiße Milchglasscheibe, die sich aus entgegengesetzter Richtung näherte. Das Blau verschwand allmählich, wurde langsam verschluckt und die Sonne drückte nicht länger mitten ins Gehirn.

      Freudenberg lief weiter und durchquerte Strandabschnitte, die fast völlig von Geröllmassen bedeckt waren. Auf einmal sah er einen Körper, der isoliert, aber dennoch touristisch, auf einem Badehandtuch lag. Der nackte Körper war schlafend oder Schlaf vortäuschend zwischen rötlich geäderten Steinen ausgestreckt. Ein Kleiderberg lag daneben wie eine bunte, abgestreifte Haut. Freudenberg sah im Vorübergehen das Glied des Touristen, das halb aufgerichtet war, und beeilte sich vorbeizukommen.

      Die Küstenlinie machte eine leichte Biegung nach rechts und Freudenberg folgte ihr. Im Gehen blickte er zurück und sah, dass Seebrücke und Fischkutter verschwunden waren. Als ob sich ein Kiefer aus Sand und Stein vorgeschoben hätte, ein mächtiges Gebiss, das den Weg zurück zu den Menschen versperrte. Aber es war nicht schlimm, fühlte Freudenberg, es beunruhigte ihn nicht. Er lief weiter. Überall lagen Gesteinsbrocken herum: grau im Sand oder schwarz, scharfkantig im Wasser. Das Meer klatschte, trommelte und zischte. Der ganze Strand war ein Dschungel. Doch statt lebendiger Bäume bot dieser Dschungel nur Totholz, blank gescheuerte Stämme und Wurzelstümpfe mit bizarren, dann wieder deutlich menschlichen Formen: Schulterblätter und Darmbeinschaufeln, Kreuzbeine und Wirbelsäulen.

      Freudenberg blieb stehen, weil am Boden etwas glitzerte. Er kniete sich hin und betrachtete die fein geschwungenen, silbrigen Linien, die zu Tausenden ein Muster im Sand bildeten. Es wirkte nicht weniger komplex als ein nächtlicher Sternenhimmel. Freudenberg zog seinen rechten Zeigefinger vorsichtig an einer der Linien entlang und leckte ihn ab. Es schmeckte salzig. Aber anders als Speisesalz. Die feinen silbrigen Linien hatten noch einen Beigeschmack von Fäulnis.

      Erst als Freudenberg wieder aufblickte, nahm er einen halb versunkenen Betonwürfel wahr, eine Art Bunker, der in der Brandung stand, nur etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt. Wie hatte er ihn übersehen können, fragte er sich, es war ein gewaltiges Teil. Er setzte sich hin und starrte auf den Bunker. Die Sonne drückte von Neuem ins Gehirn, obwohl sie nicht mehr blendete. Plötzlich streifte ihn etwas, von innen oder von außen, das ließ sich nicht genau sagen. Freudenberg erschrak nicht darüber. Langsam zog er seine Sachen aus, auch seine Unterhose, und legte alles ordentlich zusammen. Dann lief er ins Wasser. Es kam ihm vor, als ob er gezogen würde.

      Die vorherige Grelle bewirkte, dass er nahezu blind wurde, als er den fensterlosen Würfel betrat. Das Wasser im Inneren ging ihm bis zur Hüfte. Es klatschte und schmatzte die ganze Zeit von außen in den Bunker hinein. Freudenberg stand reglos da und fühlte, dass sich die Wasserscheibe um seine Hüften bei jedem Klatschen an die Außenwand leicht mitbewegte. Erste Schemen tauchten auf: unregelmäßige Grautöne. Freudenberg streckte seinen rechten Arm aus und berührte die Wand mit der ganzen Handfläche. Es fühlte sich weich und warm an, als ob man etwas Lebendiges streichelte. Er griff tiefer in die Algenmasse hinein und erreichte mit den Fingerspitzen die Betonoberfläche. Noch immer war alles angenehm warm und feucht. Freudenberg fing an mit den Fingern zu kreisen und spürte, dass sich sein Glied dabei versteifte. Er kreiste schneller. Auf einmal stieß er auf etwas anderes, etwas Vorgewölbtes, Kaltes, und hielt mitten in der Bewegung inne. Er ging mit dem Gesicht näher an die Wand heran und begann zu tasten. Sehr vorsichtig und konzentriert, als suchte er im Fell eines Tieres nach Parasiten oder einem Geschwür. Er konnte der fremdartigen Struktur wie einem Band folgen, das Geschwür wurde länger. Freudenberg drückte die Algenmasse stärker zur Seite und sah etwas Metallisches aufblitzen. Sein Herz machte einen Sprung und seine Handbewegungen wurden hektischer. Er riss Algen von der Wand. Zwei weitere Bänder kamen zum Vorschein: In Hals-, Brust- und Hüfthöhe waren Stahlbänder in die Betonwand eingelassen. Freudenberg erstarrte. Das Klatschen des Wassers, ein Schlagen von außen an die Wand, dann in den Schädel hinein, wurde härter. Schließlich ein Blitz, der in seine Stirn einschlug.

      Als Freudenberg die Augen wieder öffnete, sah er die Wasserscheibe, die sich zitternd um seinen Hals bewegte. Er kam langsam aus der Hocke hoch und begann zu begreifen. Er war noch immer im Bunker. Die Wand hatte ihn aufgefangen, aber im Mund war etwas eingerissen, es schmeckte nach Eisen. Er spuckte aus und lehnte seinen Kopf an die Betonwand. Durch einen schmalen Spalt war ein Ausschnitt des Strandes zu sehen. Er sah geäderte Schottermassen, gelbe und braune Schattierungen, Sand und Wurzelwerk. Wie ein Gemälde, ein Stillleben, dachte Freudenberg seltsam erleichtert und befahl sich selbst, ruhiger zu atmen. Es gelang nicht. Etwas stimmte nicht mit seiner Atmung, sie flackerte ängstlich weiter. Erst als er länger hinschaute, verstand er, warum. Er konnte ihn jetzt deutlich erkennen: einen ausgestreckten Arm am oberen Bildrand mit einer Hand, die auf ihn zeigte – genau auf ihn.

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