Название | Freudenberg |
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Автор произведения | Carl-Christian Elze |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783942375580 |
Freudenberg setzte sich wieder in Bewegung. Als er auf die Uhr schaute, sah er, dass es Zeit war umzukehren, aber jeder Muskel seines Körpers schien sich dagegen zu wehren. Er lief weiter am Wasser entlang und atmete ruhig und tief. Er wollte es nicht eilig haben, nicht jetzt.
Rechts neben ihm erhob sich allmählich die Steilküste. Sie wirkte wie ein schwerfälliges Tier, das sich mit den Vorderpfoten langsam vom Boden löste, um am Ende über einhundert Meter hoch auf den Hinterpfoten zu stehen. Freudenberg drehte sich um. Der Blick zurück Richtung Seebrücke und Amber Baltic war jetzt sand- und rosafarben. Er musste an ein Bild denken, das er in einem Fotoband in der Schulbibliothek gesehen hatte, eine doppelseitige Luftaufnahme von einem ostafrikanischen Natronsee, an dem sich zehntausende rosig-fleischfarbene Flamingos die Beine in den Bauch standen, um mit ihren krummen Schnäbeln Kleinkrebse zu filtrieren. Ein Rausch in Rosa. Aber was man auf solchen Fotos nie erahnen konnte, wusste Freudenberg, war der sagenhafte Lärm und Gestank dieser Tiere, der Gestank ihrer vielleicht hunderttausend, rosafarbenen Kloaken.
Freudenberg drehte sich wieder um und lief weiter nach Osten. Nah am Hang tauchten Baracken und kleine Fischbuden auf, letztere mit Freisitzen, die gut gefüllt waren. Er war genau auf der Höhe des Hafengeländes angekommen. Am Strand standen bunte Fischkutter, die man mit Winden an Land gezogen hatte und die den Eindruck erweckten, als hätten sie gute Laune. Einzig die schwarzen Schiffsschrauben, die aus ihren Hintern herausragten wie Geschwüre, schienen das Gegenteil zu behaupten. Ein gelber Hund sprang von einem der Kutter herunter und kam Freudenberg entgegen. Er strich ihm um die Beine wie ein schmieriger Kater und lief dann weiter zu den Fischern. Freudenberg folgte ihm.
Zwischen den bunten Stahlwänden der Kutter wurde der Fang des Tages aus den Netzen gepult. Freudenberg trat näher heran und betrachtete die ruhigen, wetterharten Hände der Fischer. Er wartete auf ein Knistern ihrer Häute, so trocken pergamentartig kamen sie ihm vor. Aber das Knistern blieb aus. Nur ein leises Schwanzschlagen war zu hören. Die Fische zappelten in den engen Maschen der Netze und wurden Stück für Stück herausgepflückt. Es waren ausschließlich Flachfische: Schollen und Heilbutte. Ihre Kiemendeckel klappten hektisch auf und zu, als ob sie versuchten, noch im letzten Moment davonzufliegen. Freudenberg erinnerte sich an eine Biologiestunde in der 5. Klasse, in der ihnen ihr Lehrer erklärt hatte, was genau mit Kiemen passierte, die keinen Kontakt mehr mit Wasser hatten. Ihre hauchdünnen Atemblättchen trockneten aus; obwohl genügend Sauerstoff in der Luft war, konnte er nicht mehr genutzt werden. Die Fische erstickten in einem Luftmeer von Sauerstoff. Freudenberg blickte auf die zappelnden Körper. Auch die Erhöhung der Atemfrequenz nützte ihnen nichts mehr, es war sinnlos geworden, es war zu spät.
Die Fische wurden nach Größen getrennt in verschiedenfarbige Plastikkisten geworfen, nur die allerkleinsten, so groß wie Neugeborenenhände, flogen zurück in die Brandung. Die Flugbahn betrug nur wenige Meter und nahm ihren Anfang in einer kurzen Zuckung im Handgelenk eines Fischers. Im flachen Brandungswasser glitzerten schon massenhaft Leichen. Kinderleichen, dachte Freudenberg. Nur bei genauerem Hinsehen gab es noch einige Überlebende. Sie paddelten vor sich hin, aber schienen nicht mehr in der Lage zu sein, gegen die lächerliche Brandung anzukämpfen, um zurück ins Tiefwasser zu gelangen. Ihre Kiemen waren schon unumkehrbar geschädigt. Ein Möwenrudel schaukelte um die frischen Kadaver und die noch Sterbenden herum und pickte sie von Zeit zu Zeit auf. Ein perfektes Buffet für diese Arschlochvögel, dachte Freudenberg und spuckte ins Wasser.
Die Fischerfrauen liefen mit immer neuen Kisten voller Flachfische zum Hafengelände und kamen mit leeren Kisten zurück. Der gelbe Hund war auf einen grünen Kutter gesprungen und schaute jetzt schwanzwedelnd über die Reling. Um ihn herum standen weiße Stangen mit roten Fähnchen. Freudenberg ging näher an den Kutter heran und stellte sich auf die Zehenspitzen. Auf Deck standen dutzende Bojen, alte Plastikfässer, mit denen die Stangen nach unten abschlossen. Der Hund hörte auf, mit dem Schwanz zu wedeln, und begann zu knurren, dann zu bellen. Die Fischer blickten auf. Einer von ihnen schrie etwas in Freudenbergs Richtung. Der Hund verstummte sofort und verschwand in der Kajüte. Freudenberg entfernte sich von dem Kutter. Er zündete sich eine Zigarette an und ging zurück zu den Netzen.
Auch wenn die Fische keinen Lidschlag hatten, keine Mimik beim Sterben, so erschütterte ihn ihr Anblick doch zunehmend: Das Schlagen der Flossen, das hektische Herumwerfen des ganzen Körpers, alles schien verzweifeltes Bewusstsein, unverstellte Panik. Darüber das völlige Desinteresse des größeren und stärkeren Tieres. Obwohl es der Tod war, der sich direkt vor seinem Auge abspielte, zeigte sich die unerschütterbare Routine des Jägers. Es war der Tod der anderen, immer der Tod der anderen, aber nur so lange, bis er einen selbst irgendwann holt, dachte Freudenberg, dann stoppt jede Routine.
Das Krampfen der Leiber hatte aufgehört und die Kiemendeckel klappten nur noch langsam und unentschieden auf und zu. Warum half man diesen Wesen, diesen Seelen dachte Freudenberg, nicht wenigstens dabei, schneller zu sterben, weniger qualvoll? Aber auch hier gab es nur eine einzige Antwort: weil es allen egal war. Die Fischer lachten und rauchten, lösten die verhaspelten kleinen Flossen und Schwänze wie nebenbei aus den Netzen und warfen sie in die Plastikkisten oder in die Brandung. Die weißgrauen Möwenleiber schaukelten und pickten unermüdlich in den Wellen. Auf einmal sah Freudenberg die Vögel in einem anderen Licht. Dieses Möwenschlaraffenland war auch ein Fischseelenerlösungsland. Zumindest die kleineren unter ihnen wurden schneller erlöst. Die größeren dagegen blieben erbarmungslos allein, möwenlos allein. All die stämmigen, gefühllosen Weiber trugen sie in die dunklen Baracken und ließen sie einfach dort stehen, bis sie in Zeitlupe erstickt waren. Freudenberg steigerte sich mit einem Mal in eine Wut hinein und wurde knallrot im Gesicht, aber weder die Fischer noch ihre Frauen nahmen ihn und seine aufflackernde Wut überhaupt wahr. Vielleicht war es auch gut so, dass sie nichts merkten, dachte Freudenberg, der genauso schnell wieder abkühlte, wie er in Brand geraten war: Es war vorbei, alle Fische waren tot. In wenigen Stunden würde man sie verspeisen, noch etwas später dann ausscheißen. Es würde sein, als hätten sie nie existiert, keine Fotos und keine Gedenkfeiern, nichts. Er blickte den Männern ins Gesicht und erkannte auf einmal, wie schrecklich müde sie waren: müde vom Fangen und Sterbenlassen. Dann blickte er auf den Boden. Überall waren Schleifspuren im Sand zu sehen von den Schiffsrümpfen, den Särgen. Plötzlich hatte Freudenberg Bilder vor Augen: Er sah die Kutter, die lange vor Sonnenaufgang ins schwarze Wasser eintauchten und davonglitten, er sah das Auswerfen der Netze, die schaukelnden roten Fähnchen auf den weißen Plastikfässern, das Anlocken und Fangen der Flachfische, und schließlich gegen Mittag die Rückkehr der Männer, der Strand westwärts schon voller Menschenfleisch, und auch das Schiffsdeck jetzt voller Fleisch, grau und kalt, zappelnd und kämpfend, sinnlos zwar, aber immer noch kämpfend, das frische, kalte Meerfleisch für das hungrige, heiße Strandfleisch. Freudenberg schnippte seine aufgerauchte Zigarette zwischen die geifernden Möwenschädel, aber keine schnappte danach, keine hatte es nötig. Die Frauen brachten jetzt Schnaps und die Männer johlten. Die letzten Fische wurden nur noch nachlässig aus den Netzen gepflückt. Der gelbe Hund war vom Kutter gesprungen und hatte sich in den Schatten einer Schiffsschraube gelegt.
Freudenberg schaute auf die Uhr, es war kurz nach eins, eine halbe Stunde über der vereinbarten Zeit, es war ihm egal. Ein Telefon hatte er nicht, zum Glück. Er setzte sich wieder in Bewegung und lief weiter nach Osten, folgte der leicht schlängelnden Küstenlinie. Erst jetzt im Laufen bemerkte er, wie stark die Sonne inzwischen brannte und wie pochend heiß sich seine rechte Schläfe anfühlte. Man konnte noch so nah am Hang entlanglaufen, die Sonne stand schon zu hoch über der Steilküste und erwischte einen überall. Er musste erneut an die Fischer denken, die ihn, nachdem sie miteinander angestoßen hatten, plötzlich wie einen Geist angeschaut hatten, der ihnen vorher nicht aufgefallen war. Sie hatten ihm irgendwas hinterhergerufen und dabei gelacht, was dreckig geklungen hatte, wie Möwengelächter. Auch das war jetzt egal, dachte Freudenberg und lief weiter. Er wollte sein T-Shirt ausziehen, es sich um den Kopf binden wegen der Sonne, aber tat es dann doch nicht, als ob es ihm jemand verbieten würde. Aber wer sollte das sein?