Название | Freudenberg |
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Автор произведения | Carl-Christian Elze |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783942375580 |
CARL-CHRISTIAN ELZE
FREU DEN BERG
ROMAN
Wer von uns kennt seinen Bruder? Wer von uns hat seinem Vater ins Herz geblickt? Wer von uns blieb nicht auf ewig gefangen? Wer von uns bleibt nicht für immer ein Fremder und allein?
Thomas Wolfe »Schau heimwärts, Engel«
Inhalt
WEITERE TITEL IN DER EDITIONA ZUR
1
Durch die Lüftungsschlitze roch Freudenberg das Meer. Gerd drehte sein breites Gesicht nach hinten, um rückwärts einzuparken. Freudenberg wich seinem Blick aus und schaute aus dem Seitenfenster. Neben der Bordsteinkante lag ein zerquetschter Igel. Der Bordstein schien fast einen Meter hoch zu sein. Es sah so aus, als wäre das Tier von einer Klippe gestürzt und nicht überfahren worden. Freudenberg vertiefte sich in den Anblick. Der Körper war eine einzige graue Masse, nur die kleine Zunge, die aus dem spitzen Kopf herausragte, war noch rot. Freudenberg musste an seine eigene Zunge denken, daran, dass sie ihm lästig war; schon immer. Schon als Kind hatte er instinktiv begriffen: ohne Zunge keine Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.
Der Motor verstummte und Freudenberg blickte nach vorn. Der Nacken seiner Mutter glänzte ihm weiß und verschwitzt entgegen. Er fühlte, dass seine Hände zu zittern begonnen hatten. Sie waren endgültig angekommen, in Międzyzdroje, Hotel Orion, ulica Kopernika 5.
Seit der Grenze hatte er den Namen des polnischen Ortes ununterbrochen im Mund bewegt und leise geübt – Miezentreue, damit hatte es angefangen, um sich den Namen überhaupt merken zu können, dann Międ-zys-droje und schließlich immer weniger zerdehnt: Międzys-droje, Międzysdroje – jetzt konnte er ihn beliebig oft und fehlerfrei vor sich hin flüstern wie ein Zauberwort.
Gerd öffnete die Wagentür und stieg als Erster aus. Freudenberg war froh, diesen fremdartigen Menschen nicht länger Vater nennen zu müssen. Seit seinem 17. Geburtstag im April hatte Gerd ihm erlaubt, ihn beim Vornamen zu rufen – das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt, dachte Freudenberg noch immer.
Als er die Augen schloss, spürte er seine Erschöpfung – als würde ihn etwas Schweres, etwas, das außerhalb von ihm hing, nach unten ziehen. Die ganze Fahrt über, mindestens vier Stunden lang, hatte er der gut gelaunten Gerd-Stimme zuhören und auch antworten müssen, während die Landschaft vollkommen flach und langweilig an ihm vorbeigezogen war. Nur manchmal hatte es ein wenig Ablenkung gegeben, Windräderhaufen zum Beispiel. Ein Zeitungsbericht über Fuchsfamilien war ihm wieder eingefallen, den er einmal in einer Zeitschrift beim Zahnarzt gelesen hatte: Immer mehr Fuchsfamilien saßen inzwischen nicht mehr im Wald, sondern unter den sich drehenden Klingen der Windräder und warteten darauf, dass ihnen die Krähen, wenn auch nicht gebraten, so doch sauber geköpft, vor die Füße fielen, praktisch ins Maul rein. Vergeblich hatte er nach roten Fellen Ausschau gehalten und sich gewünscht, ein Fuchs zu sein, einer Fuchsfamilie anzugehören.
Seine Mutter musste niesen, Freudenberg riss die Augen auf und sagte »Gesundheit«. Sie sahen beide vom Auto aus zu, wie Gerd die Gartentür öffnete und sich der gelben Fassade des Orion näherte. Dann verschwand er im Hotel, um auch dort die Dinge zu regeln. Gerd regelte die Dinge am liebsten allein und für alle. Als Freudenberg kurz vorm Hauptschulabschluss noch immer nicht hatte sagen können, wie es weitergehen sollte mit ihm und seinem Leben, war es Gerd endgültig zu bunt geworden. Wieder hatte sich Freudenberg ausweichend und zeitschindend verhalten, genauso ausweichend und zeitschindend wie immer, »seit seiner Geburt«, hatte Gerd plötzlich geschrien. Aber jetzt war Schluss damit! Alle Geduld war aufgebraucht! Es gab keinerlei Aufschub mehr – wer den Mund nicht aufmachte, hatte keinen Aufschub verdient: nicht eine Minute, nicht eine Sekunde! Schließlich hatte Gerd alle Dinge von einem Tag auf den anderen selbst geregelt. Metallverarbeitung war dabei herauskommen. Freudenberg war so erstaunt gewesen, dass er nichts zu antworten gewusst hatte, obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, dass für Gerd kein Leerlauf, schon gar nicht im Lebenslauf, in Frage kam, und dass, wenn er selbst nichts sagte, Metallverarbeitung herauskommen würde, immer Metallverarbeitung herauskommen musste. Als Gerd damit herausgerückt war, hatte Freudenbergs Halsmuskulatur ihre Spannung verloren, was seinem Kopf den Anschein eines Nickens gegeben hatte. Dann sei ja alles geritzt, hatte Gerd gemeint und Freudenberg auf die Schulter geklopft, so kräftig, wie er konnte. Später beim Abendbrot hatte er es auch der Mutter verkündet, dass der Junge Metaller werde, und gerufen: »Aber vorher machen wir Urlaub, wie wär’s mit Ostsee?« Die Mutter hatte Freudenberg, der bewegungslos vor seinem Schnittenhaufen saß, eine Weile stumm angeschaut, dann aber laut Ja gesagt und genickt, so heftig genickt, als ob sie auch für Freudenberg mitnicken würde, und Gerd war zufrieden gewesen, nahezu glücklich.
Freudenberg ließ die Scheibe zur Gehwegseite herunter und Möwengeschrei schwappte herein. Er blickte schräg nach oben in eine Wolke aus Blättern und Ästen in Camouflage-Optik. Noch nie hatte Freudenberg Platanen gesehen, die so stark beschnitten waren, dass ihre Blätter wie aus Amputationsstümpfen heraushingen – als würden die Hände an den Ellenbogen nachwachsen. Freudenberg rieb sich die Augen, ihm war heiß und er war müde. Gerd hatte darauf bestanden, schon um sechs Uhr morgens loszufahren, um jeden Stau zu vermeiden. Freudenberg musste