Frei - Land - Haltung. Группа авторов

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Название Frei - Land - Haltung
Автор произведения Группа авторов
Жанр Документальная литература
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Издательство Документальная литература
Год выпуска 0
isbn 9783948675011



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       Was bedeutet für euch Party machen?

      Louisa: [ironisches Lachen] In die Disko gehen.

      Roman: Nee, das ist eher so ein Städterding. Okay, wir gehen zwar auch mal nach Stuttgart, aber das ist eher die Ausnahme. Das ist dann allerdings schon cool. Wir finden es lustig, wie die Städter immer rumlaufen. Ich finde, die sehen alle ein bisschen schwul aus mit ihren Socken bis zu den Knien und Jogginghose mit rosa T-Shirt. Das finden wir lächerlich und lachen die ein bisschen dafür aus. Aber feiern ist für uns eher so was wie Bauwagenfeste oder Dorffeste. Das finde ich schon richtig cool! Da kennst auch viele Leute, kriegst oft was gezahlt von Nachbarn. Ich kenne auch extrem viele von der Feuerwehr, die auch auf die Dorffeste gehen, und da gibt man sich gegenseitig was aus. Städte sind jedoch auch mal cool, grad paar Diskotheken sind schon geil.

      Luisa: Ich war noch nie in der Stadt in einem Club. Aber von meinen Kollegen hat auch noch nie jemand gesagt: „Kommt, wir gehen jetzt irgendwohin!“ Wir bleiben halt immer im Dorf und machen da Party. Bei uns sind die Jungs auch eher, auf dem Land würde man sagen, „Bauerntrampel“. Sonst geht man eher auf Feste, also Oktoberfest, Bezirksmusikfest. Aber es ist auch nicht zu wenig Party. Denn wenn man zu Festen geht, dann kennt man auch alle, und das ist das Schöne. Jedes Wochenende feiern gehen zu können, das wäre zu viel und kann man sich auch nicht leisten. Die Lust verfliegt auch irgendwann.

      Roman: Genauso wie das Bezirksmusikfest, das nur alle vier Jahre ist. Da freut man sich dann auch drauf und weiß, dass es gut wird. Ich bin dieses Mal auch an der Bar und schenke aus. Die haben Leute gesucht, und ich hab mich von der Feuerwehr aus freiwillig gemeldet. Da hilft man sich schon gegenseitig aus. Es machen auch viele Vereine mit und helfen aus. Ich und noch paar aus der Feuerwehr übernehmen noch den Verkehrsdienst am Freitag. Wir lotsen die Autos zu den Parkplätzen und schauen, dass die Straßen frei sind. Eigentlich stellen wir uns da mit einem Kasten Bier auf die Straße und lotsen bisschen. Man kann im ganzen Dorf parken, da sind ja genug Flächen im Gegensatz zur Stadt. Wir haben da auch unsere Feuerwehruniform an.

      Luisa: Ich bin ja auch im Musikverein. Ist halt Dorfleben, da muss man in ’nen Verein. Wir spielen am 1. Mai um 11 Uhr beim Bezirksmusikverein. Wir haben überlegt, dass wir um 7 Uhr zulaufen und langsam eine Maiwanderung bis zum Fest machen. Eigentlich müssen wir nur eine Stunde lang laufen, aber wer weiß … [lacht] Und wir laufen von der Bude in Gießlingen los. Das ist so was wie ein Bauwagen, da trifft man sich, redet und trinkt zusammen. Bei denen wirds von Generation zu Generation weitergegeben. Die sind eher eine geschlossene Gesellschaft, zu denen kommst nur, wenn die dich kennen und du eingeladen wirst.

       Bauwägen, Feste, Vereine … Welche Aktivitäten gibt es noch bei euch im Dorf?

      Luisa: Es gibt bei uns den Fischerverein und den Siedlerbund für die älteren Leute, und meine Mama ist im Kirchenchor. Wir haben auch noch viele Ministranten. Das ist so was Typisches, was jedes Kind im Dorf macht. Ich bin seit zehn Jahren Ministrant. Das hat man gemacht, weil Oma gesagt hat: „Komm, das machst du jetzt mal!“

      Roman: Meine Brüder waren lange bei den Ministranten, vor allem auch wegen den ganzen Zeltlagern und Ausflügen. Das ist recht cool! Ministranten, das ist eine Gruppe, die immer was zusammen macht. Und es hat mal nichts mit Alkohol zu tun. Da geht man mal zusammen in den Europa-Park oder zelten. Da sind dann auch die kleinen Kinder dabei.

      Luisa: Wenn man jünger ist, dann ist man bei den Minis, weil die ganze Altersgruppe dort ist. Meine ganzen Freunde sind auch von den Minis. Wir sind in einem Ort aufgewachsen und bis jetzt noch befreundet, das passiert in der Stadt nicht so schnell. Ministrant wird man auch nur, wenn man im Dorf ist. Das ist auch weniger wegen der Religion, sondern eher so ein Freunde-Ding. In die Kirche geht man dann an den großen Festen, wie Ostern und Weihnachten, mal auch am Sonntag, damit die Oma glücklich ist.

      Roman: Ich bin auch immer nur in die Kirche gegangen, wenn ich ministrieren musste. So in die Kirche hocke ich mich nicht! Es ist auch echt langweilig: Man sitzt da und schläft fast ein. Und sonst haben wir noch einen Turnverein, da war ich auch früher drin.

       Hört sich so an, als fühltet ihr euch auf dem Lande richtig wohl. Möchtet ihr später mal auch auf dem Land leben?

      Roman: Ja, auf jeden Fall. Es ist viel schöner als in der Stadt. Man hat viel mehr Grün. Man sieht es an unserem Haus: Es ist alles grün drum herum.

      Luisa: Ich bin auch schon ans Grüne gewöhnt. Wenn man ’ne Klassenfahrt nach Berlin hat, dann fühlt man sich wie ein Landei. Du hast keine Ahnung, es ist alles so groß und viel. Man rafft die U-Bahnen nicht. Das ist einfach viel zu viel! Auf dem Land ist es echt ein bisschen gemütlicher.

      Roman: Die Leute aufm Dorf sind auch viel freundlicher. Die in der Stadt sagen einem nicht mal Hallo beim Vorbeigehen. Das ist unfair. Denn wenn man durchs Dorf läuft, sagt man allen Hallo. Zumindest zu alten Leuten musst du auf jeden Fall Hallo sagen! Es gibt hier auch ein paar, die neu dazu gezogen sind, die schauen einfach stur auf den Boden und grüßen einen nicht. Außerdem stinkt es im Dorf nicht so wie in der Stadt, die ganzen Abgase. Und die Wärme dort macht einen auch fertig.

      Luisa: Als wir von Berlin zurückkamen, hab ich in meinem Zimmer das Fenster aufgemacht zum Lüften. Dann kann durchs Fenster Güllegeruch rein, da musste ich erst mal richtig durchatmen und dachte: Ah, du bist wieder daheim! [lacht] Aber wenn man zum Beispiel studiert, ist es schon geil, in der Stadt zu leben. Jedoch wirklich für immer in der Stadt leben, das möchte ich nicht. Wenn man Kinder hat, ist es auch besser. Ich glaube, wenn man in der Stadt aufgewachsen ist und daran gewöhnt ist, findet man Stadt super. Wenn man aufm Land aufgewachsen ist, willst du auch, dass deine Kinder auf dem Land groß werden. Es ist einfach besser: Wenn man abends irgendwo grillen möchte, kann man das auf dem Land einfach überall machen. In der Stadt geht das nicht so spontan.

       Was denkt ihr, wie lernt man Leute in der Stadt kennen?

      Luisa: Genauso wie auf hier auf dem Land. Normalerweise auf der Arbeit, in der Schule. Hier auf dem Land lernst du auch deine Freunde, also die richtigen Freunde, in der Schule kennen. Ich kenne meine Freunde seit dem Kindergarten. Es sind immer die gleichen Leute, und ich hoffe, die bleiben auch. Denn die meisten bleiben auch hier, sie schaffen hier, machen ihre Ausbildung, eine studiert in Weingarten, aber die ist trotzdem immer in der Heimat. Keiner von meinen Freunden will auch wirklich weg ausm Dorf.

      Roman: In der Stadt hast du auch eine scheißkleine Wohnung, außer du hast Geld, und ich brauch Platz. Im Dorf kannst du schlussendlich ein Haus bauen, in der Stadt nicht. Du hast da eher eine Wohnung, die recht klein ist, und man hat auch kein Grundstück, keinen Garten. Als ich mit Kollegen in Ulm war, haben wir uns eine Wohnung gemietet. Es hat mich sehr gestört, dass allein schon im Gang alles mit Fahrrädern vollgestellt war, es gestunken hat und alles vollgekritzelt war mit hässlichen Wandgraffitis. Im Dorf hast du so was nirgends in einem Hausgang.

      Luisa: Wenn man hier ein Haus ansprüht, dann wird man vom ganzen Dorf ausgegrenzt.

      Roman: Der einzige Vorteil an Stadt ist, du hast nachts um 0 Uhr immer irgendwo eine Pizzeria offen.

      Luisa: Das ist das Geile an einer Stadt! Das ist im Dorf kacke: Du kannst nicht einfach sagen: „Wir gehen jetzt irgendwohin.“ In der Stadt hat am Wochenende immer ein Club offen. Bei uns weiß ich nicht mal, wo der nächste Club ist. Das ist das Geile an der Stadt. Da kriegst du auch alles zu essen. Bei uns gibt es nur einen Italiener und das Landhaus. Wenn man zum Beispiel mexikanisch essen möchte, dann muss man ewig in die nächste Stadt fahren. Wir fahren meistens mit dem Auto irgendwohin, denn auf dem Land bist du verloren ohne ein Auto. Aber wir haben fürs Land hier auch super Busverbindungen: Die Busse fahren normalerweise alle Dreiviertelstunde. Dennoch hat man hier ohne Auto keine Chance. Das ist auch das Erste, was man sich anschafft, wenn man bisschen Geld verdient hat.

       Meint ihr, es ist auf dem Land auch sicherer als in der Stadt?

      Luisa: