Frei - Land - Haltung. Группа авторов

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Название Frei - Land - Haltung
Автор произведения Группа авторов
Жанр Документальная литература
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Издательство Документальная литература
Год выпуска 0
isbn 9783948675011



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       „HIER AUF DEM LAND MUSS MAN AUFPASSEN, DASS MAN NICHT VON EINER WILDSAU ÜBERRANNT WIRD.“

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      Luisa (19) – Abiturientin – und Roman (21) – Elektriker. Paar, aktiv in der Feuerwehr, im Musikverein und in Bauwägen

       Roman, du hast da einen Pieper bei dir an der Hose hängen, was hat es mit dem auf sich?

      Roman: Das ist mein Feuerwehr-Pieper. Der geht ab und zu mal los. Das ist das Schlimmste für Luisa.

      Luisa: Wenn das Ding noch einmal losgeht, wenn ich dabei bin, dann werfe ich es aus dem Fenster! Ich kann den Ton echt nicht ab.

       Wie lange bist du denn schon bei der Feuerwehr und welche Beweggründe hattest du, beizutreten?

      Roman: Jetzt bin ich seit zwei Jahren bei der Feuerwehr. Man lernt dort viele Leute kennen. Ich bin dort auch wegen Kollegen und den ganzen Festen. Wir waren auf einem Fest und da haben ein paar Kollegen gemeint, wir sollten dazukommen. Wir kannten uns schon vorher als Gruppe vom Bauwagen her, und dort hatte mal einer die Idee, mal dahin zu gehen und es auszuprobieren. Dann sind wir ein Jahr lang hingegangen, und es hat Spaß gemacht. Wir sind jetzt 56 Leute aus Eggingen. Ab und zu haben wir auch mal Einsätze, gerad auch auf Dorffesten, zum Beispiel bald beim Bezirksmusikfest.

       Du hast vorhin einen Bauwagen erwähnt. Magst du mir davon erzählen?

      Roman: Das ist ein Wagen für uns Jugendliche hier im Dorf. Wir fanden es immer langweilig, dass, wenn wir uns getroffen haben, wir immer bei jemandem im Zimmer oder in der Garage sitzen mussten. Daher haben wir uns überlegt, so ’nen Bauwagen zu kaufen. Er hat 500 Euro gekostet.

      Luisa: Wir haben bei uns im Dorf auch Bauwägen. Da gibts von den ganz alten Leuten einen Bauwagen, dann einen von unseren Eltern, den Bauwagen von uns und noch den von den ganz kleinen Kindern. Die sind im ganzen Dorf verteilt.

      Roman: Es gibt schon in jedem Dorf einen Bauwagen. Und die von Luisas Bauwagen organisieren auch richtige Feste. Die haben einen echt schönen Bauwagen! Wir dagegen sitzen nur oben, reden und rauchen Shicha, machen aber leider keine Feste. Zum einen keine Feste, damit die Wiese von den Nachbarn nicht zerstört wird, und zum anderen deswegen, weil man nach Festen auch aufräumen muss.

      Luisa: Bei uns gibts auch Mädle im Bauwagen, nicht nur Kerle, und die halten alles sauber. Normalerweise heißt es, Mädels tun ’nem Bauwagen nicht gut, weil’s dann immer Zickenkrieg gibt. Wir sind auch der einzige Bauwagen mit Mädchen drin. Sind insgesamt so zwölf Leute.

       Was macht ihr denn, wenn ihr euch trefft?

      Luisa: Grillen. Wir haben zum Beispiel gestern gegrillt, Rasen gemäht. Dann baust halt ein bisschen noch. Wir haben jetzt einen Anbau vor der Terrasse. Drin haben wir eine Bar, und weil’s im Sommer drin immer so heiß ist, haben wir eine Terrasse außen drangebaut. Und im Sommer, das darf man eigentlich nicht, kochen wir alle auf dem Dach. Das ist immer schön.

       Woher bekommt ihr das Material zum Bauen?

      Luisa: Das holen wir von irgendwoher. Wir haben einen da, der lernt gerad Zimmermann, und er bringt die Reststücke mit und so Zeugs. Und die Alten machen auch was beim Bauwagen. Die grillen auch viel und machen an Fastnacht mit beim Umzug. Das ist dann der sogenannte „alte Bauwagen“.

      Roman: Die haben richtig Geld wegen ihrer Feste. Die haben an Festen einen Gewinn von 900 Euro.

      Luisa: Das ist auch nicht alles so legal. Den Hauptgewinn machen wir mit den jungen Leuten, den unter 18-Jährigen, die sonst nirgendwo was zum Trinken bekommen. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir das total übertreiben. Wenn du merkst, dass die nicht mehr trinken sollten, dann gibst auch nichts mehr. Ich lad dich mal ein auf so ein Fest. Du fühlst dich bestimmt steinalt, aber es macht schon Spaß. Es kommen auch 30-Jährige, es kommen dann alle aus den Dörfern. Manchmal kommen auch die Eltern von den Bauwagen-Leuten, das ist dann richtig witzig.

       Woher erfährt man von den Partys?

      Roman: Es spricht sich im Dorf rum oder halt über Facebook.

      Luisa: Es wurde mal eine Veranstaltung in Facebook öffentlich reingestellt. Das ist nicht gut gegangen. Es ist sogar vollkommen eskaliert! Normalerweise lädst du nur Leute ein, die du kennst und willst. Wenn, du es aber über Facebook bekannt gibst, kommen viel mehr Leute. Doch das kannst nicht verantworten, wenn da mehr als hundert Leute sind. Man muss ja auch Getränke und so einschätzen und wissen, was am meisten getrunken wird. Wenn man weiß, wer da kommt, dann ist es einfacher. Aber man kauft eh auf Kommission und den Rest bringt man zurück.

       Wie oft im Jahr macht ihr solche Feste oder Veranstaltungen?

      Roman: Dreimal im Jahr oder auch weniger. Der Bauwagen in Schwerzen hat früher alle zwei Wochen ein Fest gemacht, und die waren auch richtig cool. Aber es ist echt anstrengend. Deshalb machen die es auch nicht mehr so oft. Auch wegen dem Bauernhof nebenan. Das stört halt schon, wenn’s laut ist bis nachts um drei.

      Luisa: So ein Fest fängt auch schon früher an und geht dann halt nur so bis um zwei, drei. Dann hat man auch oft keine Lust mehr.

      Roman: Ich gehe erst um 22 Uhr hin. Aber klar, für einen Städter ist es auch zu früh, die gehen ja erst um 1 Uhr nachts in den Club.

      Luisa: Im Sommer kannst du auch mal länger bleiben. Da ist es ja nicht so kalt wie im Winter. Wir haben zwar eine Heizung, aber die machen wir nicht an, weil unser Stromaggregat nicht so groß ist. Wenn wir die Heizung anmachen, geht alles andere nicht mehr. Das Aggregat haben wir als Bauwagengruppe mal gekauft, da hat jeder 20 Euro dazugegeben. Und den Rest der Bauwagenausstattung haben wir so zusammengesammelt. Jeder hat ja zu Hause mal was rumliegen, was man nicht braucht.

       Habt ihr ’ne Idee: Weshalb gibt es auf dem Dorf so viele Bauwägen?

      Roman: Weil’s halt cool ist! Einer hat damit angefangen …

      Luisa: Du kannst dich einfach treffen und musst nicht zu jemandem nach Hause. Denn im Normalfall hat niemand sturmfrei, und so kannst dich einfach im Sommer draußen treffen. Das fängt ja schon im Alter von 14 Jahren an. Bei uns gibts auch einen ganz kleinen, der hat schon mit zwölf Jahren angefangen.

      Roman: Aber so richtig geht man in den Bauwagen erst mit 16 Jahren. Es gibt ja auch Bauwägen für Ältere, da sind auch 30- bis 40-jährige Leute. Die treffen sich zum Grillen und bringen alle ihre Familien mit. Das ist wie ein Stammtisch.

      Luisa: Unser Bauwagen hat leider nicht sooo einen guten Ruf im Dorf. Scheinbar machen wir alles kaputt, aber das stimmt echt nicht. Da kommen manchmal Dorfleute und beschweren sich: „Ihr habt da oben dies und das kaputtgemacht!“ Aber wenn man zu Weihnachten den Dorfleuten einen Geschenkkorb bringt, dann motzen sie nicht mehr.

       Würdet ihr jedem so einen Bauwagen empfehlen?

      Luisa: Ja, auf jeden Fall. Ich würde es jedem empfehlen, auch Leuten in deinem Alter. Es ist halt was für Menschen, die gerne was mit Freunden machen.

      Roman: Und man lernt neue Leute kennen, denn man wird auch zu den Festen von anderen Bauwägen eingeladen. Aber die im Nachbardorf sind eher eine geschlossene Gruppe.

      Luisa: Aber das ist normal auf dem Land: Man mag nur seinen Ort, die anderen mag man nicht. Das ist jetzt nicht so, dass man sich hasst, aber der eigene Ort ist einfach der beste.

      Roman: Ja, das ist so! Sie mag Eggingen nicht, ich hasse Wutöschingen. Und die denken halt, die sind die Besten, wir denken: Wir sind die Besten, und Schwerzen denkt, dass sie die Besten