Mein Begräbnis. Und andere Grotesken. Hanns Heinz Ewers

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Название Mein Begräbnis. Und andere Grotesken
Автор произведения Hanns Heinz Ewers
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783847667377



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sagte er, »wir sind nur für zwei Stunden bezahlt, und die sind abgelaufen. Die Roten Radler besorgen alles – aber nur gegen Bezahlung!«

      Ich wehrte mich, so gut es ging, wurde aber schnell überwältigt.

      Sie steckten mich in einen schwarzen Sarg und trugen mich hinaus.

      Und der Pastor hielt mir – umsonst – eine Leichenrede. Ich weiß nicht, was er sagte, ich hielt mir die Ohren zu.

      Die brutale Gewalt hatte gesiegt.

      Was nutzt es mir nun, dass ich mich jetzt jedes Mal dreimal im Grab herumdrehe, wenn ein Staatsanwalt oder ein Amtsrichter vorbeikommt?

      Das Eierlegen der menschlichen Frau

      Die zweite Dezembernummer der Londoner »Medical Review« enthielt eine ganz kurze Notiz – die von dort aus ihren Weg durch alle Blätter der Welt nahm –, dass die beiden Birminghamer Ärzte Prof. Paidscuttle und Dr. Feesemupp nach langen Versuchen endlich das Eierlegen der menschlichen Frau (medizinisch: Anthropoovaropartus) erfunden hätten, das naturgemäß einen ungeheuren Umschwung im Leben der Menschheit hervorzurufen geeignet sei.

      Die beiden Herren hüteten ihr Geheimnis vorderhand noch sorgfältig, doch stünde zu hoffen, dass sie in nicht allzu langer Zeit damit an die Öffentlichkeit treten würden.

      Dieser Meldung gegenüber sehe ich mich zur Wahrung meiner sehr berechtigten Interessen genötigt, öffentlich zu erklären, dass die Idee des Eierlegens der menschlichen Frau mir gehört und von mir zuerst ausgesprochen wurde.

      Leider bin ich ein solcher Esel, dass ich darauf kein Patent angemeldet habe, und so werden sich wohl für immer mein Vaterland und ich des ungeheuren Vermögens beraubt sehen, das die Verwertung meines Gedankens naturgemäß erzielt hätte. Wenigstens meinen Ruhm will ich aber retten. Da die englischen Gelehrten wahrscheinlich alles daran setzen werden, um mir meinen Gedanken streitig zu machen, so sehe ich mich genötigt, die beiden einzigen Zeugen zu nennen, denen ich von der Sache sprach.

      Es sind dies: der Herr Oberlehrer Dr. Schulze in Köpenick und die Prostituierte Frieda Knäller (polizeilich unbekannten Aufenthalts).

      In der Nacht vom 4. zum 5. November 1903 ging ich mit besagtem Herrn Oberlehrer gegen drei Uhr früh durch die Friedrichstraße. An der Ecke der Oranienburgerstraße trafen wir die Prostituierte Knäller, die unsere Bekanntschaft zu machen bestrebt war.

      Ich fühlte das Bedürfnis, den Herrn Oberlehrer und die Prostituierte Knäller einander menschlich näherzubringen, sie zu verkuppeln, wie unzarte Leute sich auszudrücken belieben.

      Ich betrat also zu dem genannten Zwecke mit dem füreinander zu erwärmenden Paare die Kellerdestille zum »Strammen Hund«, Friedrichstraße 117.

      Ich kann sagen, dass ich mit meinen Vorschlägen bei dem Oberlehrer Herrn Dr. Schulze auf die größte Bereitwilligkeit stieß, während merkwürdigerweise die Prostituierte Knäller sich durchaus ablehnend verhielt. Um ihren Widerstand gegenüber dem lebhaften Wunsche des Pädagogen zu brechen, bestellte ich immer mehr anregende Getränke, was zur Folge hatte, dass unsere anfangs vielleicht leichten und nicht ganz ernsten Gespräche immer tiefer wurden und wir uns mehr und mehr in wissenschaftliche Probleme vertieften. Von der Erziehung der Jugend, die der Herr Oberlehrer reformiert wissen wollte, von der Frauenfrage, deren Lösung sich die Prostituierte Knäller durch Einführung eines Staffeltarifs (unter Berücksichtigung der notleidenden Landwirte und der akademischen Jugend) versprach, kamen wir auf immer ältere und entferntere Gebiete, bis schließlich der Herr Oberlehrer treffend sagte, dass wir auf diese Weise »auf das Ei der Leda« zurückkehrten, während man doch eigentlich von ihm ausgehen müsse.

      Ich darf wohl sagen, dass in dem Augenblick, als er diesen verhängnisvollen Satz aussprach, hundert Worte, die mir bisher nur Phrasen gewesen waren, zu handgreiflichen Wirklichkeiten wurden. Ein Schleier zerriss vor meinen Augen, ich hielt den Stein der Weisen in der Hand, ich hatte das Ei des Kolumbus gelegt. Ich seufzte dreimal tief auf, ich fühlte mit tiefer Erschütterung, dass ich in einer Sekunde die soziale Frage und alle anderen dazu gelöst hatte.

      Dem Herrn Oberlehrer Dr. Schulze, dem ich das verdankte, drückte ich gerührt die Hand, dann bestellte ich die siebzehnte Runde Grog. Während das Getränk gebracht wurde, besann ich mich eine kleine Weile und lud schließlich, um noch einen weiteren Zeugen zu haben, einen am Nebentische sitzenden Droschkenkutscher zu uns ein.

      Dann erhob ich mich, zog meine Uhr und hielt folgende Rede:

      »Sie wollen sich, meine Damen und Herren, diesen Augenblick wohl merken, denn er bedeutet in der Lebensgeschichte der Menschheit den ungeheuersten Umschwung, den sie je gesehen hat. Es ist jetzt gerade 4 Uhr 19 Minuten! Sie wollen sich ferner meine Person eingehend betrachten und Ihrem Gedächtnisse getreu einprägen, denn vor Ihnen steht der Mann, der der Menschheit in diesem Augenblick das größte Heil bringt, das ihr je widerfahren ist. Sie aber, Fräulein Knäller, die Sie gerade grunzen, wollen meinen Worten ganz besondere Aufmerksamkeit schenken, denn Ihnen hat es das Geschick gegeben, hier zu sitzen als die einzige Vertreterin Ihres Geschlechtes, das durch mich mit einem Schlage zu einer Jahrhunderttausende überspringenden Kultur hinaufgehoben wird!

      Wir unterhielten uns vorhin über die Frauenfrage. Was ist es, das die Frau im Kampf ums Dasein dem Manne gegenüber immer wieder als den schwächeren Teil erscheinen lässt?

      Wir wissen es alle: Es ist ihre sexuelle Funktion! Es ist die Tatsache, dass sie Kinder austragen und gebären muss, und die andere, dass sie, wenn das gerade nicht der Fall ist, doch allmonatlich in oft recht unangenehmer Weise von der Natur an ihre Weiblichkeit erinnert wird.

      Ich frage: Ist dieser Zustand der Frau ein gesunder? Einfach nein!

      Alle leiden darunter, die eine mehr, die andere weniger, angenehm aber ist’s keiner.

      Und nun erst die Geburt! Die Schmerzen sollen ja sehr peinliche sein, und manche Frauen gehen sogar dabei zugrunde.

      Weiter die Ästhetik! Die Zeit der Lucas Cranach und Holbein, die jeder Frau einen dicken Leib malten, ist Gott sei Dank vorüber, unserem Schönheitsempfinden ist so etwas direkt zuwider.

      Ebenso unästhetisch wirkt das Neugeborene, ich rede aus Erfahrung, denn ich habe bei meinem Freunde J. Mehlhase einmal eins gesehen. Ich versichere Sie, es sah aus wie ein aztekischer, knallroter Frosch! Die Mama fand es freilich sehr schön: ein gewisses Zeichen dafür, dass Kinderkriegen das ästhetische Empfinden unterminiert!

      Brauche ich noch mehr Beweise dafür anzuführen, dass die heutige Art des Kinderkriegens eine unwürdige, kulturwidrige, scheußliche ist?

      Ich persönlich hätte ja nun gar nichts dagegen, wenn es überhaupt abgeschafft würde, da ich auf die Fortpflanzung der menschlichen Rasse keinen Wert lege. Leider legen meine Mitmenschen scheinbar umso größeren Wert darauf (weil sie Esel sind), so bleibt mir also nichts weiter übrig, als die ewige Tatsache des Kinderkriegens fortbestehen zu lassen, ihre Art aber von Grund auf zu reformieren.

      Mein lieber Herr Oberlehrer, auf Ihr Wohl!

      Sie sagten: ›Man müsse füglich vom Ei der Leda ausgehen.‹ Und Sie ahnten nicht, was Sie mit diesen Worten den Menschen schenkten. Ja, wir wollen von der Leda, diesem Musterbild der Frauen der Zukunft, ausgehen, von ihr und dem vorbildlichen Ei, das sie legte! Wir wollen zurückkehren zu ihr, und unsere Frauen sollen fürderhin so gut Eier legen können, wie die Leda es tat!

      Freilich sind wir sterbliche Menschen, und wir können nicht wie Jupiter uns in Schwäne verwandeln, um unsere Frauen zum Eierlegen zu befähigen. Aber diese kleine Schwierigkeit, die für den Sänger des schönen Leda-Mythos nur ein Gott lösen konnte, vermögen wir heute leicht selber zu überwinden: Wozu haben wir denn die Wissenschaft?

      Betrachten wir einmal den Vorgang bei einem Huhn.

      Bei ihm ist der Teil, in dem sich die Eier entwickeln, der Darm selbst, so kommt es, dass das Huhn Eier mit Schalen legen