Название | Traum oder wahres Leben |
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Автор произведения | Joachim R. Steudel |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738079319 |
Wir hatten gegessen, wobei das Kind kaum einen Bissen hinunterbrachte. Dann säuberte ich das Mädchen, fühlte mich dabei aber unwohl, doch sie ließ sich von keinem anderen anfassen, auch von Nefret nicht. Die kurze Dämmerung war hereingebrochen, wir saßen in den angenehmen Temperaturen des Abends auf dem Dach und unterhielten uns. Der Hausherr hatte einen großen Krug Bier gebracht, und langsam fiel die Anspannung des Tages von mir ab. Tefnut schlief auf meinem Schoß ein. Ich wagte kaum, mich zu bewegen, doch konnten wir nicht die ganze Nacht so sitzen bleiben. Seneb bereitete unser Lager im Ruheraum seiner verstorbenen Eltern vor. Da wir den dritten Teil des Peret hatten – nach unserem Kalender etwa Anfang Januar –, waren die Nächte zu kalt, um auf dem Dach zu schlafen.
Vorsichtig stand ich mit dem Kind auf, trug es zu seinem Lager, deckte sie zu und schloss das Netz über ihr. Anschließend legte ich mich auf die Matte daneben. Kaum lag ich, schreckte die Kleine hoch, gab einen erstickenden Laut von sich und versuchte unter dem Netz hervorzukriechen. Ich sprach beruhigend auf sie ein, doch es half nichts, sie kroch zu mir unter die Decke. Nichts was ich sagte, konnte sie davon abbringen. Tefnut kuschelte sich ganz eng an mich, legte den Kopf auf meinen Arm, wurde ruhig und schlief schnell wieder ein.
Die nächsten Tage waren angefüllt mit den Vorbereitungen für mein neues Leben. Ich besorgte mir frische Kleidung, auch für das Kind, obwohl es, wie alle Kinder in diesem Alter meist nackt herumlaufen würde. Tchenti hatte Wort gehalten und das Land von Tefnuts Vater für mich gesichert. Die Häuser wurden schon wieder aufgebaut und vieles von der Verwüstung war im groben beseitigt. Der Tempel erhielt bei diesen Arbeiten Unterstützung durch die in der Nähe stationierten Militäreinheiten, von denen ich einen Teil der Männer schon kannte. Ich war froh, dass sie von nun ab regelmäßige Sicherungsstreifen bis weit in die Wüste aussandten.
Der Priester hatte mir die drei gewünschten Esel besorgt, und zu meinen ersten Aufgaben gehörte der Transport von Baumaterial ins Dorf. Es war nicht möglich, Tefnut allein oder bei Nefret zu lassen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als sie mitzunehmen. Ich hatte befürchtet, dass sie der Anblick ihres zerstörten Wohnortes zu stark belasten würde, doch das Kind entwickelte seine eigene Strategie. Sie schien das Vergangene ab diesem Zeitpunkt einfach auszublenden, tat so, als wäre ihr das Dorf unbekannt und alles erst im Aufbau begriffen. Mich bezeichnete sie als Vater.
Ja, sie sprach jetzt, nicht viel, nur das Nötigste. Wenn sich jemand nach ihren Eltern erkundigte, zuckte sie mit den Schultern und wies auf mich. Es war einerseits beklemmend für mich, hatte ich doch Angst, zu versagen und der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Andererseits war es schön, das Mädchen wieder einmal lachen zu sehen, wenn ich mir Zeit für sie nahm, mit ihr spielte oder sie auf einem von mir geführten Esel reiten durfte. Abends, bei meinen Gastgebern, kroch sie immer wieder zu mir auf die Strohmatte. Allein wollte sie einfach nicht schlafen.
Mit der Zeit machte es mir richtig Spaß, Tefnut um mich zu haben, denn sie war wissbegierig, aufmerksam und ahmte vieles von mir nach. Bald waren wir eine gut eingespielte Minifamilie.
Drei Wochen waren vergangen, Tefnuts Elternhaus repariert und fast wieder bewohnbar. Wieder einmal hatte ich den ganzen Tag, die heißen Mittagsstunden ausgenommen, mit den Eseln Transportdienst geleistet, und wir trafen mit der letzten Ladung, die diesmal für uns bestimmt war, bei dem Haus ein. Nachdem ich den Leitesel angebunden hatte, hob ich Tefnut von ihm herunter und brachte die Einrichtungsgegenstände, die ich besorgt hatte, ins Haus. Dann tränkte ich die Tiere am Brunnen und führte sie anschließend auf das Feld, das ich von nun an bearbeiten würde. Es war ein gutes Stück Land nahe am Hauptkanal. Die diesjährige Ernte war zu einem großen Teil vernichtet, da die lybischen Krieger ihre erbeuteten Rinder, Schafe und Ziegen über die Felder getrieben hatten. Nur ein kleiner Teil Gerste am Feldrand war stehen geblieben, alles andere würde sich nicht wieder aufrichten, und die Halme begannen am Boden zu faulen. Die Ähren hatten sich gerade erst ausgebildet, und es gab keine Möglichkeit, den Schaden wiedergutzumachen. Willkommenes Futter für die Tiere.
Ich löste meine kleine Karawane auf – denn ein Tier war an das andere gebunden – und pflockte die Esel so an, dass sie sich satt fressen konnten. Nachdem Tefnut und ich unseren Durst gestillt hatten, setzte ich mich in Meditationshaltung in den Schatten eines Feigenbaumes. Ich schloss die Augen und begann mich, wie schon öfter in den letzten Tagen, wieder in Meditation zu üben. Bisher hatte Tefnut immer schweigend zugesehen, doch diesmal wurde ihr die Zeit zu lang.
›Vater, schläfst du?‹
Ich brauchte einen Augenblick, um aus meiner Versenkung zu erwachen, sah sie an und strich ihr zärtlich über den Kopf.
›Nein, ich versuche nur, aus innerer Ruhe Kraft zu schöpfen, und spreche dabei auch manchmal mit meinem Gott.‹
›Mit Amun?‹
Ich legte die Stirn in Falten und fragte:
›Wie kommst du auf Amun?‹
›Nefret hat mir deinen Namen erklärt. Der bedeutet ja: Schwert des Amun, und deshalb …‹
Wie gut sie auf einmal sprechen konnte, und was für kluge Schlussfolgerungen sie traf.
›Ja, der Name hat diese Bedeutung, doch er wurde mir von einem anderen gegeben.‹
›Von deinem Vater?‹
›Nein, ich wurde in einem anderen Land geboren. Der Name, den mir mein Vater gab, ist hier unverständlich. Als ich in Theben lebte, kam ich dazu, als mein späterer Lehrmeister in einen Konflikt mit Wagenlenkern der Amun-Division geriet. Ich konnte ihm helfen, und Amunwashu nannte mich von da an Sefuamun.‹
›Oh, Wagenlenker sind doch große Krieger. Erzählst du mir die Geschichte?‹
›Jetzt nicht, mein Sonnenschein.‹
Ich strich ihr wieder zärtlich über den Kopf und fragte mich, warum sie vorher nur so wenig oder gar nicht gesprochen hatte. Tefnut bemerkte es anscheinend kaum, sie senkte den Kopf und kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe.
›Ich habe gelernt, Amenemope anzubeten. Mein … der Mann, bei dem ich vorher gelebt habe, hat sehr oft zu ihm gebetet, weil er die Felder beschützt hat. Wie heißt dein Gott?‹
Sie hatte gezögert und konnte das Wort Vater in diesem Zusammenhang nicht aussprechen. Es machte mich traurig, dass Tefnut ihre Vergangenheit so verdrängte, dass sie selbst ihren leiblichen Vater aus der Erinnerung zu verbannen schien. Wie sollte ich damit umgehen?