Die Wölfe von Pripyat. Cordula Simon

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Название Die Wölfe von Pripyat
Автор произведения Cordula Simon
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783701746774



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      Sie zuckte zusammen: »Springer auf D5!«, rief Potz hinter ihr. Ob der Schachspieler ihn auch verstand? Die anderen Schaulustigen murmelten. »Machst du dich über ihn lustig? Du bist ja vielleicht daneben. Der will ohnehin schon sterben«, sagte sie.

      Potz lachte: »Prinzesschen hat wohl nie Schach gespielt? Und so dumm ist der nicht. Dann sitzt er nur die halbe Nacht beim Psychologen, der eh allen das Gleiche sagt: Entspann dich, such Kontakt zu anderen, lass dich mal gehen et cetera. Dann ertränkt dich der Log in einem Eimer Lithium-Sieben.« Emma schüttelte den Kopf. »Was für ein braves Mädchen«, gluckste er.

      »Dass es verboten ist, weißt du aber schon?«, fragte Richie. Emma nickte: »Aber ich dachte, es sei eben nur ein Spiel.« Potz lachte wieder: »Das angeblich Rassenkrieg verherrlicht. Der da ist also ein Rassist. Schwarz gegen Weiß.«

      »Schwarz sagt man nicht«, entgegnete Emma, und: »Gegen Rassismus muss man etwas tun, wenn du das S-Wort sagst, handelst du auch diskriminierend.«

      »Sei nicht gleich so getriggert«, grunzte Potz.

      Richie schüttelte den Kopf: »Nein, das ist es alles nicht, es geht um Schichtenkampf. Die Bauern werden zum Sterben geschickt. Unterschicht und so. Und um Gewaltverherrlichung. Der da oben«, er deutete mit dem Finger auf die schmale, blasse Gestalt am Rand des Hüttendachs, »ist demnach ein Kriegsfanatiker.« Emma war verblüfft: Wenn es um schwarze und weiße Figuren ging und um Schichten, dann musste man doch einschreiten.

      Potz zuckte mit den Schultern und fügte hinzu: »So was kriegt man nicht mehr digital. Es ist antiquarisch. Real. Da kann der Log nichts tun.«

      Emma sah nach oben und der Schachspieler sah nach unten. Blonde, fransige Haare fielen ihm in die Augen. Er sah ihr geradewegs ins Gesicht. So wie die Astlöcher sie anstarrten, egal wo sie sich befand. Sie fröstelte. Vielleicht bildete sie sich all das nur ein. Schwachsichtigkeit lässt sich besser messen als beispielsweise Körperbehinderung wegen einer abgetrennten Gliedmaße, oder gibt man diese in Prozent des Körpergewichts an? Erstaunlich, so etwas müsste sie eigentlich wissen. Wie viel Fantasie die Blindheit ihr allerdings verlieh, war vollkommen unmessbar, und vielleicht bildete sie sich alles im Camp nur ein.

      Potz spuckte aus: »Spring doch, du A****, spring doch!«, rief er. »F***ling!«, rief er. Emma fühlte sich unwohl in ihrer Betrunkenheit. Wenn er Selbstmord Feigheit nannte, dann sollte er das erst probieren und hernach reden.

      »Der Sprung bringt ihn eh nicht um.« Potz nuckelte wieder an seiner Wodkaflasche.

      »Was passiert, wenn sie hier sagen, man hätte nicht bestanden?«, flüsterte Emma Richie zu.

      Ihn interessierte offenbar nicht, ob der Schachspieler wirklich sprang. Einer vom Lagerpersonal kam und begann die Schaulustigen mit wedelnden Armbewegungen zu verscheuchen.

      Der Schachspieler kletterte schließlich vom Dach. In seinem Kopf war also klar: Der Sprung würde ihn nicht töten. Dann hätte es keinen Sinn. Für einen bloßen Beinbruch. Er würde wohl trotzdem die halbe Nacht beim Psychologen sitzen, wie Potz vorhergesagt hatte.

      Emma entschied, eine weitere Runde um den See zu wanken, um der stickigen Luft der Hütte noch ein paar Minuten zu entgehen. Was sie sich eingebrockt hatte. Sie hatte doch gar nichts getan. Sie würde guten Willen zeigen, dachte sie. Morgen würde sie in den Facial Expression Workshop gehen. Sie hatte die Beschreibung gelesen. Das schien weniger langweilig als das Training für jene, die Schwierigkeiten – oder sagt man auch Herausforderungen? – hatten, in Situationen den Gesichtsausdruck des anderen richtig zu lesen. Man brauchte das auch kaum. Der Log hatte kein Gesicht und der Log kannte deinen Hormonhaushalt. Der Log konnte sie immer richtig lesen. Karell kannte sie besser als ihre Eltern. Auf Karell konnte sie sich verlassen. Er versagte nicht, wie Menschen es taten. Er konnte alle ohne Gesicht lesen. Interessant war das allemal. Der Log war das einzige Menschenrecht, das man brauchte. Alle anderen Menschenrechte sind doch nichts weiter als Imperialismus, Ignoranz gegenüber anderen Kulturen. Sie nahm sich vor, ab morgen alles am Camp zu loben, ist ja sonic, würde sie sagen. Einfach zu allem. Potz konnte ihr gestohlen bleiben mit seinem Vorschlag, von hier zu verschwinden. Wie naiv zu glauben, dass man hier einfach hinausspazieren könnte.

      Die Tür knarrte, als sie sanft mit der Hand dagegendrückte. Sie sah gerade noch, wie ein dünnes Leuchten aus Jackies Bett auf jemanden zusprang, Richie stolperte an ihr vorbei, sie mit seiner Breite beiseiteschiebend, und torkelte heftig hustend ins Freie. Das Leuchten war verglommen. Hatte er es nun bei Jackie versucht?

      »Was war das?«, flüsterte sie.

      »Ach, das ist nur das Asthma«, keuchte er zur Antwort, und fast hätte er ihr leidgetan, obwohl er einer der Gründe war, warum sie das Lager nun schon am ersten Abend satthatte. Ein unglaublich langer Abend. »Ich meinte das Leuchten«, zischte sie. Aber er zuckte nur mit den Schultern: »Welches Leuchten?« Dabei war sie sicher, dass ihre Augen sie nicht betrogen hatten.

      4Netze

       Im Jahr 20 vor dem Konsul

       Newsfeed im Jahr 20 vor dem Konsul

      Das Netz ist alles, was der Fall ist. Sonderreportage zum neuen Log aus der digitalen Wunderstube um Li Na.

      »Wie viele von euch kamen heute mit dem Bus? Und wer wurde von den Eltern gebracht?«, fragte Lehrperson Kowalcik. Die Kinder hoben artig die Hand. Lehrperson Kowalcik erklärte weiter, dass früher weit mehr Kinder von ihren Eltern oder Betreuungsbeauftragten in gesonderten Kraftwagen zur Schule gebracht wurden. Heute sei dies anders, denn die Busse seien nun intelligent und mit den Bedürfnissen der Bevölkerung verknüpft. Der Log sammelte die Informationen, wer welche Wege zu machen hatte, und koordinierte dahingehend den Verkehr. Dies entlastete die Straßen, was wiederum die Wege sicherer machte. Das war, worauf sie hinauswollte: Ein Netz bedeutete Sicherheit. Denn ein Netz bedeutete Information. Der kleine Sandor Karol malte ein Netz aus Bussen und eine strahlende gelbe Schutzschicht ringsum. Eine sonnige Schutzschicht. Das Netz, erklärte Kowalcik, behandelte alle gleichwertig und konnte so für ein gleichberechtigtes Dasein aller sorgen. Über Gleichberechtigung hatten sie schon letztes Jahr in Weltkunde gelernt. Sie war notwendig. Das Netz konnte also mit all seinen Informationen dazu beitragen, dass reife Entscheidungen für die ganze Welt getroffen wurden. Die Administration konnte die Daten auswerten und Handlungen setzen. »Wer kann mir sagen, was passiert, wenn das Netz nicht funktioniert, oder, wie man sagt, ›down‹ ist?«, fragte Kowalcik.

      Sandor hatte im letzten Kurs nicht besonders gut abgeschnitten. Da war ein kleiner Frosch abgebildet neben seinem Weltkundeeintrag. Er sagte auch zu Hause »nicht besonders gut«, aber seine Mutter korrigierte ihn: »mit großer Potentialspanne«, das sollte der Frosch bedeuten. Noch nie hatte er in Weltkunde einen Biber gehabt oder gar ein Einhorn. Nur in Schreiben hatte er einmal ein Einhorn gehabt, aber dann hatte seine Mutter aufgehört, ihm vorzulesen. Lehrperson Kowalcik hatte sie darauf hingewiesen, dass sie damit zu »gesellschaftlicher Ungleichheit« beitrug, denn anderen Kindern wurde nicht vorgelesen. Sandor war danebengesessen und hatte auf seine Schuhe gestarrt. Er hob also die Hand, vielleicht schaffte er diesmal den Biber. »Die Menschen organisieren ihre Wege wieder selbst?« Kowalcik nickte, sagte: »Nein«, holte tief Luft und erläuterte nach einer kleinen Pause: »Du meinst also, die Menschen würden dann erst selbst bestimmen, doch in Wahrheit bestimmen sie ihre Wege jetzt selbst, wenn der Log ihre Daten sammelt. Befänden sich jedoch alle wieder alleine auf den Straßen, würden ihre Wege gestört, schon alleine dadurch, dass alle in unterschiedliche Richtungen streben, denn das Netz weiß besser, was die kürzesten und schnellsten Wege sind.« Sandor löschte ein paar Linien von seinem Bild, sie waren lang, er ersetzte sie durch Linien, die quer über den Bus, quer über das Blatt gingen, die kürzer waren. Das hatte ihn dem Biber nicht nähergebracht.

      »Nehmen wir ein Beispiel,« sagte Kowalcik und begann von einem Lieferunternehmen zu sprechen, dessen Informationssystem am Anfang des Jahrhunderts zusammengebrochen war. Es war eine Katastrophe: Informationen konnten nicht abgerufen werden und daher mussten private Geräte herangezogen werden, um in privaten Nachrichten wichtige Informationen für Fahrer, die