Frei - Land - Haltung. Группа авторов

Читать онлайн.
Название Frei - Land - Haltung
Автор произведения Группа авторов
Жанр Документальная литература
Серия
Издательство Документальная литература
Год выпуска 0
isbn 9783948675011



Скачать книгу

Globalisierung und Mobilitätszuwächse haben längst auch ländliche Strukturen ergriffen.

      Und dennoch oder gerade deshalb: Von regionalen Ausnahmen einmal abgesehen zeigen sich rund 90 % der Landjugendlichen mit ihren Lebenssituationen insgesamt und den Gestaltungsmöglichkeiten in ihren Lebensumfeldern zufrieden, die meisten von ihnen sogar „überwiegend“ bzw. „völlig“ (vgl. Becker/Moser 2013: 58). Sie weisen damit für sich eine hohe Lebensqualität aus und sehen zumeist zuversichtlich in die Zukunft. Das lange vorherrschende Bild von Landjugend als benachteiligter Jugend erweist sich vor diesem Hintergrund eher als Zerrbild. Am Dorfleben wird besonders geschätzt, seine Ruhe zu haben, in einer sicheren Umwelt leben zu können und dabei viele Freiheiten zu besitzen (vgl. Becker/Moser 2013: 87).

      Was diese Vorzüge neben allen empfundenen Widrigkeiten und Unzulänglichkeiten, aber auch den Strategien des Arrangements mit ihnen konkret für die jungen Menschen bedeuten und welche weiteren Vorteile Landleben aus ihrer Sicht mit sich bringt, lassen die in diesem Buch folgenden Gesprächsauszüge zutage treten. Ihre Vielfalt macht dreierlei deutlich: Erstens gibt sie zu erkennen: Die Landjugend gibt es nicht. Zweitens offenbart die Pluralität der Sichtweisen: Eine geografisch und kulturell statische Heimat lässt sich nicht (mehr) denken. Heimatverluste, die in dieser Weise verspürt werden, gleichen tatsächlich Phantomschmerzen (vgl. Schüle 2017), die auf einer Verklärung der Vergangenheit beruhen und die Möglichkeiten neuer Erfahrungsformen von Vertrautheit, Gemeinschaft und Geborgenheit ungenutzt lassen. Drittens nährt sie gerade mit Blick auf diese neuen Optionen von Beheimatung die Vermutung: Es kann kein Zufall sein, wenn der urbane Zeitgeist alte Dorfqualitäten in die Stadt holt: selbst gärtnern als Urban Gardening, das Backhaus als Backvollautomat, Nachbarschaftstratsch und Hocketse als Quartiersfest, alte Handwerkstugenden als aktueller Do-It-Yourself-Trend, unbekümmerte Freiflächennutzung als innerstädtisches Brachenrecycling, Hausmusik im kleinen Kreis als Wohnzimmer-Konzert einer Indie-Band, internetverbreitete Jugendkultur aus der Provinz als chart- und metropolentauglichen Hype, Fahrzeug ausborgen als Sharing-Kultur, Tante Emma als Bioladen, die Eckkneipe als hippen veganen Imbiss, Holzfällerhemden und Strickmützen kombiniert mit schweren Lederboots und Hosenträgern als Lumbersexual-Style für den urbanen wilden Mann, Marmelade selbst einkochen als ultimativen Nachhaltigkeits-Ausweis … image

       LITERATUR

      Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kreisverband Westerwald: Jung sein im Westerwald. Lebens- und Freizeitsituation junger Menschen im Westerwaldkreis. Eine Studie der Arbeiterwohlfahrt Westerwald e. V. in Zusammenarbeit mit der Universität Koblenz-Landau. Koblenz 2001.

      Baier, Dirk/Pfeiffer, Christian/Simonson, Julia/Rabold, Susann: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Forschungsbericht Nr. 107. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover 2009.

      Becker, Heinrich/Moser, Andrea: Jugend in ländlichen Räumen zwischen Bleiben und Abwandern. Lebenssituation und Zukunftspläne von Jugendlichen in sechs Regionen in Deutschland. Thünen Report 12. Thünen-Institut, Braunschweig 2013. Online verfügbar unter: https://www.thuenen.de/de/infothek/publikationen/thuenen-report/thuenen-report-alle-ausgaben/ [Zugriff am 12.09.2019].

      Faulde, Joachim/Grünhäuser, Florian/Schulte-Döinghaus, Sarah (Hrsg.): Jugendarbeit in ländlichen Regionen. Beltz, Weinheim 2019.

      Grund, Timo: Ländliche Jugendwelten im Wandel – Jugendbilder in der Landjugendforschung und ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Norderstedt 2002.

      Haumann, Walter: „Lebenswelten und -wünsche“, in: LandInForm – Magazin für ländliche Räume 1/2013: 16/17.

      Hoffmann, Lars/Sturzbecher, Dieter: „Soziale Schulqualität, Schülerbeförderung und Schulschwänzen“, in: Sturzbecher, Dietmar/Kleeberg-Niepage, Andrea/Hoffmann, Lars (Hrsg.): Aufschwung Ost? Lebenssituation und Wertorientierungen ostdeutscher Jugendlicher. VS, Wiesbaden2012: 189–214.

      Herrenknecht, Albert: Land-Kindheit im Wandel. Sozialräumliche Veränderungen im Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen auf dem Lande. Deutsches Kinderhilfswerk (o. J.). Online verfügbar unter: https://www.kinderpolitik.de/bausteine/aktionsfelder/dorferneuerung/164-beteiligungsbaustein-c-5-1 [Zugriff: 12.09.2019].

      Salomo, Katja (2019): „The residential context as source of deprivation: Impacts on the local political culture. Evidence from the East German state Thuringia“, in: Political Geography 69, 3/2019, 103-117.

      Schametat, Jan/Schenk, Sascha/Engel, Alexandra: Was sie hält. Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2017.

      Schüle, Christian: Heimat. Ein Phantomschmerz. Droemer Knaur, München 2017.

      Simon, Titus u. a.: Schweigen heißt Zustimmung. Rechtsextremismus in den ländlichen Räumen. Bund der Deutschen Landjugend e. V., Berlin 2017.

      Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2018. Deutschland und Internationales. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2018.

      Stein, Margit: Jugend in ländlichen Räumen. Die Landjugendstudie 2010. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2013.

      United Nations World Population Programme (UN/WPP): The 2011 Revision. United Nations, New York 2011.

      Vogelgesang, Waldemar: „Warum ziehen Jugendliche weg?“, in: LandInForm – Magazin für ländliche Räume 3/2013: 34–35.

      Vogelgesang, Waldemar/Kersch, Luisa: „Jung sein! Und das auf dem Land?“, in: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumplanung (Hrsg.): Landflucht? Gesellschaft in Bewegung. Franz Steiner, Stuttgart 2016: 201–218.

      Wochnik, Markus: „Jugendliche im ländlichen Raum – Heimatbezug und Berufswahl“, in: Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (Hrsg.): Die berufsbildende Schule Bd. 66 (6) 2014: 215–218.

WAS GEHT!?
image

       „EIGENTLICH ISCHS SUBBER HIER, ABER LEIDER ISCHS HALT NET ERLAUBT.“

image

      Florian (17) – Schüler an einem wirtschaftlichen Berufskolleg –, Dennis (18) – macht eine Ausbildung als Grafikdesigner –, Maxi (16) – Schüler –, Moritz (17) – macht eine Ausbildung als Zimmermann – und Tim (16) – macht eine Ausbildung als Mechatroniker – haben gemeinsam einen Bauwagen und einen Wohnwagen als Treffpunkt.

       Also ihr habt ja hier den Bauwagen. Wollt ihr einfach mal erzählen, wie es dazu gekommen ist?

      Florian: Wir waren mal sechs Personen. Damals fings mit einem Bauwagen an, des is der da drüben, wo wir später reingehen. Wir haben angefangen den zu richten. Wir haben ja hier handwerklich Begabte, dann ham mer da auch schon kleine Feiern gemacht und dann haben sich welche unserem Team angeschlossen und dann kam der alte Wohnwagen hier dazu.

       Du hast gesagt „handwerklich Begabte“ – das heißt, ihr macht alle in die Richtung ’ne Ausbildung oder wie meintest du das?

      Florian: Nee, ’s hat jeder so seine Stärken. Ich zum Beispiel, das kann ich ja offen zugeben, bin net so handwerklich begabt. [alle lachen]

      Dennis: Ich mach ’ne Ausbildung zum Grafikdesigner