Название | Sonnenwarm und Regensanft - Band 3 |
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Автор произведения | Agnes M. Holdborg |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783847605805 |
Typisch Marius, dachte Lena zerknirscht und stellte zum wiederholten Male fest, dass es wohl nur einen Mann hier in ganz Düsseldorf gab, der gleichzeitig reden und trinken konnte. Dass der sich dabei nicht verschluckt, überlegte sie.
Wie aufs Stichwort musste sie nun selber heftig husten, weil ihr ein Körnchen vom dicken Kristallzuckerrand des Cocktailglases in die falsche Röhre geraten war. Froh, dass ihr die süße Plörre nicht gleich wieder zur Nase herauskam, holte sie tief Luft. Sie zog ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche, um sich die aufsteigenden Hustentränen abzuwischen und ein drohendes Mascara-Fiasko abzuwenden.
»Na, du bist heute aber schräg drauf«, kommentierte Marius.
»Oh, vielen Dank auch für dein Feingefühl. Das ist genau das, was ich jetzt brauche«, gab sie spitz zurück.
»Weißt du, Lena, ich hätte erwartet, dass du heute ein bisschen netter zu mir bist, wo du mich gestern schon versetzt hast.«
»Ich habe dich nicht versetzt, Marius. Wie oft muss ich dir das eigentlich noch erklären?« Sie verdrehte entnervt die Augen. »Das gestern war halt einfach ein gemütlicher Familien-Spiele-Abend nur unter uns Nells, verstehst du?«
Lena gab sich ganz souverän, obwohl ihr die Erinnerung an diesen Familienabend mit ihren Eltern und beiden Geschwistern immer noch einen Schauer über den Rücken jagte. Sie wollte aber nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt und auch nicht später!
»Nein, versteh ich eben nicht«, gab Marius patzig zur Antwort und strich sich dabei eine pechschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.
… Sein Haar war immer ein wenig störrisch und wollte nie so wie er. Gerade sein Haar fand Lena besonders anziehend. Schließlich war sie Friseurin, zwar noch in der Ausbildung, aber da kannte sie sich aus. Und sein fast schon blauschwarzes Haar hatte es ihr von Anfang an angetan.
Damals, als sie mit Steffi im Sunny-Club war und er sie dort ansprach, hatte er es sich auch ständig aus der Stirn streichen müssen. Sie fand das einfach süß. Außerdem sah er wirklich fantastisch aus. Ein attraktives Gesicht, tolle Figur, rundherum eine Sahneschnitte. Das hatte jedenfalls Steffi seinerzeit gemeint. Heute war ihre beste Freundin allerdings nicht mehr ganz so gut auf Marius zu sprechen. Denn seit Lena mit ihm zusammen war, bekamen sich Steffi und sie kaum noch zu Gesicht.
Er wäre halt mehr ein Familienmensch, hatte er sich letztens erst verteidigt. Tatsächlich hielten sie sich recht häufig bei ihr zu Hause oder in seiner Wohnung in Düsseldorf auf. Seine Familie hingegen hatte sie bislang noch nicht kennengelernt, weil die in einem kleinen Örtchen bei Hannover wohnte.
Ohne weitere Umschweife gelangten ihre Gedanken nun wieder zu ihrer eigenen Familie. Wie konnte das alles nur möglich sein? …
»Lena, verdammt, ich rede mit dir!«, schnauzte Marius sie nun an. »Kannst du mir nicht mal zuhören, wenigstens ab und zu? Mann, da wär ich schon zufrieden«, murmelte er noch hinterher.
Sie schnitt den letzten Gedankenfaden ab und seufzte schwer. »Na, dann lass es halt.«
»Was? Was soll das heißen: Na, dann lass es halt?«
»Hhm?« So ganz war sie wohl doch nicht bei der Sache.
»Leenaa, was soll ich lassen?«
»Was du willst, Marius. – Mich verstehen, mit mir reden.«
Marius’ goldener Teint färbte sich leicht rötlich. »Ich hab mich den ganzen Tag auf dich gefreut. Nun sei doch nicht so zickig!«
»Zickig? Sag mal, geht’s noch?« Lena konnte es nicht fassen. Merkte er denn nicht, wie schlecht sie drauf war? Zu allem Überfluss würde er sie bestimmt gleich fragen, ob sie ihre Tage hätte. Das hatte er schließlich schon einmal gebracht. Am besten käme sie ihm zuvor: »Marius, ich bin einfach hundemüde und kaputt. Das war heute ein anstrengender Tag. Außerdem habe ich Kopfweh.«
»Ach nee! – Und heut Abend hab ich Kopfweh. – Na prima, das ist doch wohl nicht dein Ernst?«, maulte er. »Wir waren gestern schon nicht zusammen.«
Lena spürte die Hitze in sich hochschleichen und wie sie puterrot vor Ärger wurde. Wenn Marius glaubte, dass sie mit ihren neunzehn Jahren diesen Song von Ireen Sheer nicht kennen würde, dann irrte der sich aber gewaltig. Schließlich hatte sie eine Mutter, die das Lied nur zu gerne beim Kartoffelschälen in der Küche mitsang, wenn es im Radio lief, und sich dabei immer köstlich amüsierte.
»Also gut, Marius, hör mir zu. Du fragst mich nicht, wie mein Tag war. Ich dich schon. Du fragst mich nicht, wie es mir geht. Ich dich schon. Du fragst ja nicht mal, was ich nach Feierabend machen möchte oder was ich trinken will, sondern du bestimmst es mal wieder. Und wenn du jetzt auch nur ansatzweise glaubst, dass ich heute zu dir in die Kiste hüpfe, dann hast du dich aber geschnitten, mein Freund!«
»Sag ich doch: Kopfweh.«
»Ja, das habe ich. Und du hast nicht gerade dazu beigetragen, dass es mir besser geht, ganz im Gegenteil. Ach, was rede ich überhaupt?«
Sie kramte einen Zehneuroschein aus der Handtasche, knallte ihn auf den quietschroten Resopaltisch und schnappte sich ihre Jacke.
Noch während Marius mit Staunen beschäftigt war, meinte sie: »Für den köstlichen Drink. Mach’s gut, Marius. Tschö!«
»Lena, verdammt!«, brüllte er ihr hinterher.
Doch sie drehte sich nicht mehr um, sondern ging einfach weiter und machte ihrem Unmut mit einer rüden Geste des Mittelfingers ihrer erhobenen linken Hand Luft.
Sie hielt nicht mehr an, bis sie an der Bushaltestelle angekommen war, ignorierte das ständig nörgelnde Handy und stellte es dann kurzerhand aus. Glücklicherweise kam ihr Bus schon bald, brachte sie zum fünfzehn Kilometer entfernten Heimatörtchen und damit auch nach Hause. Endlich!
***
Eine Stunde später hatte Lena ein Aspirin geschluckt, sich die Zähne geputzt, gewaschen, sorgfältig abgeschminkt und eingecremt und ihr penibel gebürstetes Haar zu einem lockeren Zopf geflochten. Ihre Eltern schliefen bereits. Der zwanzigjährige Bruder Jens war bestimmt noch bei seiner Freundin Silvi. Also legte sie sich in der Hoffnung, möglichst bald einzuschlafen und zu vergessen, im kuscheligen Flanellpyjama ins Bett.
Das Handy hatte sie nicht wieder eingeschaltet. Mit dem Typen war sie endgültig fertig. Der war ihr bereits seit geraumer Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen