Название | Traum oder wahres Leben |
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Автор произведения | Joachim R. Steudel |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738004960 |
Nach dem Joggen ging ich immer zu dem Wasserbecken, an dem ich meine erste Morgentoilette gemacht hatte. Bald fiel es mir auch nicht mehr schwer, in dem kalten Wasser unterzutauchen und ein wenig zu schwimmen. Diese Körperreinigung, die ich oft auch abends durchführte, tat mir sehr gut, wurde aber von den Mönchen, die das nicht kannten, leise belächelt.
Fast immer schaffte ich es, kurz vor oder am Ende der Morgenandacht, ins Kloster zurückzukommen, um dann mit Wang Lee weiter zu trainieren. Die wenigen Male, die ich später kam, fand ich ihn dann immer schon auf dem großen Platz vor den Unterkünften. Ich baute mir auch bald einige Hilfsmittel, fürs Krafttraining. Sie hatten zwar keinerlei Ähnlichkeit mit den Geräten, die in modernen Fitnessstudios genutzt werden, aber ähnliche Funktionen. Wang Lee und einige andere Mönche nutzten sie gerne mit, denn sie erleichterten einiges.
Die ungewohnte körperliche Betätigung ging nicht spurlos an mir vorüber. Nach den ersten Tagen tat mir jede Körperstelle weh und wenn ich morgens aufstand, musste ich mich zu jeder Bewegung zwingen, da mich schon beim Aufrichten der Muskelkater im Bauch schmerzte. Die ersten Schritte stakste ich steif wie ein Storch durchs Gelände und Wang Lee hatte oft Grund zum Lachen. Erst bei den Tai Chi-Übungen wurden meine Bewegungen langsam wieder geschmeidig und ich merkte auch, dass der Abt manche Übungen bevorzugte, die die Muskeln wieder entkrampften. Es vergingen aber einige Wochen, bis sich mein Körper auf die neue, ungewohnte Betätigung eingestellt hatte.
Nach einiger Zeit vertrug ich auch das Essen besser. Mein Magen hatte sich langsam an die fremde Kost gewöhnt. Mit den Essstäbchen konnte ich auch immer besser umgehen und Wang Lees Chinesisch-Unterricht zeigte erste Früchte.
An der Mittagsandacht der Mönche nahm ich nach einiger Zeit gern und regelmäßig teil. Zum einen verschaffte es mir die Möglichkeit mich auszuruhen und Kraft für das Nachmittagstraining zu schöpfen und zum anderen war es eine gute Möglichkeit, um zur Ruhe zu kommen, zu meditieren und Geist und Körper zu vereinigen. Der Abt, mit dem ich oft in den Abendstunden beisammen saß, lehrte mich auch, dass nur ein gesunder und entspannter Geist zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist. Ich erkannte, dass die Meditation ein gutes Mittel ist, um den Körper dazu anzuspornen. Die Einstellung zum Körper und zum Leben trägt wesentlich zum Wohlbefinden bei. Wenn der Geist sagt, ich bin schön, gesund und stark, dann strahlt das der Körper, das Gesicht auch aus. Er vermittelte mir, dass es nicht darauf ankommt, stark zu sein und gut kämpfen zu können, sondern dass es wichtig ist, welche Einstellung ich zum Leben, zum Kämpfen, zur Gerechtigkeit habe. Er zeigte und bewies mir, dass es durchaus möglich ist, schwächer und dem anderen unterlegen zu sein und dennoch so viel Kraft und Überlegenheit auszustrahlen, dass der Gegner ohne Worte und Aktion eingeschüchtert wird und jede Konfrontation vermeidet.
Doch vorerst hatte ich damit zu tun, meine Gedanken zu ordnen, zur Ruhe zu kommen und mich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Zeit, in der ich aufgewachsen und in die ich hineingewachsen war, war so angefüllt von Reizen und äußeren Einflüssen, dass der Geist eigentlich gar nicht mehr zur Ruhe gekommen war.
Es war kein Wunder, dass es so viele Menschen mit Schlafstörungen gab, dass so viele Menschen hektisch, nervös und überreizt waren. Wie oft hatte ich es selbst gemacht oder bei anderen gesehen, dass mehrere Dinge auf einmal oder nebeneinander abliefen. Schon als Jugendlicher hatte ich bei den Hausaufgaben laut Musik gehört, durch das geöffnete Fester die Nebengeräusche von der Straße, Gespräche der Passanten oder Familienmitglieder gehört und doch keines von alledem richtig oder einprägsam wahrgenommen.
Wie oft hatte ich gesehen, dass jemand ein Buch las, den Fernseher anhatte und einen Film anschaute und doch keines von beiden richtig verstand. Oder dass beim Zusammensein mit Freunden der Fernseher lief und sich dann der eine oder andere wunderte, wenn man unaufmerksam beim Gespräch war oder einen Einwurf weit weg vom Thema machte.
Dasselbe galt für Bücher und Filme. Wenn ich einen Film bewusst anschaute oder ein Buch bewusst las, ohne mich durch etwas anderes stören oder beeinflussen zu lassen, nahm ich Kleinigkeiten wahr, die mir sonst oft entgangen waren und die mir zum Verständnis des Ganzen oftmals fehlten. Wenn ich mir am Ende des Filmes oder Buches dann noch die Zeit nahm, mit geschlossenen Augen über bestimmte Stellen nachzudenken, fielen mir dann manchmal noch Kleinigkeiten auf, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte.
Zu diesen Erkenntnissen gelangte ich in den Zeiten der Meditation. Ich brachte meinen Körper und Geist zur Ruhe und lernte bewusst zu leben. Mit der Zeit ordnete ich meine Gedanken, lernte aus meinen Fehlern und verstand es, gute Dinge bewusst wahrzunehmen und zu leben.
Doch es gab auch Momente, in denen ich an meine Familie und mein dummes Verhalten, das zum Tod meiner Lieben beigetragen hatte, dachte. Am Anfang zerbrach ich dann fast immer an diesen Erinnerungen und die Selbstvorwürfe wollten kein Ende nehmen. Doch irgendwann verstand ich, dass ich das Geschehene doch nicht mehr ändern konnte und nun das Beste aus meinem jetzigen Leben machen musste. Vielleicht sollte das so sein, vielleicht hatte auch alles einen tieferen Sinn und das Geschehene trug zu etwas Wesentlichem und Wichtigem bei. Vielleicht waren diese Gedanken auch Ausflüchte und Wunschvorstellungen, aber sie halfen mir sehr, meinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Doch es dauerte lange, bis ich mein Gleichgewicht gefunden hatte und auch mit diesen Erinnerungen umgehen konnte.
Mithilfe des Trainings, das bis auf die wenigen Pausen fast den ganzen Tag und sieben Tage in der Woche andauerte, lernte ich langsam meinen Körper kennen und verstehen. Mit der Zeit stählte sich mein Körper und ich lernte Muskeln, wenn sie schmerzten oder überanstrengt waren, zu schonen, die Anstrengung auf andere oder mehrere Körperpartien zu verteilen