Название | Traum oder wahres Leben |
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Автор произведения | Joachim R. Steudel |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738004960 |
Langsam versuchte ich, die Verbindung zu Gott wieder aufzubauen, denn eins war für mich sicher, es gab oder gibt den einen Gott! Wie er aussieht, wo er ist oder in welcher Form er existiert, das war unwichtig, nur seine Gegenwart und die Verbindung zu ihm zählten. Diese Erkenntnis brachte mich so sehr zur Ruhe, dass ich beinahe nicht bemerkt hätte, dass die Gebete der Mönche verstummt waren und sich einer nach dem anderen erhob.
Als ich die Augen öffnete und aufstand, sah ich in das lächelnde Gesicht des Abtes. Unbemerkt von mir, war er mit Wang Lee herangetreten. Er musterte mich, befühlte meine Arme und stieß leicht mit seinen Fingern in meinen Bauch. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen und krümmte mich nach dieser leichten Berührung. Nachdenklich betrachtete mich der Abt einen Augenblick und wechselte dann einige Worte mit Wang Lee. Dieser nickte zustimmend und forderte mich dann auf ihm zu folgen. Er führte mich zu dem Platz, der neben den Unterkünften lag und auf dem die Mönche schon wieder trainierten. Etwas abseits von den anderen begannen wir mit einem Krafttraining, das meine Arme, Bauch- und Brustmuskulatur stärken sollte. Er machte mir verschiedenes vor, ließ es mich dann nachmachen und immer dann, wenn ich aufhören wollte, weil ich dachte es ginge nicht mehr, musste ich noch so lange weitermachen, bis es wirklich nicht mehr ging. Auch wies er mich immer wieder darauf hin, dass meine Atemtechnik nicht gut war und dass das richtige Atmen sehr wichtig sei. Bei all diesen Übungen nahm er auch noch seinen Chinesisch-Unterricht wieder auf, doch nur in den kurzen Pausen, in denen er mir die nächste Übung vorführte.
Nach einiger Zeit, ich war völlig durchgeschwitzt und bei einigen Bewegungen hinderte mich meine zu enge Hose, ging er mit mir zu meiner Schlafstelle und hielt mir die Kleidung hin, die noch vom Vortag im Zimmer lag. Als ich nicht gleich zugriff, zeigte er mir, dass ich so ausgestattet viel mehr Bewegungsfreiheit hätte und auch nicht so schnell schwitzen würde. Das waren Vorteile, die mich überzeugten und ich begann mich umzuziehen. Beim Binden der Bänder, die Schuhe und Strümpfe hielten, hatte ich Probleme und erst durch die Hilfe Wang Lees bekam ich das in den Griff.
Nach dieser kurzen Unterbrechung setzten wir das Training fort und ich war fast am Ende meiner Kraft, als um die Mittagszeit wieder ein Gong ertönte. Auf dem Weg in einen Teil des Klosters, den ich bisher noch nicht kannte, begann mein Magen gewaltig zu knurren, denn ich hatte seit dem Vortag nur Wasser zu mir genommen und nach den Anstrengungen des Vormittages hatte ich wirklich Hunger.
Wir erreichten die ‚Küche‘, die mich sehr an die des Lokals erinnerte, in dem wir am Vortag gegessen hatten. Sie war nur um einiges größer, da ja auch mehr Menschen zu versorgen waren, aber ansonsten fast gleich ausgestattet. Auch die Katzen, die sich in der Nähe aufhielten, um etwas abzustauben, fehlten nicht.
Es gab wieder Reis mit einer Gemüsesoße, aber keinerlei Fleisch und wie ich später erfuhr, ernährten sich die Mönche aufgrund ihres Glaubens rein vegetarisch. Der Kampf mit den Stäbchen, den ich am Vortag aufgenommen hatte, setzte sich an diesem Tag fort. Doch Wang Lee half mir sehr, den Umgang mit den Essstäbchen zu erlernen. Ich hatte schon einiges gegessen, als es in meinem Bauch zu rumoren begann. Anscheinend vertrug ich diese ungewohnte Nahrung doch noch nicht so recht. Aber der Hunger war groß und ich aß alles, was ich bekommen konnte.
Nach dem Essen begaben sich die Mönche wieder in den Tempel, um zu beten. Ich folgte ihnen, dankbar für die Ruhepause und versuchte mich zu entspannen. Nach einer Weile schlug das ungewohnte Essen wieder durch. Doch wohin sollte ich gehen, ich hatte bis jetzt noch keine Toiletten bemerkt. Schnell begab ich mich vor die Klostermauern und einige Meter seitlich in einen kleinen Wald. Dort scharrte ich mit einem Ast ein kleines Loch, das ich nach meiner Notdurft wieder mit Erde überdeckte. Erleichtert aber immer noch mit Bauchweh ging ich zu der Kochstelle und versuchte dem Koch, der eben seine Mahlzeit zu sich nahm, begreiflich zu machen, dass ich gerne so einen Tee hätte, wie ihn mir Wang Lee am Vortag gebracht hatte. Es dauerte recht lange, bis er mich verstand, doch dann bereitete er mir den gleichen Tee zu. Die Wirkung war wieder überwältigend und ich bedankte mich sehr beim Koch. Dieser schien sich über den Dank und das Lob sehr zu freuen, lächelte mich freundlich an und bedeutete mir, dass ich jederzeit zu ihm kommen könne , wenn ich etwas benötigte.
Da ich mich nun wieder besser fühlte, ging ich zurück zum Tempel und kam gerade zu der Zeit dort an, als die Mönche ihre Andacht beendeten. Wang Lee schien mich schon gesucht zu haben, denn sein Gesicht hellte sich auf, als er mich kommen sah. Freundlich winkte er mich zu sich heran und erkundigte sich, mit vielen Gesten und Umschreibungen, wo ich gewesen sei. Ich schilderte ihm mein Problem und versuchte ihm begreiflich zu machen, dass ich beim nächsten Mal gerne die Toilette aufsuchen würde. Nach einer Weile hatte er mich verstanden und führte mich wieder in den Wald außerhalb des Klosters. Nach einer kurzen Strecke sagte mir schon der Geruch, dass wir uns der gesuchten Stelle näherten. Als wir dann zu der Stelle kamen, überlegte ich mir doch, ob ich es nicht auf meine Weise weiter praktizieren sollte. Wir hatten eine längliche Grube erreicht, in die anscheinend alle Klosterbewohner ihre Notdurft verrichteten. Am Rand der Grube war ein Querholz zum Festhalten angebracht und Schwärme von Fliegen und anderen Insekten sorgten mit Sicherheit dafür, dass man sich beeilte. Wie ich später erfuhr, wurde von Zeit zu Zeit die bestehende Grube zugeschüttet und eine neue angelegt. Der Gedanke diesen Ort zu nutzen widerstrebte mir, doch wie hatte ein Offizier während meiner Wehrdienstzeit einmal zu mir gesagt: ›Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und du wirst staunen, an was man sich alles gewöhnen kann!‹
Nach dieser Exkursion fuhren wir mit unserem Krafttraining fort, aber wir merkten immer mehr, dass es mit meiner Ausdauer und meinem Lungenvolumen nicht sehr gut aussah.
Außerdem begann ich auch noch darüber nachzugrübeln, warum ich mir das überhaupt antat und schlagartig ließ meine Leistung noch mehr nach. Wang Lee versuchte, mich wieder zu motivieren, doch so recht gelang ihm das nicht und schließlich wusste er sich nicht mehr anders zu helfen und ging mit mir zum Abt.
Nachdem wir ihn in einem kleinen Seitenraum des Haupttempels, wo er damit beschäftigt war eine Schriftrolle mit seltsamen chinesischen Schriftzeichen zu beschreiben, gefunden hatten, schilderte Wang Lee ihm das Problem. Der Abt nickte und schaute mich an, als ob er nichts anderes erwartet hätte. Dann winkte er mich zu sich heran, forderte mich zum Setzen auf und nahm meine Hände in die seinen. Sofort spürte ich wieder diese unheimliche Energie, die von ihm ausging. Nachdem ich dann dem Drang nachgegeben hatte,