Der beiden Quitzows letzte Fahrten. Karl May

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Название Der beiden Quitzows letzte Fahrten
Автор произведения Karl May
Жанр Зарубежная классика
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Издательство Зарубежная классика
Год выпуска 0
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stecken bleiben könne.

      Hinter diesem wohlgenährten Bilde der Gemüthlichkeit schaukelte mit steifen Beinen sich eine Rosinante vorwärts, deren mattgelb durchschimmernde Knochen nur durch eine Haut zusammengehalten wurden, auf welcher es nur nach angestrengtem Suchen möglich war, ein vereinsamtes Haar zu entdecken; auf dem grad emporstehenden, kahlen Schwanzstummel wiegte sich ein Etwas, dessen Aehnlichkeit mit einem von den Motten zerfressenen Borstenwische unverkennbar war; die beiden Ohren gaben sich alle erdenkliche Mühe, eine aufwärts gerichtete Stellung einzunehmen, fielen aber immer wieder ermüdet auf den schwindsüchtigen Hals herab, und die Lippen des wackern Vierfüßlers hatten jene in sich gekehrte und Mitleid erregende Haltung eingenommen, welche ein Zeichen von der vollkommenen Unschädlichkeit des Gebisses ist. Auf dem scharfkantigen Rücken balancirte sich eine Gestalt, deren lange, spindeldürre Beine fast bis herab zur Erde reichten, während die spitzen Ellbogen fast eine halbe Pferdeslänge über den Rücken ihres Besitzers hinausragten; eine fürchterliche Stößernase sprang aus dem schmalen, blassen Gesichte hervor, und über die schmalen Lippen hingen hüben und drüben zwei oder drei Haare herab, welche als Stellvertreter des Schnurrbartes zu dienen hatten. Und das Ganze krönte ein Ding, welches, halb Hut, halb Helm, halb Sturmhaube, selbst nicht zu wissen schien, weshalb es eigentlich da oben auf dem Schädel sitze. —

      Als die beiden Neuangekommenen unsre zwei Bekannten erblickten, hielten sie an, um die fremden Erscheinungen einer sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen. Der Schimmel spreizte, um das sicherste Gleichgewicht zu erhalten, die Beine so weit wie möglich auseinander, und sein magerer College verdrehte die Augen vor Betrübniß darüber, daß es hier auf der Straße keinen Nagel gab, an dem er einstweilen seinen müden Kopf aufhängen könnte.

      Endlich schien der Dicke zu einem Entschlusse gekommen zu sein. Er versuchte, durch bittende Worte und ermahnende Püffe sein Pferd zum Weitergehen zu bewegen, und als ihm dies endlich gelungen war, hielt er grad’ auf Heyso zu, räusperte sich nachdrücklich und begann:

      »Hrrr! Hm! Woher des Weges, Ritter? Hrrr! Hm!«

      »Von daher!« lachte der von Steinfurth, indem er nach rückwärts zeigte.

      »Hrrr! Hm! Und wohin des Weges? Hrrr! Hm!«

      »Dahin!« antwortete Heyso, noch lauter lachend, indem er nach vorwärts zeigte.

      »Hrrr! Hm!« räusperte sich weiter der Dicke, indem er seine über dem Bauche gefalteten Hände löste und die Rechte nach hinten streckte. »Balthasar, mein Schwert!«

      Der Knappe ergriff den verlangten Gegenstand, welcher bisher quer über seinen beiden Knieen gelegen hatte, und reichte ihn seinem Herrn hin, indem er zugleich nach seinem eigenen Schwerte griff.

      »Hrrr! Hm! Wollt Ihr mir nun wirklich sagen, woher Ihr des Weges kommt – hrrr! hm! – und wohin des Weges Ihr wollt, Ritter?«

      Es war eigenthümlich, was für eine Veränderung mit den vier zwei— und vierbeinigen Wesen in dem Augenblicke vorging, in welchem der Sprecher nach der mächtigen, zweischneidigen Waffe griff. Er selbst schien mehrere Zoll größer geworden zu sein, seine Aeuglein blitzten höchst unerschrocken unter den überhängenden Brauen hervor, und die ganze Gestalt zuckte in eine Haltung empor, die augenblicklichen Respect einflößte. Ebenso ging es mit Balthasar, dem Knappen, dem man es sehr deutlich ansah, daß jetzt mit ihm nicht sehr zu spaßen sei; der Schimmel begann vor Vergnügen zu tänzeln und schnaubte muthig durch die Nüstern, und der magere Fuchs stieß gar ein helles, trompetenartiges Wiehern aus und sprang vor Vergnügen mit allen Vieren zugleich in die Luft.

      »Was soll das heißen?« frug Heyso jetzt ernst.

      »Hrrr! Hm! Das soll heißen, daß der Ritter Claus von Quitzow auf Stavenow sich die schuldige Antwort mit dem Schwerte holt, wenn er sie nicht freiwillig bekommt. – Hrrr! Hm! Zieht blank, Ritter, ich werde Euch die Lippen öffnen!«

      »Herr Claus von Quitzow?« rief Heyso, halb erfreut, halb betroffen, denn der Ruf des Muthes und der Tapferkeit, in welchem Claus stand, machte ihn doch an dem Eindrucke, welchen die äußere Erscheinung desselben auf ihn hervorgebracht hatte, ein wenig irre. »Verzeiht, Ritter, das habe ich nicht gewußt! Gebt Euer Schwert immerhin wieder zurück. Ich bin der Steinfurth auf Alvensleben und gedachte, Euch auf Garlosen bei den Baldewins zu treffen.«

      »Der Ritter Heyso? Hrrr! Hm! Das läßt sich hören. Balthasar, hier hast Du das alte Eisen wieder.«

      Der Knecht folgte dem Rufe, und während die beiden Herren neben einander voranritten, lenkte er seinen Fuchs an die Seite des Wachtmeisters, um mit ihm nachzufolgen.

      »So, also!« schnarrte er, »zum Heyso von Steinfurth gehörst Du? Bei dem giebt es ein lustiges Leben, keine Sorge, keine Noth, Schlägerei und Wein die Hülle und die Fülle. Verdammtes Leben dagegen auf Garlosen und Stavenow! Wein genug, aber keine Fehde, keinen ehrlichen Kampf die ganze ewige Winterszeit. Bin in die Haut gerostet wie eine alte, verschimmelte Schlackwurst und sehne mich einmal nach einem guten, richtigen Degenstoß!«

      »Heyso von Steinfurth, sagst Du? Der mag meinetwegen ein ganzer Kerl sein, aper gegen meinen Ritter kommt er doch nicht auf. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper einen Herrn wie den Dietrich von Quitzow giebt’s nicht wieder, so weit man denken kann!«

      »So, also?« rief erstaunt der Andere. »Du gehörst zu dem edeln Herrn Dietrich, den sie jetzt in Friesack eingeschlossen haben?«

      »Eingeschlossen? Herausgeworfen hapen Sie ihn, herausgeworfen wie einen Dachs, dem die Hunde zu viel geworden sind. Aper das Gesindel hätte es gar nicht fertig gepracht ohne die unverschämte große Püchse, mit der sie den Mond vom Himmel schießen. Doch hape nur keine Sorge, Pruder Palthasar; wenn ich nur erst meinen Ritter finde, dann, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, werden wir die Püchse holen und Perlin, Prandenburg, Magdepurg und die ganzen Heidennester in die Erde hinein begrapen!«

      »So, also! Dann ist Ritter Dietrich wohl geflohen?«

      »Geflohen?!« rief der Wachtmeister. »Höre, Pruder Steckelpein, nimm Deine Knochen zusammen, sonst schüttle ich sie Dir hinunter in die Stiefel. Ritter Dietrich und geflohen! Durchgeschlagen hat er sich, durchgeschlagen, um ein Heer anzuwerpen, mit dem er den Markgrafen pis zurück nach Schwapen prügeln wird. Das merke Dir, sonst pist Du mein Freund gewesen!«

      »So, also! Denkst Du etwa, der Balthasar fürchtet sich vor irgend Jemandem? Ihn und seinen Gregorimanorosewitsch hat noch Niemand zum Falle gebracht!«

      »Gregomianorodewisch?! Wer ist denn eigentlich der Türkenhund, der diesen gotteslästerlichen, heidnischen Namen führt? Solche sündhaften Dinge sollten in einem christlichen Lande gar nicht gelitten werden!«

      »Ein Türkenhund?« lachte der Hagere. »Nimm mir’s nicht übel, aber meinen Fuchs mit einem Türken zu verwechseln, das hätte ich einem Quitzow’schen nicht zugetraut! So, also jetzt weißt Du es!«

      »Ja, jetzt weiß ich es, daß nur Dein Gaul einen so langen und dürren Namen hapen kann, als wie Ihr Peide selper seid. Aper wie ist er denn zu dem Glegimanilatefisch eigentlich gekommen?«

      »Das ist sehr einfach: er stammt aus einem russischen Tabun und muß deshalb auch einen russischen Namen haben. Sein Vaterhengst hieß Gregorewitsch, dem sein Vater hieß Rimanowitsch und dem seiner hieß Rosewitsch, und darum heißt er zum Andenken an seine drei letzten Ahnen Gregorimanorosewitsch. So, also! Hast du das verstanden? Und daß er nicht übermäßig vom Fette trieft, das ist ja grad eine Ehre für ihn: er hatte nämlich eine Herzallerliebste, und als er von ihr getrennt wurde, konnte er das nicht verwinden und hat sich fünfundzwanzig Jahre lang so darüber gekränkt, daß er fast ein wenig vom Fleische gekommen ist.«

      »Ja, die Liepe, die hat schon Manchen vom Fleische gepracht, der nicht gerade ein Pferd gewesen ist. Aper Pruder Steckelpein, sage mir doch, was das für ein altes Gepäude ist, das da über den Päumen hervorplickt!«

      »Das ist Schloß Garlosen.«

      »Das alte gichtprüchige Nest wäre das perühmte Garlosen?! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das muß ja zusammenstürzen, sopald ich mich nur mit dem Rücken d’ranlehne.«

      »Warte es ab! Die Gräben sind so breit und tief und die Mauern so fest