Название | Das Science Fiction Jahr 2020 |
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Автор произведения | Группа авторов |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783948675608 |
Auf den ersten Blick überraschend unkompliziert ist hingegen Kids bisexuelle Neigung, die im Roman kaum problematisiert wird, sondern als selbstverständlich erscheint: Er hat homo- wie heterosexuelle Präferenzen, die in der Dreierbeziehung mit Lanya und dem minderjährigen Denny zusammenfließen. Auf die Frage, ob es ihm etwas ausmachen würde, dass er mit Frauen wie Männern gleichermaßen Verkehr hat, antwortet er: »Als ich fünfzehn oder sechzehn war, war es die Hölle für mich. Ich habe mir, glaube ich, viel Sorgen darüber gemacht. Als ich zwanzig war, habe ich gemerkt, daß ich mich sorgen konnte wie ich wollte, es hatte kaum eine Wirkung darauf, mit wem ich ins Bett ging. Jetzt mache ich mir keine Gedanken mehr darüber. So macht es mehr Spaß.« (S. 391) Die libertäre Haltung, sich im Hinblick auf seine sexuelle Identität nicht festlegen zu müssen, entstammt zwar der Aufbruchsstimmung nach 1968, dürfte jedoch in ihrer demonstrativen Lässigkeit zumindest zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung nicht gänzlich unprovokativ gewesen sein.[18] Bezeichnenderweise gerät Kids Sicherheit gegen Ende des Buchs ins Wanken: »Wenn ich anfange, mir beim Bumsen mit Typen Mädchen vorzustellen, vielleicht bin ich gar nicht so bisexuell, wie ich mir immer erzähle? Ich weiß es: Ich bin insgeheim heterosexuell.« (S. 867) Es gibt noch weitere Risse in der erotischen Utopie, die Dhalgren entwirft; etwa wenn Kid feststellt, »wie einsam« (S. 952) jeder der Skorpione um ihn herum trotz aller sexuellen Freizügigkeiten letztlich wäre. Auch ist nicht jede Figur mit der allgemeinen Freiheit einverstanden: »Gottverdammt, manchmal denke ich, niemand außer mir in der Stadt ist nicht schwul«, bemerkt der farbige und betont viril gezeichnete George Harrison, woraufhin ihn Lanya ironisch fragt: »Ist das die männlich-heterosexuelle Standardphantasie? […] Ich meine, der einzige richtige Mann zu sein in einem Haufen Schwuler?« (S. 271)
Ein anderer Punkt ist Kids Hautfarbe. Auch er wird mit dem Rassismus, der Bellona trotz gegenteiliger Beteuerung der Protagonisten durchzieht, immer wieder konfrontiert.[19] So fragt ihn Joaquim, der die Zeitung verteilt: »[D]u bist nicht farbig, oder? Du bist nämlich ganz schön dunkel, irgendwie ausgeprägt« (S. 95); und die Predigerin Amy Taylor wundert sich: »Als ich Sie neulich sah, dachte ich, Sie wären schwarz. Ich glaube, weil Sie so dunkel sind.« (S. 244)[20] Kids Identität als Indio-Amerikaner bewirkt Irritationen und sorgt für Uneindeutigkeit; einerseits bestätigt sich damit sein Status als Grenzgänger, andererseits läuft er Gefahr, in die rassistisch motivierte Gewalt in Bellona hineingezogen zu werden. Das Attentat vom Dach der Second City Bank, das sowohl vom Zeitpunkt als auch von der Zahl der Opfer her variiert,[21] bei dem aber immer ein Weißer auf Schwarze schießt, wäre ein Beispiel hierfür; ein weiteres ist der »Abend, an dem die Schwarzen revoltierten« (S. 249), auf den ebenfalls fortwährend angespielt wird.
Kids wahrscheinlich markanteste Eigenschaft ist sein Schreiben, das den ganzen Roman durchzieht und dessen Ergebnis Dhalgren möglicherweise zum Teil ist. Zumindest stehen die bereits zitierten Anfangszeilen in jenem zur Hälfte vollgeschriebenen Notizbuch, das Lanya findet, und in dem das Ende des Romans – »die Blitze und die Explosionen« (S. 47) – sowie die Schlusszeilen festgehalten sind.[22] Tatsächlich wird zu Beginn der Handlung die Möglichkeit geäußert, dass Kid zumindest theoretisch »irgendein Typ« sein könnte, den sich »irgendein anderer in seinem verlorengegangenen Notizbuch ausgedacht hat« (S. 10), womit sich der erzählerische Kreis ein weiteres Mal schließt: Die Fiktion (Dhalgren) und die Fiktion innerhalb der Fiktion (das Notizbuch) sind unauflöslich miteinander verzahnt; die Frage, was zuerst da gewesen sein muss, führt ins Leere.
Kid beginnt, das Buch für seine eigenen Texte zu verwenden, wobei er zunächst bescheiden anmerkt: »Ich schreibe einfach so Sachen auf.« (S. 185) Erst anlässlich der Begegnung mit dem Schriftsteller Ernest Newboy bezeichnet er sich als Lyriker, was dieser mit einem Publikationsangebot im Namen von Roger Calkins quittiert. Kurz darauf formuliert Kid sein Ziel: »Ich möchte Dichter sein. Ich möchte ein großer, berühmter, wunderbarer Dichter sein.« (S. 216) Diese Rolle besetzt er rasch, auch wenn er gegenüber Frank – einem weiteren Schriftsteller – zugibt, noch nichts veröffentlicht zu haben und erst kurze Zeit Dichter zu sein; der Zusatz »Seit ich hier bin« (S. 364) verweist auf die spezifische Rolle Bellonas als Katalysator. Kid hat erste Erfolge und träumt von künstlerischem Ruhm, muss jedoch bei einem weiteren Gespräch Newboy gegenüber eingestehen, dass nicht alles im Notizbuch von ihm stammt, was dieser mit »Das ist aber peinlich« (S. 447) kommentiert. Die Frage, was Kid geschrieben hat und was nicht, wird auf der Party diskutiert, die Roger Calkins veranstalten lässt und auf der Frank zunächst die Gedichte als »pompös und überemotional« (S. 791) kritisiert, um dann – »Ich frage mich übrigens, […] ob er sie wirklich selber geschrieben hat« (S. 800) – die Autorschaft anzuzweifeln. Im 7. Kapitel zeigt sich Kid über das Erreichte verunsichert. Einerseits beendet er das Notizbuch, weil es vollgeschrieben ist, andererseits räumt er ein: »Manchmal kann ich nicht sagen, wer was geschrieben hat.« (S. 872) Auch ist die Chronologie der Einträge unklar. Entsprechend häufen sich Selbstzweifel: »Ich bin kein Dichter« (S. 903) und »Ich schreibe nichts« (S. 927) – eine Aussage, die allerdings im Widerspruch zu den neuen Gedichten steht, die am Ende des Romans verbrennen. Der Eindruck, »der Autor habe den Faden verloren« (S. 956), den Kid auf sein Leben bezieht, überträgt sich mehr und mehr auf das Buch, das schließlich in einer Katastrophe endet. Die Stadt wird zerstört, und Kid verlässt Bellona in dem Glauben, keine Dichterpersönlichkeit mehr zu sein. Doch da das Romanende in den Anfang übergeht, wiederholt sich der Zyklus, diesmal womöglich mit einer weiblichen Version von »Kid«, die das vollgeschriebene Notizbuch weiterführt: Es ist ja bereits jetzt in »vier völlig verschiedene[n] Handschriften« (S. 446) gehalten, sodass eine weitere trotz des vollgeschriebenen Zustand denkbar wäre.
6
Dies alles spielt sich in Bellona ab, deren Name nicht zufällig auf die römische Kriegsgöttin verweist. Zum einen wirkt die Stadt im Kontrast zu ihrem Umfeld wie ein abgegrenzter mythologischer Bereich, zum anderen erscheint sie tatsächlich als ein gewalttätiger und anarchistischer Ort. Tak Loufer erklärt Kid, in Bellona wäre er »frei«: »Keine Gesetze; keine, die man erfüllt, keine, die man bricht. Kannst tun, was du willst.« Und: »Sehr schnell, überraschend schnell wirst du […] genau zu dem, der du bist.« (S. 29) Doch Bellona ist keine »Hippie-Stadt« (S. 56), sondern hat eine »komplizierte Sozialstruktur« (S. 851), die Aristokraten, Bettler und Vertreter der Bourgeoisie ebenso einschließt wie Bohemiens – wobei die Richards als Vertreter eine kleinbürgerlichen Mittelschicht negativ gezeichnet werden, auch wenn Madame Brown sie als »normale, gesunde Familie« (S. 971) bezeichnet. In diesem Panorama kann man ein Modell für andere Metropolen in den USA sehen; etwa von New York,