Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze. Thomas Wolfe

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Название Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze
Автор произведения Thomas Wolfe
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9788075830562



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Trivett grinste. »Ich möcht' ihn mal mit der Thelma sehn«, sagte er.

      Lily Jones lachte heiser. Die Tür rechts ging auf, und die kleine leichtgebaute Thelma erschien. Aus dem Zimmer schallte ein leeres, blödes Männerlachen. Jim Trivett umarmte Thelma.

      »Jesses!« sagte Thelma mit blecherner Stimme. »Wen hast Du denn dabei?« Sie wandte Eugen ihr scharfgeschnittnes Vogelgesicht zu und musterte ihn unverschämt.

      »Ich hab Dir 'nen neuen Verehrer mitgebracht«, sagte Jim Trivett.

      »So 'nen Schlanken hast Du sicher noch nicht gesehn«, sagte Lily Jones unbeteiligt. »Wie lang bist Du eigentlich, Sohn?« fragte sie gutmütig.

      »Ich weiß es nicht genau«, sagte Eugen. »Ungefähr zwei Meter.«

      »Mehr!« erklärte Thelma entschieden. »Ein Lügenmaul will ich heißen, wenn er nicht zwei Meter zehn mißt.«

      »Er hat sich halt seit 'ner Woche nicht gemessen«, sagte Jim Trivett. »Drum weiß er's nicht genau.«

      »Und jung ist er«, sagte Lily und starrte Eugen an. »Wie alt bist Du, Sohn?«

      Eugen wandte sein bleiches Gesicht ab, unentschieden.

      »Wieso?« sagte er. »Ich werde schon …«

      »Er wird achtzehn«, sagte Jim Trivett ergeben. »Macht Euch keine Gedanken wegen ihm. Das alte Langbein da keimt sich aus. Er ist 'ne Bierkatze. Spaß beiseite, der weiß, wie man's macht.«

      »Er sieht jünger aus«, sagte Lily. »Dem Gesicht nach hätt' ich ihn für fünfzehn gehalten. Aber hat er nicht wirklich 'n auffallend kleines Gesicht?«

      »Es ist das einzige, das ich habe«, sagte Eugen ärgerlich. »Tut mir leid, daß ich es nicht für ein größres umtauschen kann.«

      »Es wirkt komisch, weißt Du, so hoch da droben«, fuhr Lily träg fort.

      Thelma gab ihr einen Rippenstoß und lachte heiser.

      »Das kommt, weil er so ein langes Untergestell hat. Wenn er erst mal Fleisch und Fettpolster an dieses Knochengerüst kriegt, wird er ein Riesenkerl sein. Ja, ja, ein Riesenkerl wirst Du sein, Langbein, und ein Herzensbrecher erster Klasse, das prophezeie ich Dir.«

      Sie nahm seine Hand und preßte sie. Der Fremde, das Gespenst in ihm, wandte sich gramvoll ab. O mein Gott, dachte er, ich werde mich erinnern.

      »Also legen wir los!« sagte Jim Trivett. Er umarmte Thelma und tat verliebt mit ihr.

      »Geh einstweilen nach oben, Sohn«, sagte Lily. »Ich komm in 'ner Minute 'rauf. Die Tür steht offen.«

      »Wir seh'n uns später, Eugen. Mach's gut!« sagte Jim Trivett und legte dem Jungen gutmütig-rauh einen Arm auf die Schulter. Dann schob er mit Thelma ins Zimmer links.

      Eugen ging langsam die knarrende Stiege hinauf und trat in das Zimmer, dessen Tür offen stand. Im Kamin brannte ein großes Kohlenfeuer, eine starre Glutmasse ohne Flamme. Er nahm Hut und Mantel ab und legte sie auf eine hölzerne Bettstelle. Dann setzte er sich in einen Schaukelstuhl. Er saß vornübergebeugt, die Glieder schmerzhaft gespannt und wärmte seine zuckenden Finger am Feuer. Es war kein Licht im Zimmer; beim Widerschein der Kohlenglut konnte er die häßliche, alte, abgenutzte Tapete erkennen. Er saß ganz still, aber von Zeit zu Zeit zitterte er heftig vor Schmerz. Warum bin ich hier? Es ist nicht mein Ich, was hier ist, dachte er.

      Alsbald vernahm er den vollen Tritt der Frau auf der Stiege; Licht schwamm durch die Tür. Sie trat ein, stellte eine Lampe auf den Tisch, schraubte am Docht. Er konnte sie nun ganz genau sehn. Lily war eine Frau in mittleren Jahren, bäurisch breit und schwer gebaut, von einer ungesunden, schlabbrigen Weichheit. Ihr glattes, ländliches Gesicht zeigte kleine Fältchen um den Mund und um die Augenwinkel; es sah aus, als hätte sie viel in der Sonne gearbeitet. Sie hatte volles, schwarzes Haar, ihr Gesicht war ganz weiß gepudert. Sie trug ein frischgewaschnes, formloses Kleid aus buntem Kattun, ohne Gürtel. Sie sah wie eine Hausfrau aus, trug aber als Zugeständnis an ihren Beruf rote Seidenstrümpfe and rote, pelzverbrämte Filzpantoffeln, in denen sie mit plattfüßigem Schritt ging.

      Sie schloß die Tür und trat zum Kamin, wo Eugen nun stand. Er umarmte sie mit fieberhaftem Verlangen, streichelte sie mit seinen langen, nervösen Händen. Er war unentschlossen. Er setzte sich wieder auf den Schaukelstuhl und zog sie unbeholfen auf seine Knie. Sie küßte ihn mit der spröden Kälte der Provinzhure, fast widerwillig, und wandte den Mund wieder weg. Sie schauderte, als seine kalten Hände sie berührten.

      »Du bist ja eiskalt, Sohn. Was ist denn los?«

      Rauh und verlegen, mit geschäftsmäßiger Betulichkeit versuchte sie ihn zu erwärmen. Dann stand sie ungeduldig auf und sagte:

      »Fangen wir an! Wo ist mein Geld?«

      Er drückte ihr zwei zerknitterte Banknoten in die Hand.

      Dann legte er sich zu ihr. Er zitterte, nervös und impotent. Die Leidenschaft in ihm war erloschen.

      Die Glutmassen im Kamin fielen zusammen. Das verlorne, strahlende Wunder starb.

      Als er die Treppe runterkam, fand er in der Diele Jim Trivett, der Thelma bei der Hand hielt. Lily ließ sie stillschweigend aus dem Haus, nachdem sie vorher in den Nebel hinaus gespäht und gelauscht hatte.

      »Verhaltet Euch still!« flüsterte sie. »Drüben auf der Straße steht ein Mann. Wir sind in letzter Zeit beobachtet worden.«

      »Komm wieder, Schlankerchen«, sagte Thelma zu Eugen und drückte ihm die Hand.

      Sie gingen leise davon, sie schwiegen. Es war nebliger geworden, die Feuchte schlug ihnen ins Gesicht.

      Unter der Ecklaterne, als sie aus der Seitenstraße einbogen, atmete Jim Trivett herzhaft und erleichtert auf.

      »Verdammt noch mal, Langbein«, legte er los, »was hast Du eigentlich mit dem Weib da oben getrieben?« Aber als er Eugen ins Gesicht sah, fragte er rasch, mit freundschaftlich besorgter Stimme: »Was ist los, Eugen? Ist Dir schlecht?«

      »Augenblick! Gleich wieder gut!« sagte Eugen mit dicker Zunge.

      Er ging zum Rinnstein und erbrach in die Gosse. Dann richtete er sich auf und wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab.

      »Ist Dir besser jetzt?« fragte Jim Trivett.

      »Ja. Wieder in Ordnung«, sagte Eugen.

      »Warum hast Du nichts gesagt, daß es Dir übel war?« fragte Jim Trivett vorwurfsvoll.

      »Es kam so verdammt plötzlich«, erklärte Eugen. »Mir scheint, ich hab heut abend in dem griechischen Restaurant etwas Unrechtes gegessen.«

      »Mir ist der Fraß tadellos bekommen. Na, 'ne Tasse Kaffee, und der Bauch wird wieder in Ordnung sein«, bemerkte Jim Trivett freudig überzeugt.

      Sie gingen langsam den Hügel hinauf. Das Licht der Ecklaternen lag starr auf den Fassaden der armseligen Häuser.

      »Jim«, sagte Eugen nach einer Weile.

      »Ja, was?«

      »Sag niemandem was davon, daß mir übel geworden ist«, bat Eugen unbeholfen.

      Jim Trivett sah ihn überrascht an.

      »Warum denn nicht? Ist doch nichts dabei. Kann jedem passieren.«

      »Das schon. Aber mir wärs lieber, wenn es unter uns bliebe.«

      »So. Schon recht. Warum sollte ich auch. Also ich werd's Maul halten«, erklärte Jim Trivett.

      Eugen wurde von dem verlornen Gespenst seiner selbst heimgesucht; er wußte um die Unwiederbringlichkeit. Drei Tage lang ging er allen Menschen aus dem Weg; ihm war, als trüge er das Mal seiner Sünde auf die Stirn gebrannt. Er spürte, daß ihn jedes Wort, jede Gebärde verriete. Seine Manieren wurden trotziger, sein Gruß unfreundlicher. Er schloß sich fester an Jim Trivett an, dessen Lob ihm ein trauriges Vergnügen bereitete. Sein ungestilltes Verlangen entbrannte aufs neue; es überrannte seinen Ekel vor der Sache; es umgaukelte ihn mit neuen Bildern. Am Ende der Woche fuhr er wieder nach Exeter, diesmal allein. An ihm sei nichts mehr zu verlieren, dachte er. Diesmal ging er mit