Название | Milans Weg |
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Автор произведения | Franziska Thiele |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738002904 |
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Die ersten Wochen in der neu gewonnenen Freiheit verbrachte Milan damit, die Gegend zu erkunden und die Möglichkeit, zu tun, was und wann er es wollte, auszukosten. Milan ging meistens direkt aus dem Gelände für das betreute Wohnen heraus, da er keine Lust auf Konversation und noch weniger Lust auf Gespräche über Genesung, Wohl- oder Unwohl befinden oder psychische Störungen, hatte. Zu schwer erschienen ihm nun all die Zwangsneurosen, die Verhaltensauffälligkeiten, die Kämpfe, die in einem jeden von ihnen, die hier unter gebracht waren, innerlich zu führen hatten. Endlich spürte Milan die Leichtigkeit des freien Handelns. Natürlich musste er sich hin und wieder zeigen, einmal die Woche an ein therapeutisches Gespräch führen und auch einmal in der Woche bei einem gemeinsamen Kochen und miteinander Essen teilnehmen. Doch im Vergleich zu dem Leben in der Klinik davor, in dem er stetig überwacht, von Blutdruckmessgeräten und Krankenschwestern mit bunten Tabletten vom Menschen zum Versuchsobjekt degradiert worden war, fühlte er sich nun endlich wieder etwas menschlicher. Vormittags ging Milan meist durch die Stadt spazieren. Obwohl ihm die Erinnerung an Bremen, wo er zwischen großen Betonblöcken und unter einem in seiner Erinnerung immer grauen Himmel, dahingeschlichen ist, die Lust auf eine Stadt genommen hatte, empfand er das städtische treiben hier weniger bedrückend. Die Gebäude waren nicht ganz so erdrückend, der Himmel oft in diesen Frühlingstagen hellblau mit kleinen weißen Wölkchen, die ihn durch Muster verzierten, und die Menschen, denen er begegnete, wirkten nicht ganz so kaputt wie die in den Straßen seiner Heimat. Milan sprach mit wenigen, fühlten sich aber dennoch nicht so abgeschlossen von den Menschen wie auf Mallorca. Manchmal setzte er sich in ein kleines Straßenaffe an einen einzelnen Tisch. Kaff mit Milch hieß auch hier mittlerweile Latte Macchiato – aber er schmeckte gut. Als er das kleine Café des öfteren aufgesucht hatte, und der Kellner, den er hier immer antraf, mit den kleinen Floskeln, die sie jeden Tag wechselten begannen, fragte ihn dieser, ob er neu hier in Köln sei. Der Kellner war Anfang fünfzig, wirkte aber wesentlich jünger. Das ständige hantieren mit dem Geschirr, die Bewegung, die seine Arbeit mit sich brachte, sorgte dafür, dass der Körper kraftvoll wirkte. Milan setzte sich gerne hierher, weil er sie Frische, die dieser Mann jeden Vormittag von neuen ausstrahlte, genoss, sie mit all seinen Sinnen auf sog und an der Energie teilhaben konnte. Milan verneinte, er sei erst jetzt nach Köln gezogen. Jetzt war es soweit, dachte er, natürlich mussten die Momente kommen, in denen er sich wieder rechtfertigen musste. Um dem Gesprächsverlauf eine andere Wendung zu geben, um nicht gefragt zu werden, wo er herkomme und wohne, und was er in Köln mache, plapperte Milan, wie es nicht zu ihm passte, er es aber schon immer gut gekonnte hatte, einfach drauflos. Er erzählte, dass ihm die Stadt gut gefallen würde, dass es ein nettes Flair hier sei und man sich bestimmt wohlfühlen könne. Nach einigen Sätzen belangloses Geredes machte er nun endlich einen Punkt. Der Kellner schien ebenfalls von diesem Wortschwall dieses sonst so wortkargen Gastes überrascht worden zu sein. Er schien zu Milans Erleichterung bis auf wenigen Begrüßungssätzen nicht sehr viel von belanglosem Small Talk zu halten, erkundigte sich nach einer weiteren Bestellung und verließ dann Milans Tisch. Die nächsten Tage suchte Milan das Café nicht mehr auf. Er versuchte, wenn er Lust hatte sich etwas zu bestellen, dies immer woanders zu machen. Seine Scheu vor den Fragen der Menschen, vor der Rechtfertigung war nach wie vor geblieben, dachte er nach einige Wochen, als er nun viele der zu Fuß erreichbaren Cafés bereits besucht hatte und nun nicht mehr wusste, wohin er sich setzen sollte. Erneut sah er sich mit seiner, wie es die Psychologen immer fachlich korrekt ausgedrückt hatten, neurotischen Störung im gesellschaftlichen Umgang, konfrontiert. Immer hatte er versucht, den Psychologen zu erklären, dass es ihm nicht um die Angst vor dem Menschen im allgemeinen ginge, auch nicht die Angst vor Fremden, nein, ganz und gar nicht, es sei die Angst vor dem gesellschaftlichen System, in dem sich eben nun alle befinden und das ihm nicht zusagt, welches er so, wie es in dieser Form von allen gelebt wird, nicht seiner Einstellung, seiner Lebensweise entspricht und er sich fühlt, als wolle man ihm dieses System aufdrücken. Nie hat ein Psychologe dies so verstehen können, zu sehr steckte ein jeder von ihnen selbst in dem großen System der Gesellschaft, da allein ihr Ausbildungsweg bis hierher sie fest in die Maschen dieses Netzes eingebettet