Drachenkind. . . .

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Название Drachenkind
Автор произведения . . .
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783742760272



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der den kleinen Jungen an die Hand nahm und ein paar Schritte weg zog. Eine abgründige Welle des Zornes überrollte Eric, unwillkürlich machte er einen Schritt zurück, unterdrückte die drohende Verwandlung. Er verspürte ein heftiges Kribbeln in der Wirbelsäule und sah sich selbst, wie sein langer Drachenschwanz hell glühend Jans Herz durchbohrte, bevor er ihm langsam und genüsslich den Kopf abriss. Eric blinzelte, prüfte erschrocken und blitzschnell seinen Körper. Gut, keine Verwandlung. Jan lachte wieder, stand vor Jack und sah ihn gehässig an.

      »Okay, dann du zuerst. Mund auf!«

      Seine Freunde lachten, Jan streckte in einer einladenden Geste die Hand nach Jack aus, der sich keinen Zentimeter bewegte. Noch bevor Jan etwas tun oder sagen konnte, sagte Eric:

      »Jan, du begibst dich gerade in Lebensgefahr. Du musst aufhören. Stopp.«

      Eric hatte Mühe, sich im Griff zu halten. Er fühlte genau, was der Drache vorhatte, doch es stand im völligen Gegensatz zu dem, was seine menschliche Seite zulassen konnte. Was er wollte, was er sollte. Nicht dasselbe. Zu verschieden. Kein Kompromiss möglich aber eine Aktion jetzt sofort erforderlich. Mechanisch und schwer tobte der Konflikt in seinem Inneren, er sah die Lust des Drachen langsam dazukommen und erkannte jede mögliche Bewegung von Jan, welcher zweifelsfrei gleich versuchen würde, Jack mit schlechten Absichten zu berühren. Das würde nicht passieren. Auf gar keinen Fall. Es war nicht mehr wichtig, ob Jan nur spielte oder es ernst meinte. Die Idee reichte aus. Die Umstehenden schienen genau zu erkennen, dass mit Eric etwas nicht stimmte. Mit einem erstickten Klirren zerbrach eine Fliese unter Erics rechtem Fuß, obwohl er sich überhaupt nicht bewegte. Sein Blick war eine Mischung aus Furcht und klar erkennbarem Hass. Jack erkannte jetzt, was gerade passierte. Er ließ Jan einfach stehen, ging zu Eric und sah ihn prüfend an, ehe er meinte:

      »Jan. Bitte, hören auf. Genug. Wir gehen.«

      Doch Jan wollte nicht aufhören. Warum auch? Was konnte schon passieren?

      »Oooh, seht ihn euch an! Jetzt macht er ernst, der kleine Drache! Komm doch her, ich bin doch so allein, oder nicht? Halte den einsamen Jan davon ab, Jack sein großes Maul zu stopfen …«

      Jan machte einen schnellen Schritt auf Jack zu und griff nach dessen Haaren, doch er erreichte ihn nicht. Er erstarrte mitten in seiner Bewegung. Eric wandte sich an den kleinen Jungen, bevor er die Kontrolle verlor.

      »Schließ deine Augen.«

      Jan entfuhr ein leichtes Stöhnen, seine Freunde starrten ihn ratlos an, begriffen nicht, was passierte. Jans beachtliche Muskeln verkrampften, jede Ader unter seiner Haut trat langsam hervor, ein Gefäß in seinem linken Auge platzte und eine blutige Träne rann seine Wange herab. Jene Hand, welche er nach Jack ausgestreckt hatte, zuckte kurz, dann begannen sich nacheinander die Glieder seiner Finger zu verdrehen, angefangen bei den Fingerspitzen. Langsam und scheinbar behutsam, gleichmäßig und unaufhaltbar näherten sie sich dem Punkt, an welchem schließlich die Gelenke zu knacken begannen und ein Blinzeln später mit einem hässlichen Geräusch zerbrachen. Jan konnte nicht schreien, doch er spürte jede Sekunde, war bei vollem Bewusstsein. Die merkwürdige Kraft arbeitete sich seinen Arm entlang, zersplitterte die Unterarmknochen, überdehnte mit einem heftigen Ruck den Ellenbogen und faltete seinen Arm regelrecht gegen jeden Widerstand zusammen. Jeder konnte die unglaublichen Schmerzen in Jans Augen lesen, mit verzerrtem Gesicht stand er versteinert da, während sein Körper zerlegt wurde. Als eine Schulter ausgekugelt wurde und schließlich sein Kopf begann, sich langsam nach links zu drehen, erwachten seine Freunde zum Leben und jene, welche Jan nicht ins Gesicht schauen konnten, kamen wie in Trance etwas näher. Ein paar Anwesende riefen Eric Dinge zu, schrien ihn an, unter ihnen ein hoch gewachsener, kräftiger Junge aus Jans Gruppe.

      »Was tust du? Mann, was tust du? Hör auf! Eric! Shit … Helft ihm doch! Jan …!«

      Eric hörte sie nicht. Er stand mit einem kaum sichtbaren Lächeln einfach nur da und starrte Jan an, steuerte mit seinem Blick jene folternde Kraft, welche Jan gerade einen Zahn nach dem anderen aus dem Kiefer brach. In jeder Sekunde einen weiteren. Zwei Brüder, Jans engste Freunde und immer Teil seiner Gang, lösten sich schlagartig aus ihrer Starre und versuchten, Jans Kopf festzuhalten, der sich fortwährend und schleichend drehte und Jans Genick schon bald zerstören würde. Doch nichts half, es ging weiter. Mit einem leisen Knirschen verdrehte sich Jans rechtes Knie, laut zersplitterte das Schienbein, schließlich knickte der Fuß um und die Fußnägel wurden ihm gemein langsam von den Zehen gezerrt. Er begann, starr wie Stein seitlich zu kippen. Seine Freunde hielten ihn fest, überall bildeten sich dunkle Verfärbungen unter der hellen Haut, innere Blutungen, verursacht durch die Knochensplitter und Quetschungen.

      »Macht einen Witz.«, flüsterte Eric abwesend, während das Blut in dicken Strömen aus Jans Mund quoll und an seinem lebensgefährlich verletzten Körper hinunterlief, sein großes Badehandtuch tränkte und auf den Boden tropfte. Leise spritzte es den anderen auf die Füße und an die Beine. Jans Körper wollte husten, konnte aber nicht. Seine Lungen füllten sich langsam mit Blut. Sein Mund öffnete sich gemächlich etwas weiter, doch es war nicht er selbst, sondern jene mörderische Kraft, welche die Kiefer auseinandertrieb. Immer weiter, bis der Unterkiefer schließlich aus dem Gelenk sprang und sich Risse von den Mundwinkeln aus über Jans Wangen zogen und seine gesamte blutige Zunge zum Vorschein kam. Ein gurgelnder, klagender Ton kam heraus.

      »Wie bitte? Nein, Jan. Mach einen Witz.«

      In Erics Stimme war etwas Kaltes und Forderndes. Jan blickte nun starr zur Seite, von Eric weg, sein Kopf drehte sich weiter und sein Nacken wirkte merkwürdig verbeult. Er hätte so nicht einmal mehr atmen können, wenn er nicht erstarrt und gelähmt gewesen wäre. Die Halswirbel waren deutlich unter der gespannten Haut zu sehen. Eine Rippe knackte laut, bohrte sich durch die Haut und stach eine Handbreit aus seiner Brust hervor. Ein dünner Strahl hellen Blutes blubberte hervor. Offensichtlich hatte die Rippe Jans Lunge verletzt.

      »Mach einen Witz!«, brüllte Eric so laut, dass jeder im Raum zusammenfuhr.

      Plötzlich ließ die Spannung in Jans Körper nach, hustend und Blut spuckend sank er wie ein Sack Kartoffeln in sich zusammen, fiel einfach schlapp auf den Boden, dürftig aufgefangen von seinen zwei Vertrauten. Es war ein hässlicher Anblick. Eric stieß sie beiseite, sie wehrten sich nicht. Er stellte sich über Jan, packte ihn am gebrochenen Kiefer und starrte ihm in die Augen. Jemand erbrach in eines der Waschbecken.

      »Das war lustig. Nicht wahr? So lustig. So niedlich. Du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich dich jetzt töten will, wie gern ich dir dein reinrassiges Fleisch von den Rippen reißen würde. Du hast keine Ahnung.«

      Eric ging mit dem Mund ganz dicht an Jans blutverschmierte Kehle, spürte die Zunge und Zähne des Drachen, atmete den frischen Geruch tief ein und fühlte das bebende Pulsieren von Jans Halsschlagadern in der Nase.

      »Aber ich kann nicht. Er lässt mich nicht. Sei dankbar.«

      Eric erwachte schlagartig aus seinem Blackout, erfasste blitzschnell die Situation und blickte flüchtig zurück zu der Stelle, wo er zuletzt gestanden hatte. Als ihm annähernd klarwurde, was er gerade tat, blieb ihm beinahe das Herz stehen. Er sah sich um. Einigen standen die Tränen in den Augen, andere fühlten sich hin- und hergerissen zwischen Faszination, Genugtuung und Panik. Eric roch frischen Urin, jemand hatte die Kontrolle verloren. Außer Haku und Jack sah ihn niemand direkt an, es war totenstill, kaum drei Minuten waren vergangen. Mit einem Mal drang Jacks Stimme zu ihm durch, er schrie Eric an und befahl ihm, aufzuhören. Eric wandte sich Jan zu, der mittlerweile verstummt war. Seine Augen waren verdreht, er war bewusstlos. Er würde sterben.

      Eric spürte den Drachen in sich, erregt und ganz bei der Sache. Er fühlte den brennenden Hunger, schmeckte den Geruch von Jans Blut, metallisch, warm und betörend. Plötzlich geriet das Blut auf dem Boden in Bewegung, Jans Körper ebenfalls. Hunderte zersplitterter Knochen und Gelenke im zerstörten und verfärbten Körper setzten sich wieder zusammen, wie kleine Steinchen rollten die ausgerissenen Zähne über die Fliesen und sprangen zurück an ihren Platz, bohrten und keilten sich ruckartig in die Kiefer, ehe diese sich zügig regenerierten und die kraterartigen Bruchstellen verheilten. Muskelgewebe und Haut erholten sich, Nervenfasern wuchsen wieder zusammen. Fast alles vom vielen verlorenen Blut floss in haarfeinen Strömen