Название | Das Familiengeheimnis |
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Автор произведения | Peter Beuthner |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738093650 |
Dahingegen wurde die Entwicklung von einzelnen Komponenten des Gesamtsystems nach vorgegebener Spezifikation nicht selten an Externe – andere Firmen oder selbständige „Heim-Arbeiter“ – unterbeauftragt, gegebenenfalls auch die Fertigung, soweit diese überhaupt noch manuell erfolgte. In den Produktionsstätten waren nämlich fast ausnahmslos Roboter und softwaregesteuerte 3D-Drucker eingesetzt, was zu einer phantastischen Produktivitätssteigerung geführt hatte, denn die Roboter waren per se fleißig, präzise und – wenn nötig – rund um die Uhr im Einsatz. Sie benötigten lediglich etwas Energie, die ihnen üblicherweise durch in den letzten Jahren dank eines erheblich gesteigerten Wirkungsgrades sehr viel effizientere Solartechnik zugeführt wurde. So benötigte man selbst in größeren Produktionsstätten im allgemeinen nur noch ein bis zwei Personen für die Aufgabenprogrammierung der Roboter und deren Ausführungsüberwachung.
Zur stark angewachsenen Gruppe der Selbständigen zählten unter anderen auch alle sogenannten „Heim-Arbeiter“. Im Grunde waren es ausgelagerte Arbeitsplätze der großen Firmen, deren vormalige Angestellte sich in Anpassung an die neuen Gegebenheiten verselbständigt hatten. Dabei handelte es sich zum Teil um hochspezialisierte Fachkräfte, die als freie Mitarbeiter in enger Bindung zu einem bestimmten Auftraggeber immer wieder ganz bestimmte Projektaufgaben übernahmen und diese zu dessen Zufriedenheit erledigten, so daß sich hier sehr häufig ein längerfristiges vertrauensvolles Zusammenarbeitsverhältnis herausbildete. Zum größeren Teil aber handelte es sich um Selbständige, die ihr Können und ihre Arbeitsleistung im Sinne einer „verlängerten Werkbank“ oder auch bestimmte Dienstleistungen an alle möglichen Interessenten auf dem freien Arbeitsmarkt anboten, sich mit ihren Fähigkeiten also selbst vermarkteten.
Feste Wochenarbeitszeiten gab es bis auf wenige Ausnahmen, besonders in den sogenannten Präsenz-Berufen, nicht mehr. Das war möglich geworden, weil die Gehälter nicht mehr nach Zeitaufwand, sondern grundsätzlich nach Leistung gezahlt wurden. Dies wiederum war nur möglich, sofern jede zu erbringende Leistung vorher klar definiert und hinsichtlich ihres „Wertes“ abgeschätzt worden ist. Und genau das war gängige Praxis geworden, denn die Vorteile dieses reinen Leistungsprinzips gegenüber dem früheren „Beschäftigungsprinzip“, bei dem häufig mangels Auslastung oder aufgrund von Fehlbeschäftigung sehr viel „Totzeiten“ entstanden beziehungsweise „Blindleistung“ erzeugt wurde und dadurch jede Menge Ineffizienz herrschte, waren unbestreitbar groß. Die Beschäftigten im Angestelltenverhältnis bekamen – genau wie die Selbständigen – von ihrem Auftraggeber klare, von Aufwand und Komplexität her überschaubare Aufgabenstellungen mit definierten Vorgaben zur Lieferung, Form und Qualität des Ergebnisses. Die eigentliche Arbeitszeit spielte dabei überhaupt keine Rolle mehr, der betreffende Bearbeiter konnte so viel oder so wenig Zeit investieren wie er wollte beziehungsweise brauchte, und er konnte sich auch die Zeit einteilen wie er wollte, er mußte lediglich zum vereinbarten Zeitpunkt sein Ergebnis in der erwarteten Qualität abliefern.
Die Durchsetzung des Leistungsprinzips und die Automatisierung der Produktion mittels Robotern als treibende Faktoren hatten die Arbeitswelt total verändert. Es waren sehr viele kleine bis mittelgroße Unternehmen entstanden, und es gab ein „Heer“ von Selbständigen, die sich ihre Aufträge auf dem virtuellen Arbeitsmarkt, einer Homepage im WorldNet, suchten. In vielen Berufen konnte die Arbeit zu Hause – häufig am Computer, der über das WorldNet via verschlüsselter Datenübertragung mit der Firma verbunden war – erledigt werden. In die Firma ging man nur gelegentlich, zu vereinbarten Zeiten, um die Aufgabenstellung gründlich durchzusprechen, um beispielsweise mit den „Kollegen“ notwendige Abstimmungen vorzunehmen, oder zu bestimmten Anlässen, aber auch um die für die Zusammenarbeit wichtigen persönlichen Kontakte zu pflegen. Diese Entwicklung war nicht zuletzt auch durch die weite Verbreitung und umfangreiche Nutzung von Computern in Verbindung mit der gesicherten Informationsübertragung über inzwischen sehr leistungsfähige Kommunikationsnetzwerke unterstützt worden. Und sie hatte nicht nur im industriellen Bereich Platz gegriffen, sondern in allen Arbeitsbereichen, auch bei den Behörden, wo inzwischen sehr viele Aufgaben von Heim-Arbeitsplätzen aus durchgeführt wurden, denn die meisten Behördenanfragen kamen seit langer Zeit ohnehin übers WorldNet.
Sehr vorteilhaft wirkte sich dieser Wandel auch auf das Verkehrsaufkommen aus, das
dadurch in Summe deutlich reduziert und zeitlich besser verteilt wurde, so daß selbst die sogenannte Rush hour damit ihren Schrecken verlor. Denn auch die immer noch notwendigen Zusammentreffen – neben den weitverbreiteten Konferenzschaltungen mit Videoübertragung – verteilten sich jetzt besser über den Tag.
Bei den sogenannten Call- und Präsenz-Berufen – dazu zählten all jene, bei denen der Betreffende während einer bestimmten, vereinbarten Zeit entweder in Abrufbereitschaft oder sogar am Ort seiner Tätigkeit präsent sein mußte, also zum Beispiel alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie Polizei, Feuerwehr, Not- und Rettungsdienste, aber auch Ärzte und Pfleger, Wach- und Schutzdienste, in der Aus- und Weiterbildung und ähnliches – verhielt sich das natürlich etwas anders. Aber auch dort hatte sich das Leistungsprinzip zu einem gewissen Grade durchgesetzt. Alle in diesen Berufsgruppen Tätigen hatten, wenn sie nicht selbständig waren, jeweils zeitlich begrenzte Verträge mit einem für diese Zeit festen Grundgehalt – einfach für ihre Anwesenheit. Ihre Tätigkeit während dieser Zeit wurde dann entsprechend der zugeordneten Wertigkeit extra honoriert. Nach Ablauf des Zeitvertrages konnte dieser verlängert werden oder auch nicht, je nach Bedarf und individueller Bewährung.
Die meisten Schwierigkeiten mit diesem gesellschaftlichen Wandel hatten wohl die Gewerkschaften, und von dort kamen auch die größten Widerstände, denn sie fürchteten ernsthaft und nicht ganz unbegründet um ihre Existenzberechtigung. Welche Rolle sollten sie noch spielen, wenn die weitaus größte Mehrzahl aller Berufstätigen faktisch eigenständige Unternehmer waren, die sich selbständig ihre Arbeit suchten und auch ihre Interessen selbst vertraten?
Aber gerade darin erkannte man schließlich die neue, freilich völlig andersartige Aufgabe der Gewerkschaften, die insofern eine große Herausforderung für sie darstellte. Sie mußten umdenken. Es gab nicht mehr die großen, durch klare Fronten getrennten Blöcke – die Gruppe der Arbeitnehmer auf der einen Seite, deren Interessen man gegen die Forderungen der Arbeitgeber auf der anderen Seite vertreten mußte. Diese Fronten hatten sich praktisch aufgelöst. Jeder konnte Arbeitnehmer und Arbeitgeber zugleich sein, und viele waren in dieser Doppelfunktion tätig. Aber mit der konsequenten Einführung des Leistungsprinzips entstanden auch ganz neue Aufgaben. So erkannte man ziemlich bald die Notwendigkeit, die Auftragsvergabe generell einer Art Qualitätskontrolle zu unterziehen, um der Willkür, der Übervorteilung und dem Mißbrauch nicht Tür und Tor zu öffnen. Und für den Fall, daß doch ein solcher Verdacht entstand, mußte es eine Schiedsstelle geben, an die sich jeder wenden konnte, um eine Klärung aus neutraler Sicht herbeizuführen. Ein solcher Fall war beispielsweise gegeben, wenn der „Wert“ eines Auftrags vom Auftraggeber zu gering eingeschätzt und demzufolge unterbezahlt erschien, oder umgekehrt, wenn ein Auftragnehmer seine Leistung zu Dumpingpreisen anbot, um Mitbewerber auszuschalten. Der Aufwand für ein bestimmtes, zu vergebendes Arbeitspaket – und damit der Auftragswert – mußte jederzeit einer Überprüfung durch die Schiedsstelle standhalten können. Diese Kontroll- und Schiedsfunktion als neutrale Instanz übernahm jetzt die Gewerkschaft. Klar, daß sie sich völlig neu orientieren und die neue Rolle und die damit verbundenen Aufgaben selbst erst lernen mußte. Vor allem mußte sie auch über die notwendigen Fachleute in ihren Reihen verfügen, um die erforderliche