Название | Das Familiengeheimnis |
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Автор произведения | Peter Beuthner |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783738093650 |
„Können Sie mir Beispiele nennen?“
„Sicher. Diese transgenen Organismen übernehmen heute schon zahlreiche Aufgaben für uns, die von den uns bekannten natürlichen Organismen nicht geleistet werden können. So finden diese maßgeschneiderten Bakterien – wir bezeichnen sie auch als Mikromaschinen, übrigens wieder ein Begriff aus der Technik – vielfältige Anwendungen in der Lebensmitteltechnik, der Pharmazeutik, der medizinischen Diagnostik und Therapie, der Informationsverarbeitung, der Herstellung von Nanomaterialien, der Energieerzeugung und vielem anderen mehr. Zwei andere habe ich eingangs schon erwähnt. Denken Sie nur daran, daß bereits die ganze Erdölindustrie durch biologische Produktionsverfahren ersetzt wurde. Heute werden umweltfreundliche Energieträger von synthetisierten Supermikroben aus Kohlendioxid, Wasser und Licht produziert, Biosprit aus Fettsäuren, Bioethanol aus Ernterückständen, Holz oder Stroh – und nicht mehr, wie früher, aus Maisstärke oder aus Zuckerrohr. Damit steht der Prozeß nicht mehr in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion, was angesichts der weltweiten Verknappung und Verteuerung von Grundnahrungsmitteln in Verruf gekommen war. Sie lösen also eine Reihe unserer Energieprobleme. Die chemische Industrie hat mittels gentechnisch optimierter Mikroorganismen Verfahren zur effizienteren und umweltfreundlicheren Massenproduktion von Chemikalien, Medikamenten und komplexen Wirkstoffträgersystemen, Glukose, Zitronensäure, Aminosäuren, Bioethanol, biologisch abbaubaren Kunststoffen und vieles andere mehr aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelt. Von besonderer Bedeutung sind auch die speziell für den Abbau von toxischen Abfällen sowie für die Sanierung chemisch belasteter Böden entwickelten Bakterienkulturen, die an vielen Stellen der Welt in großen Mengen ihre wertvolle Arbeit vollbringen. Gerade für eine Massenproduktion in Größenordnungen von mehreren Millionen Tonnen pro Jahr kommt es auf solche Faktoren wie ‚umweltfreundlich‘, ‚effektiv‘ und ‚preiswert‘ ganz besonders an. Aufgrund dieser Verfahren sprechen wir auch schon mal von der ‚Biologisierung der chemischen Industrie’. Weitere Anwendungen finden Sie im Bereich der Sensorik, wo biosynthetisch optimierte Bakterien als kostengünstige und hochempfindliche Sensoren zum zuverlässigen Aufspüren von Gift- und Schadstoffen eingesetzt werden. Die bakteriellen Sensoren zeichnen sich insbesondere dadurch aus, daß sie nicht nur die Art des Stoffes, also zum Beispiel Arsen, Benzol, Toluol, polychloriertes Biphenyl oder auch Ölrückstände im Meerwasser, identifizieren, sondern auch deren Toxizität und Intensität beziehungsweise Dosis. Ähnlich wie bei der schon erwähnten TNT-Detektion wird auch hier das Ergebnis durch Aufleuchten des Bakteriums angezeigt. Und auch hier ist mit zunehmender Konzentration des nachzuweisenden Stoffes der Biolumineszenz-Effekt umso stärker ausgeprägt.
Abschließend will ich noch einen anderen wichtigen Aspekt erwähnen: Den Einsatz von Mikroorganismen unter extremen Umweltbedingungen. Dazu muß man wissen, daß es Bakterien und andere Einzeller gibt – sogenannte Extremophile –, deren Enzyme und Membranen optimal an bestimmte extreme Umweltbedingungen angepaßt sind, je nachdem, wo sie leben – in Salzseen, Laugen, Säuren, in kochenden vulkanischen Quellen, unter dem Gefrierpunkt, unter extremem Druck in der Tiefsee, unter radioaktiver Strahlung. Überall gibt es angepaßtes Leben. Und gerade diese Eigenschaften machen sie für biotechnische Anwendungen besonders interessant, weil sie die Effektivität und die Effizienz chemischer Produktionsprozesse deutlich verbessern können. Deshalb hat man im Laufe der Jahre überall in solchen unwirtlichen Lebensräumen existierende Mikroorganismen eingesammelt, im Labor hinsichtlich ihrer Eignung für diverse Industrieprozesse analysiert und alle brauchbaren in der einen oder anderen angesprochenen Weise weiter gezüchtet. Sie finden heute Anwendung in zahllosen Prozessen. Aber es würde viel zu weit führen, darauf hier noch näher einzugehen. Ich denke, ich habe Ihnen ausreichend viele Beispiele aufgezeigt.“
„Ja, das war ein sehr interessanter Schnelldurchgang durch die Synthetische Biologie und ihre Potentiale, Herr Professor Li. Ich danke Ihnen sehr für diese Ausführungen.“
„Aber, ich bitte Sie. Das mache ich doch gern. Und es war ja nur ein sehr bescheidener, kleiner Einblick in das sehr umfassende Arbeitsgebiet.“
„Wenn Sie erlauben, dann würde ich doch gern noch einen anderen Punkt ansprechen.“
„Selbstverständlich! Bitte, gern.“
„Birgt diese Technologie nicht doch auch erhebliche Risiken in sich? Ich meine, wenn Sie die Mikroorganismen in beliebig programmierbare Biomaschinen für allerlei Einsatzzwecke und Anwendungen verwandeln, dann könnte doch damit auch eine ganze Menge Unfug angestellt werden. Die Gefahr eines Mißbrauchs dieser Technologie scheint mir nicht unerheblich.“
„Damit sprechen Sie die Kehrseite der Medaille an, ja, womit wir wieder beim Thema ‚Fortschritt oder Fortschrittsverhinderung’ wären. Bisher haben wir nur über die positiven Möglichkeiten und Anwendungen der Synthetischen Biologie gesprochen. Aber wie so oft im Leben, kann jede neue Errungenschaft auch mißbräuchlich genutzt werden, leider. . . . Nur, nochmal: Sollten wir deshalb auf jeden technologischen Fortschritt verzichten? . . . Nein, das kann meines Erachtens nicht die richtige Antwort sein. Die richtige Antwort muß vielmehr lauten: Wir tun alles, und zwar frühzeitig, begleitend zu den Forschungsarbeiten, um uns der Risiken und Gefahrenpotentiale sehr bewußt zu werden und geeignete Strategien, Schutz- und Abwehrmaßnahmen zu entwickeln, mit denen Mißbrauch und Fehlentwicklungen möglichst von vornherein ausgeschlossen werden können.“
„Was aber leider nicht immer so gelingt?“
„Zugegeben. Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht.“
„Wie damals? Die tödliche Infektionsepidemie mit Designerbakterien in den zwanziger Jahren, glaube ich?! Die Tausende unschuldiger Menschen dahingerafft hat?!“
„Das war ein sehr bedauerlicher Zwischenfall, ja, aber ein Einzelfall. Ein durchgeknallter Wissenschaftler, der die amerikanische Regierung um ein paar Millionen Dollar erpressen wollte. Wenigstens hat auch der mit seinem Leben bezahlt.“
„Einzelfall? Soweit ich mich erinnere, haben doch auch mal Terroristen Designerbakterien als biologische Waffe gegen die USA und Israel eingesetzt. War das nicht auch in den zwanziger Jahren? Oder sogar schon früher?“
„Das ist richtig. Da war mal ein Übergriff mit vielen Toten. Aber wann das genau war, erinnere ich jetzt auch nicht mehr. Allerdings war auch das nur ein Einzelfall, so bedauerlich freilich jeder einzelne Fall ist.“
„Sie sprechen immer nur von Einzelfällen?“
„Man darf nicht alles in einen Topf werfen. Jeder Fall ist anders, hat andere Motivation, Ausführung und Auswirkung. Dementsprechend sind jeweils andere Präventions-, Schutz- und Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Die Lehren aus den angesprochenen Fällen sind sehr schnell gezogen worden und haben immerhin dazu geführt, daß keine Nachahmeraktionen stattfanden.“
„Was den Betroffenen der ersten Fälle aber auch nicht mehr geholfen hat.“
„Das ist in der Tat sehr bedauerlich, ja.“
„Ich denke, es muß sich ja nicht unbedingt immer um einen bewußten Mißbrauch, eine absichtlich herbeigeführte Bedrohung handeln. Es passieren ja auch immer wieder Unglücksfälle. Auch dadurch könnten große Gefahren für die Umwelt, für die Bevölkerung und deren Gesundheit ausgehen. Und wie stellen Sie überhaupt sicher, daß uns die Designermikroben nicht irgendwann über den Kopf wachsen, daß wir sie schlicht und einfach nicht beherrschen?“
„Selbstverständlich differenzieren wir hier – genau wie Sie im technischen Bereich – zwischen Safety und Security, also zwischen unbeabsichtigten Unfällen und fehlerhaftem Handeln einerseits sowie absichtlichem Mißbrauch andererseits. So wird schon