Название | Im Schatten der Corona |
---|---|
Автор произведения | Agnes Schuster |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783753175829 |
6. Kapitel
Keine Frau hat es leicht auf der Welt gegenüber der langandauernden verfestigten felsigen Männerherrschaft, dem Patriarchat, auch jetzt noch nicht. So war es vermutlich schon zu Beginn der Menschheit und so ist es noch weiterhin, dachte Elli, nichts hat sich geändert, außer einigen minimalen Kleinigkeiten vielleicht, die man der nun ungefähr 100-jährigen Frauen-Emanzipationsbewegung zuschreibt. Das Recht des Stärkeren herrschte schon immer und gegenwärtig auch noch, dies ist gewiss.
Für wen lebe ich eigentlich?, reflektierte Elli. Leider habe ich keine Kinder. Auch mein Stamm wird aussterben. Wie schade doch; meine Kinder, wenn ich sie gehabt hätte, wären jetzt erwachsen und täten mir gewiss zur Seite stehen. Oder Jupp beeinflusste sie zu seinen Gunsten durch teuflische Suggestion und Manipulation und zöge sie so auf seine Seite; indem er ihnen weismachen würde, ich, ihre Mutter, litte an potentieller Paranoia, hätte also bloß Wahnvorstellungen und meine diversen Anklagen wider ihn seien Humbug, Lug und Trug. „Glaubt ihr nicht, Kinder“, würde er vielleicht gesagt haben, sie macht euch bloß etwas vor!“ So ungefähr wäre es vielleicht abgelaufen, falls wir Kinder gehabt hätten. Er würde ihnen Misstrauen eingeflößt und sie von ihrer Mutter ferngehalten haben. Ich muss mich so schnell wie nur möglich aus seinem Hause, seinem Dunstkreis entfernen und darf nichts mehr verschleppen, dachte sie. Was nützen mir Haus und hauseigener Park bei meinem Elend? Ich werde von Tag zu Tag noch schwermütiger, trauriger und depressiver als ich sowieso schon bin. Eigentlich müsste ich weiterhin zu meinem Psychoanalytiker gehen, dem lieben Menschen, dem ich all mein Hundeelend schon dutzendmal geklagt habe, aber der es jedesmal auch auf Paranoia schob, was mir letzten Endes auch keine Hilfe bot bei der häuslichen Gewalt meines Mannes. Außerdem ärgerte mich seine Einstellung außerordentlich. Sonst allerdings tat mir der liebe Therapeut gut, denn ich konnte ihm wenigstens mein Elend schildern und er hörte zu, dies bedeutete mir auch schon eine kleine Hilfe. Einmal sagte er zu mir: „Sie muss man so sehr lieben, Frau Kappel!“, worüber ich mich natürlich sehr freute.
Aber leider, wie schon erwähnt, glaubt auch er, ebenfalls ein Logiker wie Jupp, nur an seine wissenschaftlichen Wahnvorstellungen, seinen Expertisen, die er im Studium wohl begierig als das Übel aller Übel aufgesogen hat, und nicht an reelle böse Einwirkungen durch Ehepartner. Ein gebildeter Akademiker wie Jupp es ist, tut so etwas von Haus aus nicht, glaubt der logisch gebildete Therapeut. Auch er geht von einer falschen Tatsache, einer Fehldiagnose aus, was ich ihm übel nehme. Ich sollte ihn darum vernünftiger Weise aus Frust nicht mehr konsultieren. Deswegen hat wohl meine Therapie bis heute keinen bedeutenden, geschweige denn, absoluten Erfolg und ich leide weiterhin an Depressionen und seelischen Irritationen. Mein Mann wird mit einer Scheidung freilich nicht einverstanden sein, rechne ich mir vor, dachte Elli, allerdings werde ich sie nach und nach durchsetzen müssen und auch können, denn ich bin während meiner langjährigen Ehe bis heute viele Male bedroht und misshandelt worden auf niederträchtigster Art und Weise, was Fakt ist. Ich habe ausgesprochenes Pech gehabt mit ihm, großes Pech! Und das, obschon er für mich vorher, am Anfang unserer Bekanntschaft mein Wunschmann gewesen war. Keinen andern wollte ich haben, ich lehnte alle andern Freier ab, wies sie ungehalten zurück, indem ich ihnen sagte: „Ich bin verlobt!“
Sie lag gerade im Bett und dachte angestrengt und lange intensiv darüber nach, wie sie die Scheidung einfädeln, einleiten und anpacken sollte, im Bewusstsein, nach der Trennung würde sich alles Vorherige auf einen Schlag bessern und in Luft auflösen. Sie glaubte fest daran, sie würde wirklich ein ganz neues optimistisches und optimales Leben beginnen und den niederschmetternden Pessimismus ablegen können, der sie schon lange begleitet hatte. Ob Doris und sie überhaupt dann Wohnungen nebeneinander fänden, dies sei dahingestellt, zumindest fraglich, aber doch sehr wünschenswert. Sie hörte vom großen Wohnungsmangel in der Großstadt. Außerdem ist jetzt während der Corona-Krise und der Quarantäne wahrscheinlich kaum ein Vermieter bereit, Wohnungen zu vermieten, dachte sie. Nur unter schwierigsten Umständen und Bedingungen könnte dergleichen stattfinden und abgewickelt werden, vermutete sie. Abwarten und Tee trinken also.
Die strenge Quarantäne machte besonders Jupp arg zu schaffen. Aber was blieb dem unruhigen, cholerisch aufbrausenden Geist auch anderes übrig als sich der desolaten Lage anzupassen. Reisen zu unternehmen war untersagt und wurde darum unmöglich gemacht. So blieb er notgedrungen im Haus, ging beinahe täglich im hauseigenen kleinen Park spazieren, vor sich hin brummend und murrend, rappelte sich plötzlich auf und setzte kleine Birkensetzlinge ein, pflegte den Obstgarten, denn auch der Gärtner tauchte auf einmal nicht mehr auf und blieb zuhause. Aber meistens flegelte Jupp auf dem Sofa herum und ließ sich von Elli, der guten Haut, die zwar innerlich aber nie nach außen hin widerspenstig oder ungehalten ihm gegenüber wurde, verwöhnen, sah stundenlang fern oder las in einem Fachbuch und machte sich Notizen für seine nächste digitale Vorlesung fürs Sommersemester. Elli jedoch vollführte niedrige Arbeiten wie eine frühere Dienstmagd alter Zeiten, wie Aschenbrödel, fuhr zum Einkaufen, trug die sortierten Abfälle zum Komposthaufen und zu den Abfalltonnen, bediente Jupp hinten und vorne, der es von Kind auf gewohnt war, überall bedient zu werden, beispielsweise, wenn er am Nachmittag auf der Couch lag, rief er laut durchs Haus wie ein verwöhntes, ungezogenes Kind und fast im weinerlichen Tonfall: „Bringe mir schnell Kaffee und Kuchen! Du lässt mich ja verhungern!“ Elli musste sofort aufspringen, ihre Übersetzungsarbeit unterbrechen und Jupp bedienen wie einen Pflegefall. „Wenn ich mich nicht melden würde, tätest du