Название | Die Wölfe von Pripyat |
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Автор произведения | Cordula Simon |
Жанр | Языкознание |
Серия | |
Издательство | Языкознание |
Год выпуска | 0 |
isbn | 9783701746774 |
»Zum Konsul geht man nicht, an die Konsulsabteilung lässt man eine Lognotiz schicken«, erwiderte Emma. Sie dachte an die Reden des Konsuls, die einmal in der Woche über die Bildflächen flimmerten, ausgestrahlt vom Aufrichtigen Äther. Ein bärtiger Mann, der immer gleich aussah, eine sonore Stimme hatte. Der Konsul, der versprach, in jeder Situation zu helfen, der versprach, jedem zur Seite zu stehen, der Hilfe brauchte, der versprach, in dieser digitalen Welt die Rechte und Freiheiten jedes Einzelnen zu wahren und zu verteidigen. Der Konsul, der der Union Freiheit und Friede geschenkt hatte, Gerechtigkeit und eine stets ruhige Stimme, die einem zur Seite stand. Fast wäre er Präsident geworden, doch lieber hörte er den Menschen zu. Jeder Broadcast begann und endete mit den Worten »Das Licht der Aufklärung leuchte uns«. Er war die Stütze der Toleranzunion und damit eine Stütze der Gleichheit. Am Ende erschien die Kontaktinformation. Physische Adresse gab es keine. »Hier gibt es kein Signal«, entgegnete Potz bestimmt, »ohne Log kein Schicken von Anfragen, also gehen wir hin.« Die anderen beiden nickten wieder. »Wieso gibt es hier kein Signal? Der Log hat doch laut Statistik neunundneunzigkommaachtneun Prozent Verbindungsabdeckung«, fragte Emma.
»Dummes Emmchen. Natürlich hat er das. Gemessen an der Bevölkerungsdichte. Nicht gemessen an der Fläche. Hier lebt niemand. Das Lager ist an der Peripherie der Union. Danach kommt ein großer Ring an Funklosigkeit und am anderen Ende die Goldene Stadt, die weder zur Union noch zum Goldenen Reich gehört. An der Grenze der Union, ja? Ich habe da jemanden, der helfen kann, den Konsul zu finden, dort gehen wir hin. Alles klar?«, erklärte Potz, als hätte er wirklich einen Plan. »Grenze sagt man nicht«, murmelte sie. »Getriggert!«, rief Potz. Als sei das Ganze lustig. Der Konsul war da, um zu helfen. Der Konsul beantwortete alle Bitten und Anfragen an den Log, an die Union, an das Wetter. Vielleicht hatte Potz recht und der Konsul würde alles einfach ungeschehen machen, wegpusten, als sei nie etwas gewesen. Der übliche Weg war, dem Log eine Nachricht zu schicken.
»Aber wenn die Goldene Stadt nicht im Gebiet der Union liegt, warum soll dann der Konsul dort sein?«, fragte Emma nun.
»Wer sagt, dass er dort ist? Aber in der Goldenen Stadt ist jemand, der weiß, wo der Konsul ist, deswegen gehen wir da hin«, erklärte Potz.
»Warum verlassen wir nicht einfach das Funkloch und rufen ihn an?«
»Weil man uns dann zum einen sofort ortet und zum anderen müssen wir ihn für unser spezielles Anliegen persönlich sprechen.«
»Unser spezielles Anliegen?«, fragte Emma, doch Potz antwortete nicht mehr. Gruber redete immer noch von der Goldenen Stadt, und Jackie nickte dazu eifrig: »Die asiatischen Freunde sind alle gone dark, gone dark, gone dark. Haben sich gelöscht.« Jackie zückte einen Taschenspiegel, machte einen Kussmund, fotografierte sich damit.
»Die braucht auch ein Update«, nuschelte Potz in Emmas Richtung. Laut sagte er: »Alles wird gut, sofern wir nicht vom Blitz getroffen werden.« Und er lachte in Richtung Gruber und Jackie, die für Emma wieder wie zwei tanzende Skelette aussahen. Mit schwarzen Umrissen und blassen Knochen, wie Cartoon-Figuren, in die der Blitz einschlägt.
12Die Wälder von Pripyat
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Aus dem Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Die Wälder von Pripyat: Versinken in real touch und alles loslassen ist: … VIRTUALI!
Sandors Zunge fühlte sich pelzig an. Er drehte sich auf den Bauch, seine Hand streifte den Teppich neben dem Sofa. So wie dieser Teppich war seine Zunge. Ihm war übel, der Kaffeeautomat war laut, und er konnte sich selbst in weiter Ferne stöhnen hören. Langsam richtete er sich auf. Was für ein kurioser Abend, dachte er. Kata setzte sich neben ihn und strafte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. Was hatte er getan?
»Was habe ich getan?«, fragte er, und Kata antwortete: »Als ob du das nicht wüsstest.« Er griff nach ihrer Hand, spürte dabei, wie kalt die eigene war. Wärme, dachte er, doch sie zog ihre Hand zurück, schaltete den Bildschirm ein. Da war eine Aufzeichnung der Party. Er sah Trashalong, die ihn zurechtwies. Er fühlte sich unwohl neben ihr und auf dem Video konnte man es sehen. Sie wirkte stets, als sei sie auf dem Kriegspfad, egal ob sie sprach oder nur dasaß. Dann sah er die Wirkung des Reiskorns, wie er nach einer Frau namens Eleonora schrie, und er sah die Marmorsäulen wieder deutlich vor sich. Im Rest des Videos konnte man immer wieder sehen, dass er den ganzen Abend damit zubrachte, über eine Singularität zu sprechen, und dass er versucht hatte, einen Zusammenhang zwischen dieser Singularität und einer Gerichtsverhandlung herbeizuzerren. Zwischendurch wütende Tiraden auf jene Eleonora. Dunkel dämmerte etwas in ihm. Er wusste doch gar nichts über diese Verhandlung, doch er wusste alles über diese Verhandlung. Dieses Reiskorn – er hatte sich gar nicht gefühlt wie er selbst. Als gehörte er nicht in diesen Körper. Warum war Kata böse auf ihn? »Warum bist du böse auf mich?«
»Ich bin nicht böse«, sagte sie, während ihr Gesichtsausdruck sagte: Sehr wohl bin ich böse. Sie nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Er griff wieder nach ihrer Hand, sie zog sie weg: »Monatelang erzähle ich dir etwas über den Fall und über Morphologie und du hörst nicht zu und jetzt weißt du alles besser? Ich bin nicht böse. Ich bin enttäuscht. Jedenfalls werde ich jetzt Lyrie abholen, sie wird in einer halben Stunde am Terminal sein«, dann fügte sie vorwurfsvoll hinzu: »Du wusstest, dass sie heute kommt, nicht?« Er ließ sich auf das Sofa zurückfallen. »Morphologische Freiheit ist wichtig«, sagte Kata. Er hatte sie diesen Satz oft sagen hören. Er brummte.
Sie redete weiter: »Jeder Mensch soll die Ersatzteile und Erweiterungen haben dürfen, die seinem jeweiligen Körper passen. Darum geht es. Nicht um irgendetwas, was uns unmenschlich oder übermenschlich macht. Um das Menschsein geht es. Die Auflösung persönlichkeitsbeschränkender Rollen und Ungleichheiten. Um die Menschlichkeit und damit um die Menschheit selbst.« Er brummte wieder, Kata wertete dies wohl als Zustimmung, stand auf, stellte ihm ein Glas Saft hin, strafte ihn nochmals mit Blicken. Sandor schloss die Augen und konnte hören, wie sie die Wohnung verließ.
Seine Hand zitterte und er brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass es der Log war. Er versuchte es zu ignorieren. Dabei hatte Kata ihm doch gesagt, dass es nur am Anfang mühsam wäre. Ständig wollte der Log Genehmigungen zu Standardeinstellungen und bot auch an, alle Zugriffe zu erlauben. Sandor konnte nicht einfach »Ja« sagen, er wollte sie alle einzeln lesen, hatte aber gerade keine Lust, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Er griff nach dem Saft und schlurfte durch das Wohnzimmer. Was sollte er tun mit dem angebrochenen Tag und dem schweren Kopf? Er konnte sich an kein Wochenende erinnern, an dem er sich so leer und erschöpft gefühlt hatte. Die Hand vibrierte wieder. Er stürzte den Saft hinunter: Die Wirklichkeit konnte ihn heute. Er wankte an Katas neuen, noch verpackten Bestellungen vorbei und schleifte seine Füße ins Virtuali. Er schaltete das Becken ein, setzte die Maske auf und wartete, bis das Gel Körpertemperatur erreicht hatte. Er hielt sich am Beckenrand fest, als er hineinkletterte. Sein Gleichgewichtssinn hatte unter den gestrigen Ereignissen gelitten. Er versank in dem weißen Gelee, genoss die frische Brise aus der Maske und tastete nach dem Knopf, der seinen aktuellen Spielstand lud. Katas Spiel. Darf der Log auf Ihre Spiele zugreifen? Nein. Hier konnte er ihn noch aussperren. Stummschalten. Kata hatte es kein einziges Mal gespielt. Sie hatte nur entschieden, was sein durfte und was nicht. Über sich hörte er die Vögel in den Bäumen, sie zwitscherten und raschelten. Er atmete durch. Nur noch zwei Quests und er würde zum nächsten Level aufsteigen. Hinaus aus den Birken, weg von den Sümpfen, hin zu den Savannen und schließlich Tropenwäldern. Solange er hier war, war alles leicht. Im ersten Level hatte er zwischen den Tannen noch mit Fäusten siegen müssen. Die Figur, die er gewählt hatte, war ein Jäger, jedoch war es nicht seine Aufgabe zu jagen, sondern die Tiere des Waldes vor Wilderern und Baggern zu schützen. Vor Menschen und Maschinen. Die Wilderer hatten es auf die Geweihe der Wolpertinger und auf die Zähne der Vampirrehe abgesehen. Die Bagger auf die großen, menschenleeren Territorien und auf die betonlose Unsicherheit. Auf dem ersten Level hatte er sich einen Wolpertinger gezähmt. Jetzt vermisste er den kleinen Gesellen, der stets friedlich vor sich hin mümmelte, um bei Gefahr doch wild hoppelnd und Geweih voraus dem Gegner entgegenzustürmen. Auf dem jetzigen Level hatte er sich