Weltschmerz und Wahnsinn. Magdalena Ungersbäck

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Название Weltschmerz und Wahnsinn
Автор произведения Magdalena Ungersbäck
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783991077695



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den Bäumen laufen und lachen und Pfirsiche klauen. Wenn sie gesund ist, besuchen wir meine Eltern und vielleicht können wir auch länger bei ihnen bleiben, bis wir nach Shanghai ziehen.

      Als sie langsam wieder aufwacht und ihre Augen öffnet, lächle ich sie an.

      „Weißt du, Maja, als ich so alt war wie du, stellte ich mir vor, dass ich später einmal die Pfirsichplantage meiner Eltern übernehmen werde. Ich sah mich zwischen den Bäumen umhergehen und die Berge betrachten, in aller Stille. Jetzt bin ich hier im lauten Peking und sitze in einem Büro mit tausend anderen Leuten.“

      „Was willst du mir damit sagen?“, röchelt sie leise und schaut mich erwartungsvoll an.

      „Wenn du wieder gesund bist, musst du deinen Träumen hinterherjagen und sie nicht aufgeben, hörst du?“ Ich klopfe ihr auf die zarte Hand.

      „Das ist mein Plan!“ Sie lächelt schwach, dann holt sie nochmals aus: „Ich weiß doch, dass du viel lieber bei deinen Pfirsichen wärst als hier in Peking, du schwärmst die ganze Zeit davon. Vielleicht sollten wir nicht nach Shanghai ziehen, sondern zu Oma und Opa. Mir gefällt es dort doch auch! Dann kannst du deinem Traum auch wieder hinterherjagen.“

      Ich schaue sie verwundert an. Für einen kurzen Moment fühle ich Hoffnung in mir aufsteigen. Ein Leben bei den Pfirsichen zusammen mit Maja: Das ist mein Traum und sie träumt auch davon. Aber dann falle ich wieder auf den harten Boden der Realität. Xiaolong würde bei diesem Vorhaben niemals mitmachen.

      „Dafür ist es jetzt zu spät“, sage ich, „außerdem brauchst du medizinische Versorgung und die bekommst du eben nur in der Stadt.“

      Sie nickt verständnisvoll. Dann steht sie auf und wir verlassen das Krankenhaus wieder. Ich rufe uns ein Taxi, das uns nach Hause bringt. Wir reden nicht mehr davon, doch ich kann beinahe hören, wie wir beide darüber nachdenken.

      Es ist später Abend und Maja schläft schon. Ich sitze vor dem Fernseher und sehe irgendeine seltsame Show. Ich schalte auf ein anderes Fernsehprogramm und sehe einen Bericht über Wuhan. Ein Sprecher erzählt, dass hier ein neuartiger Virus ausgebrochen ist. Es seien schon einige Leute damit infiziert worden und auch gestorben, aber es gäbe keinen Grund zur Sorge. Ein Arzt hätte auch schon davor gewarnt. Es soll aber eine Falschmeldung gewesen sein. Ich bin trotzdem beunruhigt und denke an Xiaolong. Ganz hervorragend. Er treibt sich irgendwo in Wuhan herum und schleppt das Virus womöglich noch mit nach Hause. Das können wir jetzt gerade noch gebrauchen. Soll er doch gleich dortbleiben. In diesem Moment höre ich einen Schlüssel in der Tür drehen. Die Tür springt auf und Xiaolong tritt herein. Seine alleinige Anwesenheit löst urplötzlich eine Bedrücktheit in mir aus. Ein Gefühl von Abstoßung – ich mag seine Aura einfach nicht mehr.

      „Hallo! Wie war die lange Autofahrt?“, rufe ich ihm zu und versuche diese Gefühle zu ignorieren, zu unterdrücken.

      „Hallo! Ganz gut, ganz gut!“ Er zieht sich aus und kommt zu mir herüber.

      Er gibt mir einen Kuss auf den Kopf und legt sich zu mir. Ich fühle mich unwohl.

      „Hast du von dem Virus in Wuhan gehört?“, frage ich ihn.

      „Ja, mein Bruder hat mir davon erzählt. Aber es soll halb so schlimm sein. Es übertreiben alle ein bisschen. Es ist bloß eine Art Lungenentzündung und kann gar nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden! Die Regierung hat alles im Griff!“

      „Na gut. Hauptsache du hast dich nicht angesteckt“, antworte ich keck und überspiele weiter diese komischen Gefühle.

      „Aber nein! Doch leider haben sie die Märkte in Wuhan wegen des Virus seit vorgestern geschlossen. Übertrieben!“ Er blickte kurz ins Leere.

      Plötzlich nimmt er die Fernbedienung und schaltet ab. Er sieht mich erwartungsvoll an. In seinen Augen sehe ich ein begieriges Funkeln. Es ist beunruhigend, es ist nicht liebevoll, es macht mir ein bisschen Angst. Ich drehe mich ein Stück von ihm weg und versuche es zu ignorieren. Er beginnt von dem Markt zu erzählen, der leider geschlossen war und wird ganz unruhig. Immer wenn er auf so einem Markt war oder davon berichtet, ist er ganz aufgedreht. Voller Adrenalin. Es ekelt mich an. Plötzlich zieht er an mir, beugt sich auf mich. Sein warmer Atem bläst auf meine Haut. Mir ist, als könnte ich frisches Tierblut an seinen Lippen riechen, obwohl doch der Markt geschlossen war. Er beginnt mich am Ohr und am Hals zu beißen und drückt mich unter sich nieder.

      „Ey, hör auf damit!“ Ich versuche mich aus seinem Griff zu befreien. Darauf habe ich gerade überhaupt keine Lust. Doch er macht weiter und zieht an meiner Kleidung.

      „Sei doch nicht so bockig!“, flüstert er.

      Ich stoße ihn kraftvoll weg und stehe auf, gehe ohne ein Wort weg. Er atmet genervt aus und folgt mir.

      „Ling, bleib da!“

      Ich begebe mich in unser Schlafzimmer und sage, dass ich müde sei. Trotzig lege ich mich ins Bett und schließe meine Augen. Xiaolong bleibt vor dem Bett stehen und mustert mich. Dann legt er sich neben mich und sagt: „Du bist so anders! Liegt es an Maja? Machst du dir Sorgen?“

      Ich drehe mich nicht zu ihm und antworte bewegungslos: „Nein. Wenn du es bemerkt hast, ich bin seit acht Jahren anders. Seit Mulan. Wie du übrigens! Du bist auch völlig anders geworden!“

      „Hör doch auf mit Mulan! Mulan hat es nie gegeben, hörst du? Wann begreifst du das endlich?“ Er wird zornig. Er wird immer zornig bei diesem Namen.

      Ich schnaufe verächtlich und schließe wieder meine Augen. Doch ich spüre, wie sehr ihn dieser Name aufregt. Seine Muskeln sind angespannt und seine Finger beginnen nervös zu zucken. Plötzlich packt er mich grob und zieht mich zu sich.

      „Aua! Bist du wahnsinnig?“, fauche ich ihn an.

      Er antwortet nicht. Sein Gesicht ist angespannt, er beißt seine Zähne krampfhaft zusammen. Die Wut strömt durch seinen ganzen Körper und seine Augen blitzen mich gefährlich an. Er setzt sich auf mich, so dass ich mich nicht mehr wegdrehen kann. Er reißt seine Hose hinunter und zieht mir gewaltvoll meinen Pyjama vom Leib. Seine Finger rammen sich in meine Haut. Verzweifelt versuche ich mich zu wehren, schlage ihm gegen die Brust und in das Gesicht. So weit ist es also schon gekommen. Er ist dem Wahnsinn verfallen, er ist ein Gestörter. Es ist sinnlos, er ist viel stärker als ich. Xiaolong hält meine Arme fest und atmet laut. Voller Wut, voller Begierde, voller Macht. Und ich gebe auf, lasse es über mich ergehen.

      Jack

      13. Januar 2020

      Ich sitze am Tresen der Bar meines alten Freundes Jeff und trinke Whiskey, während er vor meiner Nase Gläser poliert. Es ist Nachmittag und es sind noch nicht viele Gäste hier. Ich habe mein schmutziges, kariertes Hemd an, meine alten Jeans, die Stiefel und den Hut. An der Wand hängen ein Stierkopf und Bilder von Rodeofesten. Wie sehr ich die gute Vergangenheit vermisse. Ich nippe an meinem Whiskey.

      „Denkst du schon wieder an damals, Jack?“, fragt Jeff, während er weiter poliert.

      Mein Blick dreht sich von den Bildern zu ihm.

      „Mhm.“

      „Du musst aufhören damit! Weder kommt dadurch Sarah zurück noch deine Jugend“, redet er weiter auf mich ein.

      „Ja, ja!“

      „Ernsthaft, Jack. Du wirst dadurch nur noch älter und verbitterter, als du es ohnehin schon bist, und deine Söhne vertreibst du auch noch!“

      „Die sind schon fort.“

      Er nickt und nimmt die nächsten Gläser in die Hand.

      Ich betrachte wieder die Bilder. Auf drei von ihnen bin ich zu sehen, auf einem auch Sarah. Mit Anfang Zwanzig waren wir bekannte Rodeoreiter. Ich hatte es auf der Farm von meinem Vater gelernt, denn man brauchte es hin und wieder, um kleine, freche Kälber einzufangen. Sarah hatte auch in ihrer Jugend damit begonnen. Auf der Farm ihrer Kindergartenfreundin packte sie die Begeisterung für das schnelle Reiten und für das „Kälber mit Lassos einfangen“, so dass die Eltern ihrer Freundin ihr zuerst