Gargoyles. Maria Spotlight Bennet

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Название Gargoyles
Автор произведения Maria Spotlight Bennet
Жанр Языкознание
Серия
Издательство Языкознание
Год выпуска 0
isbn 9783985103010



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gefunden. Seine violetten Augen glühten bedrohlich, seine Flügel zitterten vor Wut. Er stapfte auf sie zu und packte sie grob am Handgelenk.

      „Du kommst jetzt augenblicklich mit mir, Freya. Und ich schwöre dir, wenn …“

      „HEY“, schrie es von unten herauf zu ihnen.

      Alex hatte den Mut gefunden, sich bemerkbar zu machen. Er sah hinauf zu den Gargoyles. Sein Blick küsste den von Freya. In diesem Moment stand die Welt der Gargoyles kopf. Seit Anbeginn ihrer Zeit hatten sie mit ihrem Fluch, nie gesehen werden zu können, lernen müssen umzugehen und ihn zu akzeptieren. Sie waren einst als große Kunst erschaffen worden, um von den Menschen bewundert zu werden. Und jetzt gab es einen, der sie sehen konnte. Alex sah die Engel mit den Teufelsflügeln.

      Viktor

       Da war dieses grüne Licht gewesen, das ihn umhüllte wie eine toxische Wolke. Und ein unbekanntes Gefühl floss so plötzlich durch sein Inneres, als hätte man ein Feuer entfacht und Öl hineingegossen. Ein rhythmisches Hämmern wummerte in seinem Inneren, BA-DUM, BA-DUM. Er, den der Künstler George Steam Viktor genannt hatte, spürte Leben in seiner Brust. Er wurde befreit von seiner steinernen Hülle, die sich abpellte wie die Haut eines Basilisken. Viktor war orientierungslos, alles, was er sah, war dieses grüne Licht. Instinktiv öffneten sich seine Flügel und hoben ihn in die Luft. Seine Augen suchten nach einem Fluchtpunkt und fanden ihn. Purpurnes Licht traf seine Netzhaut und blendete ihn. Er war von einem grünen Inferno in ein rotes Meer geflogen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis seine Augen sich auch an diese Farbe gewöhnten und seine Sicht zurückkehrte. Er erblickte seltsame Gebilde, die dicht aneinandergereiht die Kulisse zierten. Und zwischendrin sah er Gewächse aus dem Erdreich ragen wie grüne Finger. Figuren aus Fleisch und Blut, deren Münder auf und zu gingen und dadurch eine hohe Geräuschkulisse erzeugten, tummelten sich unter seinen Füßen. Sie wirkten wie ein Strom aus Ameisen. Wie betäubt durch die vielen Eindrücke, die mit eiserner Wucht auf ihn einschlugen, bemerkte der Gargoyle nicht, dass er Gesellschaft bekommen hatte. Jemand berührte seine Hand, er drehte sich hoch oben in der Luft um und blickte in die gütigsten Augen, die er je zu Gesicht bekäme. Lavendia war ihm gefolgt und hatte ihn gefunden. Sie wirkte hilflos, verängstigt, obwohl sie wusste, dass Viktor wie sie war. Viktors Finger vergruben sich in ihre. Wie Todesengel folgten sie dem Sonnenaufgang, der sie mit seinem Lichtspiel aus roten, goldenen und violetten Strahlen weg von dem Tumult der Stadt führte. Ihr Weg brachte sie auf eine weite Wiese, wo erst kürzlich jemand das Gras mit einer Sense geschnitten hatte, denn die Luft war noch erfüllt vom Geruch der abgetrennten Grashalme. Für Lavendia hatte es nie einen schöneren Duft gegeben, doch er würde aus ihrem Gedächtnis verschwinden, da die Gargoyles zu der Zeit noch keine Ahnung hatten, welches düstere Zeitalter ihres werden würde. Viktor blickte nochmals in Lavendias Augen, in denen er sich komplett verlor. Sie waren von einem mystischen Violett, umrandet von einem tiefschwarzen Kreis. Nicht einmal der Himmel brachte mit seiner Tag und Nachtgleiche einen solchen Farbton zustande. Das Pochen in seiner Brust wurde stärker, aber es fiel ihm schwer, das Gefühl zu deuten. Prinzipiell gesehen waren sie beide nach ihrer Erweckung durch den Fluch der Hexe wie neugeborene Säuglinge, betrachtete man die Umstände, dass sie die Welt mit ihren Gebräuchen, Formen und Farben, ihrem Wissen, ihren Gerüchen und alledem erst kennen und verstehen lernen mussten. Desto erleichtert waren beide, dass sie einander hatten. Sie waren keine einsamen Löwen in der Prärie, sie waren zwei ausgeklügelte Wölfe. Ein Herdentier, dessen Stärke das Rudel ist. Und wie auch der Wolf seine Kameraden selbst in der finstersten Nacht findet, bemerkten die beiden Gargoyles ein ihnen bekanntes Geräusch; es war das Auf und Abschlagen von Flügeln, das sich über ihren Köpfen bildete. Zwei weitere ihrer Gattung hatten in ihren Kreis gefunden und gesellten sich hinzu. Es waren Orgun und Augustine. Von ihren tristen, steinernen Hüllen befreit, gaben Orgun und seine Gefährtin Augustine ein ebenso prächtiges Gemälde ab wie die beiden anderen Gargoyles. Orguns tiefseeblaue Augen waren mit einer kalten Strenge auf Viktor gerichtet. Er musterte ihn, seine Körperhaltung blieb indes gelassen. Seine schmalen Lippen verzogen sich hernach zu einem beruhigten Lächeln.

      „Wir sind gleich“, bemerkte er.

      „Sind wir eben nicht“, höhnte Viktor in einem schon fast verächtlichen Tonfall. Er streckte seine Hand aus und deutete mit dem Zeigefinger auf Orguns Flügel.

      „Deine Flügel haben andere Merkmale als die unseren.“

      Es stimmte, Orguns und Augustines Flugwerk wies ein paar Unterschiede zu den der beiden anderen auf. So war der Knochen, der am obersten Punkt der Flügel herausragte bei Viktor und seiner Begleiterin nach hinten gekrümmt, während die von Orgun und seiner Partnerin jeweils zu den Seiten rechts oder links zeigten. Zudem waren diese nicht mottenzerfressen und von einem weit kleineren Adernetzwerk geprägt.

      „Trotz allem teilen wir ein gemeinsames Schicksal“, merkte Orgun etwas gekränkt an, „wir sollten uns nicht an Kleinigkeiten festmachen. Ich würde vorschlagen, wir suchen uns fürs Erste ein sicheres Versteck.“

      Sie einigten sich darauf, gen Westen zu fliegen. Schon bald hatten sie andere ihresgleichen gefunden und der ursprüngliche Kreis der Gargoyles war wieder vereint. Sie erkannten die Unterschiede in ihrer Spezies und teilten sich fortan in zwei Gruppen auf, die Grimm und die Pearce. Da Orgun und Viktor solch schillernde Persönlichkeiten waren, überließ man ihnen die Rädelsführung. So formten die beiden Anführer ihre Klans nach ihren Wünschen. Sie hielten sich abseits der Menschenwelt, noch. Denn die glitzernden Lichter, die prächtigen Farben und die vielen Gerüche hatten ihren unsichtbaren Zauber auf die Welt der geflügelten Wesen geworfen und ihre Existenz unter ihnen schon bald zurückgefordert. Ein schwerer Fehler.

      Das Spiel möge beginnen

      „Was zum Teufel war das gerade eben?“

      Ash brüllte seinen Unmut seiner Schwester hinterher, die vor Aufregung zitternd in ihr Zimmer stürmte und sich in beruhigenden Kreisbewegungen die Schläfen massierte. Ihr Bruder hatte sie grob bei ihren Flügeln gepackt, sie aus St. Paul’s herausgezerrt, seine Hand wie eine Handschelle um ihre geschnallt und war im Eilflug nach Westminster ohne Zwischenvorfall zurückgekehrt. Sie hatte keinen Widerstand geleistet, ohnehin zog Ash eine geistlose Hülle hinter sich her, denn Freyas Gedanken hingen noch bei dem jungen Mann aus der Kirche, der die Gargoyles gesehen hatte. In der Realität angekommen, schnellte ihr Geist wie ein Geschoss zurück in ihren Körper und war mit der Tatsache völlig überfordert. Ihr Kopf schmerzte, ihr Puls raste wie ein Schnellzug durch einen Tunnel und ihre Schläfen pochten mit diesem dumpfen, unangenehmen Hämmern.

      „FREYA“, schrie Ash, seine Stimme war eine Mischung aus schriller Angst und tobender Wut. Er knallte die Tür hinter sich zu, es kümmerte ihn nicht, ob es Aufsehen erregte, dafür war sein Nervenkostüm zu angeschlagen. Durch sein Brüllen holte er Freya ins Diesseits zurück.

      „Ich habe dich gefragt, was da eben passiert ist?“

      „Woher soll ich das wissen?“, verteidigte sie sich, aber ihre Stimme klang kleinlaut.

      „Dieser Mensch hat uns gesehen, das ist dir hoffentlich bewusst. Und wir hatten beide unsere Flügel ausgebreitet. Das ist doch nicht möglich, das ist nicht möglich“, sagte er mehr zu sich selbst und donnerte mit seiner Faust auf das Tischchen vor ihm.

      „Ash beruhige dich, es bringt überhaupt nichts, wenn du so aus der Haut fährst. Wenn wir die Sache klären wollen, sollten wir einen kühlen und vor allem pragmatischen Kopf behalten.“

      „Du klärst hier überhaupt nichts, Fräulein, nur deinetwegen sind wir überhaupt in dieses Schlamassel geraten.“

      „Wie hab ich das wieder zu verstehen?“, Freya verzog ihr Gesicht zu einer gereizten Maske.

      „Das heißt, liebe Schwester, dass du von nun an Hausarrest hast“, Ash schritt näher auf Freya zu. Der seidene Faden, an dem sein letztes bisschen Geduld für seine Schwester gehangen hatte, war gerissen und war in einen tiefen Abgrund aus Wut, Enttäuschung und Verärgerung gefallen.

      „Für wen hältst du dich, dass du mir so etwas aufbürdest?“

      „Ich bin dein